15. Februar 2010
Das Protokoll einer Hypochonderin

Das Protokoll einer Hypochonderin

Eingebildete Kranke: Manche Menschen leiden unter Erkrankungen, die sie gar nicht haben. Die Krankheitsangst trotz negativer ärztlicher Befunde heißt Hypochondrie

Es stimmt, dass Hypochonder jahrelang leiden. Nur eben nicht an den Krankheiten, die sie sich einbilden, sondern an ihrer extremen Angst vor Krankheiten. Bis sie die einzig wahre Behandlung finden, nämlich eine psychologische Therapie, beschäftigen sie zahlreiche Ärzte. Zum Verhängnis wird ihnen auch das Internet. Auf tausenden medizinischen Seiten verlieren sie sich hoffnungslos auf der Suche nach passenden Diagnosen. Eine Frau erzählt ihre Geschichte:

„Wie der Film hieß, weiß ich nicht mehr, aber das Bild des Toten, der auf seinem Krankenhaus-Gitterbett die ganze Leinwand ausfüllte, gab mir den Rest. Ich hatte schon vorher zu meiner Freundin gesagt, dass ich mich unwohl fühle, doch sie hatte abgewinkt und mich gedrängt, der Film sei so spannend.

Krank durch das Internet?

Es kann hypochondrische Neigungen zumindest massiv verstärken. Hier findet der Angstkranke zahlreiche, vermeintlich wichtige Informationen, in denen er sich verlieren kann. Diagnose: Cyberchondrie.

Nun saß ich hier, in die Zuschauerreihen gesperrt, kein Fluchtweg offen und starrte auf diese überdimensionale Leiche. Als ich mich zu meiner Freundin neigen wollte, zog ein verspannter Muskel sekundenlang eine brennende Schmerzspur durch mich hindurch, und mein Herz begann zu klackern wie die Absätze einer Flamenco-Tänzerin. Kein Zweifel: Ich stand kurz vor einem Herzinfarkt, und kein Notarzt konnte mich hier rausholen. Bei diesem Gedanken gab mein Herz noch mehr Gas. Es trommelte, bis das Kino samt Film und Publikum im Nebel verschwand. Nur noch ich war übrig – keuchend, schwitzend, sterbend. Meine Freundin merkte nichts, sondern starrte gebannt auf die Leinwand.

Dem Tod nur knapp entronnen

Als die Lichter angingen, fragte sie: ,Wieso siehst du so zerzaust aus?‘ Ich mochte ihr nicht sagen, dass ich mich heldenhaft benommen hatte, obwohl ich dem Tode nur knapp entronnen war. Ich hatte nicht geschrien und niemanden aufgescheucht, obwohl mein akuter Notfall mich dazu berechtigt hätte. Gleich morgen früh würde ich zum Arzt gehen – denn mit Herzgeschichten ist nicht zu spaßen. Obwohl es mir draußen an der frischen Nachtluft wieder leidlich gut ging, lehnte ich den Vorschlag meiner Freundin ab, noch etwas trinken zu gehen. Der Arzt sollte morgen früh keine verfälschten Testergebnisse bekommen, weil ich über die Stränge geschlagen hatte. Davon abgesehen durfte ich – schweißnass, wie ich war – mich bloß nicht auch noch verkühlen.

Bevor ich zu Bett ging, blätterte ich im ,Pschyrembel‘. Erstaunlich, wie viele Menschen noch nie etwas von diesem dicken grünen Nachschlagewerk gehört haben, das in allen Sprechzimmern steht. Ich hatte schon oft verzweifelt tausend dünne Seiten hin und her gewendet, weil ein medizinischer Fachausdruck auf den nächsten verwies und sich immer neue bedenkliche, nur halb verständliche Interpretationen für meine Körpersignale ergaben. Ärzte haben es nicht gern, wenn Patienten aus dem ,Pschyrembel‘ zitieren – dabei leiste ich doch gewaltige Vorarbeit, wenn ich schon mehrere Diagnosen anbieten kann, bevor der Herr Doktor meinen Blutdruck gemessen hat. Natürlich lese ich auch regelmäßig verschiedene Gesundheits-Blätter. Mein Internist sagt, wenn dort von Nieren- und Gallensteinen die Rede sei, habe er in der Praxis einen signifikanten Anstieg von Leuten zu verzeichnen, die entsprechende Symptome beschreiben.

Mich trifft seine Ironie nicht. Ich habe ja schwarz auf weiß, dass meine Blutwerte nicht in Ordnung sind. Dies sei zwar ein bloßer Laborwert, der für sich nichts bedeute, aber dann fügte mein Arzt hinzu: ,Es sagt lediglich aus, dass jemand eventuell – ganz, ganz vielleicht – im allerseltensten Ausnahmefall im Alter Rheuma entwickeln könnte.‘ Das ,könnte‘ betonte er laut und deutlich.

Unklare Schmerzen

Die Wahrheit war: Ich hatte es schon. Unklare Schmerzen im rechten Knie wiesen darauf hin. Meine Freundin sagte, sie würde sich bald jemand anders zum Spazierengehen suchen, denn es sei ihr peinlich, dauernd vor einer hinkenden Frau herzulaufen. Aber ich war krankgeschrieben – das gab mir recht. Auf dem Attest stand ,vegetative Dystonie‘. Das heißt, dass die Erregungsleitungen in meinem Nervensystem gestört sind, erklärte ich meiner Freundin. Sie antwortete: ,Das heißt, dass du hysterisch bist.‘ Seitdem sprechen wir nicht mehr miteinander.

Es ist ärgerlich, dass ich bei der Beförderungsrunde in der Firma wieder übergangen worden bin. „Sie sind ja engagiert, aber einfach zu oft krank“, sagte meine Chefin und schaute mich ernst an, als ich wieder zur Arbeit antrat. Ich schämte mich, meinen Kollegen in der Mittagspause von meinem schmerzenden Knie zu berichten, sprach nicht über Infarktgefährdung, auch nicht von meinen Blutwerten, die ich auf einem Kärtchen im Portemonnaie bei mir trug.

Dass mir schwindelig wurde, als ich mich vom Tisch erhob, dafür konnte ich wahrhaftig nichts. Kollegen sprangen auf, um mich zu stützen. ,Ständiger Schwindel kann auf einen Gehirntumor hinweisen‘, meinte einer genüsslich. Mir schien, als lachten sie über mich, während ich mit schreckensbleichem Gesicht mein Tablett zurücktrug. Mein Ende war besiegelt. Mein großes ,inneres Ohr‘, mit dem ich auf das Rauschen, Knacken, Gluckern und Beben meines Körpers lauschte, half mir nicht mehr.

Mein Internist offenbar auch nicht. ,Gibt es keine Heilung für mich?‘, fragte ich ihn flehend. Er sprach, er sehe eine im Nacken völlig verspannte Frau. Dies könne schon mal Schwindel auslösen. ,Ansonsten haben Sie nichts.’ Da bei Krebs Eile geboten ist, stürmte ich aus der Praxis und suchte mir sofort einen neuen. Dass dieser junge Facharzt mich augenblicklich zum CT überwies, bestätigte meine schlimmsten Befürchtungen. Die Computertomografie ergab nichts, doch der Schwindel, lateinisch ,vertigo’, verging nicht, und ich blieb todesangstgepeinigt.

Medizinische Foren und Online-Lexika

Wieso mir erst in dieser Lage einfiel, den Begriff in eine Internet-Suchmaschine einzugegeben, weiß ich nicht. Jedenfalls sprangen über eine Million Seiten heraus, und ich fand mich in einem Eldorado wieder, das meinen zerfledderten kiloschweren ,Pschyrembel‘ wie einen Prospekt erscheinen ließ. Auf abertausend Gesundheitsseiten, in medizinischen Foren und Online-Lexika entdeckte ich verwandte Begriffe wie ,Schwankschwindel‘, ,Drehschwindel‘, ,Dauerschwindel‘, ,Lagerungsschwindel‘ und ,Morbus Menière‘. Alles Symptombeschreibungen, nach denen mich kein Arzt gefragt hatte. Hier gab es Ratschläge im Zwölferpack, hier fand ich Berichte von Betroffenen, die ähnliche Praxis-Odysseen hinter sich hatten – unverstanden, unerhört, unerlöst von ihrem Leiden. Am selben Abend loggte ich mich mit dem Benutzernamen ,Patient1137‘ in ein Forum ein, denn die Benutzernamen ,Patient1‘ bis ,…1136‘ waren bereits vergeben.

Dass ,geteiltes Leid halbes Leid‘ ist, kann ich nicht bestätigen, doch zahlreiche Leidensgenossen zu entdecken ist tröstlich. In diesem Forum lernte ich Leute kennen, die ein Blutdruckgerät bei sich trugen, um nach jedem Treppensteigen zu messen. Andere stellten sich nachts den Wecker, weil sie überprüfen wollten, ob sie im Schlaf nicht gestorben waren. Hier gestand ich erstmals, dass ich erwog, mir einen Rollstuhl zuzulegen, um mein Knie nicht weiter zu belasten, und dass ich seit langem auf Urlaubsreisen verzichtete, wenn kein Krankenhaus in der Nähe war.

Dass es mir jetzt besser geht, kann ich nicht behaupten. Jeden Tag kommen neue alarmierende Symptome dazu. Das Haus verlasse ich nur noch, um zum Arzt zu gehen. Und wenn ich nicht gestorben bin, surfe ich noch heute...“

Interview über Hypochondrie

„Das Internet kann zum Fluch werden“

Interview mit Dipl.-Psych. Maria Gropalis von der Universität Mainz

Wann bezeichnet man einen Menschen als Hypochonder? Wenn sich seine Krankheitsangst trotz negativer ärztlicher Befunde länger als sechs Monate nicht anhaltend beruhigt, gilt er als Hypochonder. Die Betroffenen schämen sich und wechseln häufig den Arzt. Bis sie einen Psychologen aufsuchen, haben sie oft einen zehnjährigen Leidensweg hinter sich.

Welche Folgen hat die Krankheit? Durch die Fokussierung seiner Aufmerksamkeit auf die eigenen Körperreaktionen erfährt der Hypochonder im sozialen und beruflichen Umfeld erhebliche Beeinträchtigungen. Langfristig kann eine Depression entstehen.

Gibt es Anzeichen, dass leicht zugängliche Gesundheitsinformationen im Internet sein Leiden verschärfen? Wir haben noch keine Daten, die dies wissenschaftlich belegen, aber aus unserer praktischen Erfahrung sage ich: Das Internet kann zum Fluch werden. Der Hypochonder sucht ja ständig nach Beruhigung seiner Krankheitsangst. Im Internet kommt er von den tausenden Links nur noch schwer los.

Was ist die beste Therapie? Mit kognitiver Verhaltenstherapie setzen wir nah am Hier und Jetzt an, dort, wo die Patienten leiden. Das führt bei allen mindestens zu leichter Besserung, zwei Dritteln geht es sogar deutlich besser. Wir starten mit neun Doppelstunden Gruppentherapie plus sechs Einzelsitzungen.

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