12. April 2021
AstraZeneca: Wer sollte sich nicht impfen lassen?


Wer sollte sich nicht mit AstraZeneca impfen lassen?


Erst wurden die Impfungen mit AstraZeneca gestoppt, dann wieder fortgesetzt und anschließend nur noch für Personen im Alter von 60 bis 69 Jahren empfohlen. Viele Menschen bleiben bezüglich des Vektorimpfstoffes von AstraZenca zurzeit verunsichert. Dieser war in Kritik geraten, seltene Hirnvenenthrombosen zu verursachen.

AstraZeneca-Impfung nur noch für Personen ab 60 Jahren

Seit dem 31. März soll nach einem Beschluss von Bund und Ländern der AstraZeneca-Impfstoff nur noch bei Menschen zwischen 60 und 69 Jahren eingesetzt werden. Die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte zuvor eine entsprechende Empfehlung abgegeben. Auf der Website des Robert-Koch-Instituts heißt es:

Nach mehreren Beratungen hat die STIKO auch unter Hinzuziehung externer Expert:innen mehrheitlich entschieden, auf Basis der derzeit verfügbaren Daten zum Auftreten seltener, aber sehr schwerer thromboembolischer Nebenwirkungen die COVID-19 Vaccine AstraZeneca nur noch für Personen im Alter ab 60 Jahren zu empfehlen, da diese Nebenwirkung 4 bis 16 Tage nach der Impfung ganz überwiegend bei Personen im Alter <60 Jahren auftrat.

Unter 60-Jährige aus den Priorisierungsgruppen 1 und 2 sollen sich weiterhin mit dem Vakzin impfen lassen können, allerdings nur nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risiko-Analyse und sorgfältiger Aufklärung, wie die Tagesschau berichtete. Der Grund für die Änderung der Altersempfehlung sind laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die 42 gemeldeten Fälle von Hirnvenenthrombosen bei hauptsächlich Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren, die es im zeitlichen Zusammenhang mit der AstraZeneca-Impfung gegeben hat. Acht betroffene Personen starben, wie das das PEI berichtete.

Zweite Dosis mit BioNTech?

Für Menschen unter 60, die bereits eine erste Impfdosis mit AstraZeneca erhalten haben, soll es bis Ende April eine ergänzende Empfehlung der STIKO geben. Bis dahin sollen Studien ausgewertet werden, ob eine Zweitimpfung auch mit einem mRNA-Impfstoff wie etwa von BioNTech möglich ist.

EMA empfielt AstraZeneca-Impfung weiterhin uneingeschränkt

Trotz der selten auftretenden Thrombosefälle empfiehlt die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) weiterhin den AstraZenca-Impfstoff für alle Erwachsenen. Der Nutzen des Wirkstoffes sei höher zu bewerten als die Risiken, erklärte die EMA vergangene Woche in Amsterdam. „Covid-19 ist eine sehr schwere Erkrankung“, sagte die Ema-Chefin Emer Cooke bei einer Pressekonferenz. „Viele Tausend Menschen sterben jeden Tag in der EU.“ Der Impfstoff von AstraZeneca liefere einen effektiven Schutz vor Covid-19, „wir müssen alle verfügbaren Impfstoffe nutzen, um Erkrankungen zu verhindern.“

Impfstopp nach Hirnvenenthrombosen

Die Konsequenz war ein viertägiger Impfstopp. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) überprüfte darufhin den Corona-Impfstoff auf die selten auftretenden Thrombosefälle und kam dabei zu dem Entschluss, dass der Vektorimpfstoff „wirksam und sicher“ sei. Wie verschiedene Medien berichteten, könne zwar ein Zusammenhang zwischen einer Impfung und sehr seltenen Blutgerinnseln im Gehirn nicht definitiv ausgeschlossen werden. Man sei jedoch weiter der Ansicht, dass die Vorteile des Vakzins die Risiken überwögen.

Zuvor hatten bereits die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Berlin und Brandenburg die Impfungen mit AstraZeneca für unter 60-Jährige vorläufig ausgesetzt. Auch München entschied sich für einen Stopp. Laut Impfquotenmonitoring des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden bislang etwa 2,7 Millionen Erstdosen und 767 Zweitdosen von AstraZeneca verimpft.

AstraZeneca-Impfung und Gerinnungsstörungen

Nach dem Impfstopp wurde ein Warnhinweis zur Risikominimierung in die Fach- und Gebrauchsinformation aufgenommen, dass es sehr selten zu Thrombose-Fällen nach der Impfung kommen kann. Doch die Verunsicherung bleibt – gerade bei Personen, die Vorerkrankungen wie eine Gerinnungsstörung haben oder Frauen, welche die Anti-Baby-Pille nehmen. Im Gespräch mit dem MDR gab Dr. Ute Scholz vom Leipziger Zentrum für Gerinnungsstörungen Entwarnung und äußerte sich dazu, ob eine Gerinnungsstörung ein potentielles Risiko darstellt:

Bei einem Faktor-V-Leiden ist die Blutgerinnung gestört, die Betroffenen haben ein höheres Risiko eine Thrombose zu bekommen. Aber die Faktor-V-Leiden-Mutation ist eine sogenannte Punkt-Mutation, die das mildeste vererbbare Thromboserisiko ist in Deutschland. Das hat fünf Prozent der europäischen Bevölkerung. Und die fünf Prozent entwickeln nicht diese Nebenwirkungen, die jetzt bei AstraZeneca aufgetreten sind.

Auf die Frage, ob Sie daher eine Impfung mit AstraZeneca empfehlen würde, sagte sie ganz klar: „Impfen? Ja! Und in diesem Falle auch egal welcher Impfstoff!“ Sie begründete Ihre Antwort damit, dass durch eine Covid-19-Infektion ein mehrfach gesteigertes Risiko bestehe, Thrombosen zu bekommen. Wer nicht geimpft sei, könnte schwere Komplikationen erleiden.

AstraZeneca-Impfung und die Pille

Und wie sieht es mit Frauen aus, welche die Pille nehmen und demnach einem höheren Thromboserisiko ausgesetzt sind? Eine Kombination aus hormoneller Verhütung und der AstraZeneca-Impfung bereitet vielen Frauen besonders Sorgen. Diesbezüglich hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mitte März bei einer Pressekonferenz ein mögliches „Impfprivileg“ ins Spiel gebracht: „Natürlich kann dann auch ein anderer Impfstoff verabreicht werden. Die Impf-Ärzte werden mit der zu Impfenden eine Lösung finden“, so Spahn. Das sei aber eine Entscheidung des jeweiligen Arztes, betonte er: „Wenn der Impfling und der Arzt gemeinsam zu der Entscheidung kommen, dass ein anderer Impfstoff angezeigt ist, wird auch eine Impfung mit einem anderen Impfstoff möglich sein.“ Nach offiziellen Informationen auf der Website der Bundesregierung gilt allerdings weiterhin, dass man sich den Impfstoff nicht aussuchen kann.

Dr. Scholz rät strikt davon ab, nach der Impfung prophylaktisch Blutverdünner mit zu verabreichen, um dieses Risiko zu senken. Eine zusätzliche Gabe von Heparin könnte weitere Komplikationen herbeiführen.

AstraZeneca-Impfung und frühere Thromboseerkrankungen

Und was müssen Personen bedenken, die schon einmal eine Beinvenenthrombose oder eine Lungenembolie hatten? Sollen diese AstraZeneca ausschlagen und mit dem Impfen warten? Dr. Scholz empfiehlt auch diesen Personen die Corona-Impfung mit dem Vakzin.

Ich höre auch manchmal von den Patienten: Dann warte ich auf den russischen Impfstoff! Aber auch der Sputnik-V-Impfstoff und auch der von Johnson & Johnson sind Adenovirus-Vektor-Impfstoffe. Das ist praktisch von der Art des Impfstoffes das gleiche, was wir bei AstraZeneca haben. 

Des Weiteren empfiehlt sie den Impfstoff gerade für Menschen mit Vorerkrankungen, die das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs erhöhen, darunter Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegserkrankungen und Diabetes. 

Eine klare Antwort, ob Personen, die früher schon mal eine Sinusvenenthrombose hatten, sich mit AstraZeneca impfen lassen sollten, kann Dr. Scholz nicht geben. „Diese Frage kann im Moment eigentlich keiner seriös beantworten. Es gibt derzeit keine Daten zu diesem ganz speziellen Patientenkollektiv.“

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