1. Februar 2013
Endometriose: Wenn Menstruationsbeschwerden zur Krankheit werden

Endometriose: Wenn Menstruationsbeschwerden zur Krankheit werden

Viele Frauen glauben, Regelschmerzen müssten sie aushalten. Doch dahinter kann eine Krankheit mit dem schwer sich zu merkenden Namen Endometriose stecken. Und die lässt sich mittlerweile erfolgreich behandeln. Eine Frau erzählt ihre Geschichte.

Bauchgefühl
© PeopleImages/iStock
Bauchgefühl

Es klingt wie ein makaberer Scherz. Ist aber keiner. „Ich habe zwischen zwei Schüben geheiratet“, erzählt Inge Schröder. Wie so viele andere Zeitpunkte in ihrem Leben musste sie auch diesen sehr bewusst auswählen. Musste ein weiteres Mal auf ihre Krankheit Rücksicht nehmen. Fast 20 Jahre lang litt sie an Endometriose: Gutartige Herde aus Gebärmutterschleimhaut, dem sogenannten Endometrium, hatten sich in ihrem Bauchraum angesiedelt und durchliefen mit jedem Monatszyklus die gleichen Veränderungen wie die Gebärmutterschleimhaut. Jede Regel wurde für die heute 32-Jährige durch unglaublich starke Schmerzen zur Tortur.

Eine verborgene Krankheit

Eine oft unentdeckte Erkrankung: Endometriose. Geschätzte sechs Millionen Frauen sind betroffen. Die Endometriose Vereinigung Deutschland in Leipzig schätzt, dass es hierzulande etwa vier Millionen Frauen so geht wie Inge Schröder. Andere Fachleute rechnen mit bis zu sechs Millionen Betroffenen und 40 000 Neuerkrankungen pro Jahr. Gut möglich, dass die Zahlen noch höher liegen: Viele betroffene Frauen gehen trotz starker Regelschmerzen nicht zum Arzt, weil sie glauben, sie aushalten zu müssen. Und bei jenen, die sich dann doch untersuchen lassen, brauchen deutsche Ärzte durchschnittlich zehn Jahre, um die richtige Diagnose zu stellen. Denn viele Gynäkologen wissen zu wenig über diese rätselhafte Krankheit, deren Ursache bislang noch immer im Dunkeln liegt.

Inge Schröder
© Thekla Ehling
Inge Schröder

Regelschmerzen ernst nehmen

Inge Schröder ist Expertin. Ungewollt. Die Phasen zwischen den Endometriose-Schüben waren für sie buchstäblich Hoch-Zeiten. Dann ging es ihr gut. Doch mit jedem Eisprung erlebte sie wieder einen schmerzhaften Tiefpunkt. „Es fühlte sich jedes Mal an, als hätte sich jeder einzelne Nerv in meinem Bauch entzündet“, beschreibt sie ihre Beschwerden. „Treppen konnte ich nur noch hochkriechen, jede Bewegung tat weh, und mein Bauch schwoll an.“ Nur mit Schmerzmitteln schaffte es die gelernte Optikerin zur Arbeit. Trotzdem glaubte sie zunächst nicht an eine Krankheit. „Am Anfang dachte ich, das ist normal“, erinnert sie sich. „Auch weil eine Freundin erzählte, ihre Mutter habe das ebenfalls.“ Aber schon bald spürte Inge Schröder: Solche Schmerzen können nicht normal sein. Sie ging zu Ärzten. Immer wieder. Um die 20 waren es insgesamt. Und bekam stets zu hören: „Mit Regelschmerzen müssen Sie leben.“ Einer sagte sogar, sie solle sich nicht so anstellen, sie sei doch „kein frisch gebackenes Brötchen mehr“. Da war sie 23. In dem Alter, so der Mediziner damals weiter, habe sie ja „ausreichend Erfahrung mit ihrer Regel“. Heute kann Inge Schröder darüber lächeln. „Damals fing ich an, an mir zu zweifeln, und hatte immer mehr Angst vor dem nächsten Tag mit Schmerzen.“ Sie versuchte es mit unzähligen Behandlungen wie Akupunktur, Wärmekissen und Homöopathie. Nichts half gegen ihre Beschwerden.

Beratungsgespräch
© Thekla Ehling
Beratungsgespräch

Leidensgeschichten wie diese kennt Prof. Ivo Meinhold-Heerlein nur zu gut. 2009 gründete er am Universitätsklinikum Aachen mit seinen Kollegen Prof. Nicolai Maass und Oberärztin Dr. Monika Wölfler eines der ersten Endometriose-Zentren Deutschlands (Infos: www.ukaachen.de). „Regelbeschwerden wurden jahrhundertelang als gegeben akzeptiert, auch von Ärzten“, so Meinhold-Heerlein. „Das größte Problem aber ist, dass die Ausprägung der Krankheit lange unterschätzt wurde.“ Denn Endometrioseherde, die klein wie eine Stecknadel oder groß wie eine Faust sein können, dehnen sich oft auf innere Organe aus, wachsen in andere Gewebe hinein und führen, wenn sie an Eileitern oder Eierstöcken sitzen, zum unerfülltem Kinderwunsch. Am Universitätsklinikum Aachen fühlt sich Inge Schröder mit ihren Beschwerden endlich ernst genommen. Mit ihrem Zentrum, das die Europäische Endometriose Liga mittlerweile zertifiziert hat, wollen Meinhold-Heerlein und sein Team betroffenen Frauen schnell helfen. „Wir haben eine Spezialsprechstunde eingerichtet und arbeiten interdisziplinär. Das ist vor allem für schwere Endometriose-Fälle wichtig. Und wir operieren laparoskopisch“, so Prof. Nicolai Maass. Das heißt: Die Operation verläuft per Bauchspiegelung, ohne größere Schnitte.

Mit der Krankheit in guten Händen

Die OP-Werkzeuge werden durch fünf bis zwölf Millimeter schmale Öffnungen eingeführt, können sogar kleinste Endometrioseherde aufspüren und entfernen. Dabei geht das Ärzteteam nicht standardisiert vor. „Wir müssen vor allem die Lebenssituation der Frau berücksichtigen“, sagt Oberärztin Dr. Wölfler. „Es ist ein großer Unterschied, ob eine 35-Jährige zu uns kommt, die sich noch Kinder wünscht, oder ob wir eine Frau behandeln, die ihre Familienplanung abgeschlossen hat.“ Die Behandlung wird für jede Patientin individuell zusammengestellt. Inge Schröder hat hier das erste Mal das Gefühl, mit ihrer Erkrankung ernst genommen zu werden.

„Reden über die Krankheit erleichtert“, sagt die zweifache Mutter. „Das muss auch mit dem Arzt möglich sein.“ Mit Dr. Monika Wölfler konnte sie reden, musste sich nicht ständig auf andere Ansprechpartner einstellen. „Dass hier nur Spezialisten sitzen, gibt mir Kraft und Sicherheit.“ Dafür nimmt Inge Schröder gern die etwa einstündige Anfahrt von ihrem Wohnort Montenau in Ostbelgien in Kauf. Ursprünglich hatte ihr Frauenarzt sie 2004 hierher geschickt. Das Endometriose-Zentrum existierte da noch nicht, aber sehr wohl das Fachwissen. Letzte Hoffnung für Inge Schröder, die damals längst aufgehört hatte, ihre Operationen zu zählen. „Ungefähr 20 waren es“, schätzt sie. Doch spätestens sechs Monate nach jeder Operation kehrten die Beschwerden zurück.

Obst
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Oberärztin Dr. Wölfler empfahl Inge Schröder (r.) auch eine gesunde Ernährung mit viel Obst, da das den Verlauf der Endometriose positiv beeinflussen kann

Regelschmerzen verändern das Leben

Einen sorglosen Alltag erlebte sie immer seltener. Erst kam die Erkrankung, dann die Familie. Für mehr blieb kaum Platz. „Mein Mann Dirk hat immer zu mir gehalten, obwohl ich oft, auch von Freunden, als Spaßbremse angesehen wurde“, sagt Inge Schröder dankbar. Sie ist am Ende ihrer Kräfte, als sie in der Uniklinik Aachen ihren ersten Termin bekommt. Sie weiß nicht, ob die Endometrioseherde diesmal in umliegende Organe hineingewachsen, ob Blase und Darm gefährdet sind. Eine große OP scheint auf jeden Fall nötig. Doch die Ärzte machen ihr Mut und können die Erkrankung durch den operativen Eingriff erfolgreich zurückdrängen. Und nicht nur das: Inge Schröder wird schwanger – und spürt in dieser Zeit durch den veränderten Hormonhaushalt erstmals überhaupt nichts von der Endometriose. „Die Schwangerschaften waren meine schönste Zeit“, erzählt sie. Ohne Komplikationen kamen 2008 Sohn Mika und 2011 Tochter Viola zur Welt.

Zeitung
© Thekla Ehling
Zeitung

Inge Schröder spürt wieder Lebenskraft, kann jetzt jeden Tag unbeschwert genießen. „Warum die Erkrankung häufig eine Schwangerschaft verhindert, wissen wir in vielen Fällen nicht genau“, erläutert Prof. Meinhold-Heerlein. Umso genauer muss für Endometriose-Patientinnen eine Kinderwunschbehandlung geplant werden. Klarer Vorteil für zertifizierte Zentren – bundesweit bestehen inzwischen immerhin mehr als 30 –, in denen unterschiedlichste Fachärzte eng zusammenarbeiten: Während Chirurgen planen, wann und wie vor einer Schwangerschaft noch einmal Endometrioseherde entfernt werden müssen, bereiten Reproduktionsmediziner im Bedarfsfall parallel eine künstliche Befruchtung vor. Bei Mika war sie nicht nötig, bei Viola hat sich Inge Schröder dafür entschieden. Manchmal denkt sie darüber nach, was passieren könnte, wenn ihre Tochter Viola in einigen Jahren ihre Regel bekommt. Endometriose tritt unter Verwandten gehäuft auf. Auch ihre Großmutter, weiß Inge Schröder heute, hat unter den Beschwerden gelitten – und schwieg.

Das Leben genießen

Bei Viola würde es anders laufen, sie könnte von den Erfahrungen und dem Wissen ihrer Mama profitieren. Darauf will Inge Schröder achten. Aber vielleicht, hofft sie, ist das auch gar nicht nötig. Sie selbst entschied sich im Frühjahr 2012 für eine „Total-OP“, bei der ihre Gebärmutter und ihre Eierstöcke entfernt wurden. Damit fehlen die zyklusstimulierenden Hormone. Dass viele Betroffene diesen Schritt lange hinauszögern, kann Inge Schröder gut verstehen. Doch für sie zählt etwas anderes: „Seitdem habe ich keine Schmerzen mehr. Das ist eine Riesenerleichterung.“ Sie kann jeden Tag unbeschwert beginnen – ohne Angst vor heftigen Bauchkrämpfen. Jederzeit kann sie mit ihren Kindern spielen. Sie hat wieder Kraft zum Leben. „In unserem Haus ist noch viel zu tun. Da packe ich mit an“, sagt sie mit einem fröhlichen Gesicht, das keine Zweifel zulässt.

Endometriose erfolgreich bekämpfen

Dr. Monika Wölfer
© Monika Wölfer
Dr. Monika Wölfer

Interview: Die beste Therapie für jede Frau - Dr. Monika Wölfler, Oberärztin am Endometriose-Zentrum in Aachen, erklärt Symptome und Therapien.

VITAL: Welches sind die häufigsten Beschwerden bei einer Endometriose?
Dr. Monika Wölfler: Krampfartige und schmerzmittelbedürftige Regelbeschwerden sowie Schmerzen im Beckenbereich. Auch Schmerzen beim Sex, beim Wasserlassen oder Stuhlgang können auftreten. Dazu kommen ein allgemeines Unwohlsein und Stimmungsschwankungen.

VITAL: Wie sollten Ärzte reagieren, wenn Patientinnen über solche Symptome klagen?
Dr. Monika Wölfler: Ein ausführliches Gespräch und eine umfangreiche Tast-und Ultraschalluntersuchung sind wesentlich. Veränderungen an den Eierstöcken und der Gebärmutter lassen sich so erkennen. Sicher und exakt können Endometrioseherde aber nur per Bauchspiegelung (Laparoskopie) festgestellt werden.

VITAL: Wie werden die Herde dann behandelt?
Dr. Monika Wölfler: Eine Standardtherapie gibt es nicht. Am Anfang sollte eine Bauchspiegelung stehen, bei der Endometrioseherde entdeckt und entfernt werden. Je nach Behandlungsziel folgt dann eine Behandlung mit Schmerzmitteln und/oder Hormonen, mit denen wir das Wachstum der Herde eindämmen und nach einer OP meistens verhindern können. Zum Einsatz kommen vorwiegend mit dem Gelbkörperhormon Progesteron verwandte Präparate, weil sie nachweislich wirken. Kommen Frauen in die Wechseljahre, bleibt die Regelblutung irgendwann aus.

VITAL: Kann diese Veränderung auch den Verlauf der Endometriose verändern?
Dr. Monika Wölfler: Ja. In den Wechseljahren nimmt die Hormonproduktion der Eierstöcke ab. Die Regelblutung wird schwächer, bis sie ganz aufhört. Im selben Maß lassen in vielen Fällen auch die Endometriose-Beschwerden nach.

VITAL: Wird eine Endometriose vererbt?
Dr. Monika Wölfler: Es besteht zumindest eine familiäre Häufung. Beispielsweise haben Schwestern von Patientinnen ein siebenfach erhöhtes Risiko, auch zu erkranken. Ein „Endometriose-Gen“ wurde aber bisher noch nicht gefunden.

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