Wohlbefinden Die Erinnerungen spielen uns einen Streich

Alle reden über das Wetter. Nicht nur aus Verlegenheit, sondern mit gutem Grund: Der Wechsel von Sonne und Wolken beeinflusst unseren Alltag, unsere Stimmung und sogar unsere Gesundheit.

Frau springt mit buntem Schirm im Matsch

Das Wetter ist gar nicht immer Schuld

Zuweilen scheint uns das Wetter so vertraut, dass wir uns einbilden, wir könnten es beeinflussen: „Natürlich regnet es heute nicht. Ich habe ja einen Schirm dabei.“ – „Morgen wird tolles Wetter. Ich habe heute brav alles aufgegessen.“ Psychologen sprechen in solchen Fällen vom „magischen Denken“, das eigentlich typisch für Kinder ist und von einer Kontrollillusion. Wir haben eben gern alles im Griff, wollen uns sicher und nicht ausgeliefert fühlen – und schießen unbewusst übers Ziel hinaus. Grundsätzlich ist das menschlich und nicht weiter tragisch. „Wir Deutschen sind aber ziemlich verwöhnt, wenn es ums Wetter geht“, sagt Prof. Jürgen Kleinschmidt, Physiker und Mediziner an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Das Wetter, Wetter sein lassen

„Wir haben hohe Erwartungen daran, wie es auszusehen hat.“ Zu hohe. Dabei haben wir in Deutschland ziemlich gut: Im Schnitt könnten wir uns jedes Jahr über 1550 Sonnenstunden freuen. Doch genau das tun wir viel zu selten. Stattdessen schielen wir neidisch nach Kalifornien oder Kreta (300 Sonnentage pro Jahr). Obendrein neigen wir zum Schwarz-Weiß-Denken. Ein Sommer, der nicht das Prädikat „Jahrhundertsommer“ verdient, ist keiner. Und ein Winter, der nicht spätestens Anfang März vorbei ist, wird dank „Bild“ zum „Russen-Stiefel“, zum „arschkalten Tritt“, der Europa bibbern lässt. Um in der Metapher zu bleiben: Dem Wetter selbst geht das alles am Gesäß vorbei. Wetter bleibt Wetter, ganz gleich, was wir denken oder hoffen. Zwar haben Wissenschaftler für den Homo sapiens eine durchschnittliche Wohlfühltemperatur zwischen 20 und 25 Grad errechnet. „Aber wer viel draußen arbeitet oder Sport treibt, findet vielleicht selbst das schon zu warm“, sagt Prof. Kleinschmidt und zeigt so, wie sinnlos solche Statistiken sind.

Machen Sie aus jeder Jahreszeit das Beste

„Umgekehrt können Sie bei 20 Grad frieren, wenn Sie müde sind oder sich kaum bewegen.“ Heißt im Klartext: Es liegt an uns, was wir aus den Gegebenheiten machen. Jedes Wetter hat seine Vorzüge. Dabei hilft ein Grundgedanke der sogenannten Positiven Psychologie: den Blick auf das richten, was bereits gut ist. Ja, die Wolken lassen kaum ein blaues Loch. Es regnet aber nicht. Ja, es ist heiß. Die Hitze lässt sich aber austricksen. Die Macher der „Sesamstraße“ fanden diesen Perspektivwechsel so wichtig, dass sie ihn gleich in der ers ten Folge von 1969 thematisierten: Ein kleiner Junge guckt aus dem Fenster. Es nieselt. Er zieht sich an und überzeugt den Vater, mit ihm rauszugehen. Gemeinsam lachen sie dann über die lustigen Scheibenwischer und beobachten die Kreise, die Regentropfen überall zaubern. „Regen macht Spaß“, sagt der Junge am Ende. „Besonders, wenn man das richtige Zeug angezogen hat.“ So einfach ist das. Mal ehrlich: Immer Sonne würde auch nerven. Jeder Kuschelabend auf dem Sofa würde uns madig gemacht. Und was würde erst aus dem neuen Wintermantel und den hippen Overknee- Stiefeln werden? Eben.

Autor: Stephan Hillig