20. Juli 2021
Chronische Erschöpfung: Das hilft dagegen

Chronische Erschöpfung: Das hilft gegen die ständige Müdigkeit

Bei einem nachhaltig gestörten Schlaf kann bleierne Müdigkeit zur lähmenden Dauerbegleiterin werden. Doch häufig folgt die chronische Erschöpfung auch nach einer Virusinfektion wie beispielsweise Covid-19. Was dann hilft, um wieder fit zu werden und wie Sie dauerhaft Ihren Schlaf zu verbessern, erfahren Sie hier.

Wie traumhaft: wohlig im Bett liegen. Die Müdigkeit, eine sanft heranrollende Welle, die einen davonträgt in tiefen Schlummer. Wenn es mit erholsamem Schlaf doch so gut klappen würde. Zahlen zufolge wurden wir spätestens mit  Beginn der Corona-Pandemie zu einem Volk von Schlechtschläfern. Nach einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der mhplus Krankenkasse hat über alle Altersgruppen hinweg mehr als jede(r) Zweite Probleme einzuschlafen, wacht morgens wie gerädert auf und hängt tagsüber durch wie Tulpen ohne Wasser. Der Hauptfaktor für schlechte Nächte ist Stress, wie eine Erhebung der KJT Group im Auftrag von Philips kürzlich ergab: Demnach antworteten 32 Prozent der Befragten, Sorgen um die Gesundheit und um finanzielle Herausforderungen schränkten ihre Fähigkeit, gut zu schlafen, am stärksten ein.

Chronisch erschöpft: Wenn die Batterien einfach nicht mehr richtig aufladen

Solche Phasen mit Erschöpfung und Tagesmüdigkeit kennen viele. Was aber, wenn diese Symptome nicht mehr verschwinden? Wenn die Muskeln ständig schwer sind, jede kleinste Anstrengung zur Herausforderung wird. Wenn Konzentrationsschwäche, Schwindel, Kopfschmerz oder depressive Verstimmungen dazukommen. Halten derartige Zeichen über einen längeren Zeitraum an, sprechen Experten von „Fatigue“ (sprich: Fatieg, von franz. = müde) oder dem Chronischen Fatigue Syndrom (CFS). Betroffene dieser schweren Erkrankung können kaum noch am normalen Leben teilhaben, sie leiden unsichtbar. Deshalb fehlt allgemein das Bewusstsein für diese Krankheit – was sich jetzt zu ändern scheint. Jahrelang bewegten sich die Zahlen bei uns um die 300 000 Fälle. Mit Corona schossen sie regelrecht in die Höhe: Fatigue als Folge einer COVID-19-Infektion betrifft mittlerweile mehr als 100 000 Menschen zusätzlich. Laut Schätzungen sollen weltweit rund zehn Millionen Menschen unter Post-COVID-Dauererschöpfung leiden.

Fatigue-Syndrom tritt auch bei anderen Erkrankungen auf

Klassisch tritt die Fatigue in Verbindung mit einer Krebserkrankung auf. „Tumorzellen senden bestimmte Botenstoffe mit chronisch entzündlicher Aktivität aus. Aber auch Chemotherapien können massiv schwächen und ein dauerhaftes Zerschlagenheitsgefühl auslösen“, erklärt Dr. Michael Feld, Allgemein- und Schlafmediziner aus Köln. Autoimmunerkrankungen wie Rheuma und schwere Virusinfektionen wie Borreliose, Grippe oder eben COVID-19 verursachen das Syndrom ebenfalls. „In meiner Praxis habe ich einige Post-COVID-Fälle. Die Patienten leiden über Wochen bis Monate unter schwerer körperlicher Dauerschwäche. Die demaskiert sich, wenn man z. B. zu Fuß eine Treppe nehmen möchte, aber es einfach nicht schafft“, so Dr. Feld. „Im Vergleich zur Depression könnte man sagen: Bei der Depression ist der Wille zum Antrieb nicht da. Bei der Fatigue ist der Wille vorhanden, aber der Körper macht nicht mit.“

Fatigue: Ein komplexes Therapieschema kann die Kraft zurückbringen

Wer sich ständig extrem erschöpft fühlt, sollte frühzeitig ärztliche Hilfe suchen. Weil starke Müdigkeit verschiedene Gründe haben kann – unruhige Beine, nächtliche Atemaussetzer, Probleme mit dem Eisenhaushalt, der Schilddrüse oder den Nieren –, stehen meist Untersuchun­gen wie Ultraschall, EKG oder eine Lun­genfunktionsprüfung auf dem Pro­gramm. Und das Blutbild: „Auch wenn es keine superaussagekräftigen Werte gibt, können erhöhte Entzündungsmarker und bestimmte Immunzellen einen Hinweis geben“, sagt Dr. Michael Feld. In manchen Fällen schwellen die Lymph­knoten zusätzlich an.

„Bei einer Fatigue unter Krebs sind die Behandlungsschemata, die z. B. in Unikli­niken angeboten werden, sehr komplex: Kombinationen aus Sport, Psychothe­rapie, Medikamenten oder bestimmten Mikronährstoffen wie Selen und Zink, die je nach Tumorart zum Einsatz kom­men und immer mit dem Onkologen abgestimmt werden müssen“, weiß Dr. Feld. „Sehr gut eignet sich auch Mela­tonin, denn es verbessert nicht nur den Schlaf, sondern hat auch eine stark antientzündliche Funktion als Radikalfänger. Außerdem sind Adaptogene oft hilfreich, Pflanzenstoffe wie beispiels­weise in Ginseng, die die Belastungsresistenz erhöhen.“

Fatigue und Long COVID: Aufbaukur für den Zellstoffwechsel

Bewährt im Kampf gegen die große Müdigkeit haben sich zudem Akupunktur, Lichttherapie oder Entspan­nungsverfahren. „Das sind unspezifische Therapien, wissenschaftlich schwierig nachzuweisen, aber wirkungs­voll“, betont Dr. Feld. „Gerade bei Long­ COVID bringt eine Eigenbluttherapie mit Ozonsauerstoff viel.“ Um die Immunzellen auf Trab zu brin­gen, wird Blut entnommen, mit Sauerstoff und Ozon versetzt und zurück in die Vene gegeben. Auch die sogenannte IHHT, Intervall­Hypoxie­ Hyperoxie­Therapie, bringt gute Erfolge. Dabei atmen Patienten abwechselnd jeweils sauerstoffreduzierte und ­angereicherte Luft, um die Mitochondrien in den Zellen zu stärken. Zusammen mit Mikronährstoffen und Infusionen wir­ken diese Methoden aktivierend. „Die Patienten machen eine Art Aufbaukur über mehrere Wochen“, so der Experte.

Tipps für einen besseren Schlaf

Grundsätzlich bringt es eine Menge, sich um eine gute Schlafhygiene zu küm­mern und die innere Uhr über einen regelmäßigen Tagesab­lauf zu takten, etwa indem Sie immer zur selben Zeit aufstehen und ins Bett ge­hen. „Wenn psychische Stressoren die Ruhe stören, können sanfte Rituale vor dem Zubettgehen helfen“, empfiehlt Dr. Feld. Einen kleinen Spaziergang machen, leichte Literatur lesen – der Kopf assoziiert das dann mit der Nachtruhe. Er programmiert auf Müdigkeit, und das Einschlafen gelingt besser. Und die Batterien laden endlich wieder auf.

Text: Sabine Knapp

Lade weitere Inhalte ...