Riechen Gerüche wecken Erinnerungen

Maulwürfe erschnüffeln zielsicher ihren Weg. Auch unser Geruchssinn ist ein perfekter Kompass. Wir müssen ihm nur vertrauen.

Maulwurf
Wie wichtig die Arbeit unserer Nase ist, merken wir erst, wenn wir Schnupfen haben. Dann schmeckt alles ganz blass, und selbst ein edelkravoller Château Petrus ist kaum mehr von einem plörrigen Tetrapak-Roten zu unterscheiden. Denn Gerüche aus der Versenkung der Emotionszentren Amygdala und Hippocampus im Gehirn auf Knopfdruck nach oben zu befördern funktioniert nicht. Andersherum ist das System ausgeklügelt: Gerüche produzieren Bilder. Jedes emotionale Ereignis wird samt Duft im Kopf abgespeichert, von Geburt an. Dort lagern sie wie in einer riesigen Datenbank, auf die wir keinen Zugriff haben, solange der passende Schlüssel fehlt. Sobald wir aber etwas riechen, öffnet sich die Tür automatisch. Wir nehmen Wierung auf, nach unseren Erfahrungen und lange verdrängten Erlebnissen. Manchmal müssen wir grübeln, woran uns unsere Nase gerade erinnert. Dann sind es Ereignisse, die vielleicht schon Jahrzehnte her sind, konkret zurückverfolgen lassen sie sich bis in unser zweites Lebensjahr.
 

Was will uns der Geruch damit sagen?

Es lohnt sich innezuhalten. Wir sind unserer Vergangenheit auf der Spur. Auch eine Art Beute. Durch sie können wir uns selbst besser verstehen. Vielleicht sollten wir alle ein bisschen mehr Maulwurf sein – im übertragenen Sinne natürlich. Indem wir unser Leitsystem nutzen, in unserer Datenbank wühlen, Erfahrungen hervorkramen und manchmal lieber die Nase entscheiden lassen als den nüchternen Verstand. Denn der lässt sich täuschen. Wenn es sein muss, sogar gänzlich ausschalten. Wir lassen uns oft eher von wildfremden Menschen beraten als von uns selbst, immer auf der Suche nach dem Experten für unser eigenes Leben. Weil wir glauben, dass der Blick von außen der objektivere ist. Dabei haben wir unsere Ratgeber stets bei uns, und der allerbeste sitzt mitten in unserem Gesicht. Unter der Erde ist jetzt im April übrigens Paarungszeit. Rein rechnerisch, die kleinen Naturbagger werden im Schnitt drei Jahre alt, treffen sie also ungefähr drei Mal in ihrem Leben absichtlich auf Artgenossen.
 
Lassen wir sie und ihre erdigen Hinterlassenschafften also besonders jetzt besser in Ruhe. Manchmal sind die Nester mit den Jungen nämlich sehr dicht unter dem Hügel versteckt. Und es wäre doch schade um diese weichpelzigen Gesellen mit den riesigen Schaufelhänden und den putzigen, spitzen Nasen. Nehmen wir die Spuren lieber als Erinnerungsstütze. Erstens dafür, dass diese Tiere nur dort leben, wo das Erdreich fruchtbar und gesund ist. Und zweitens dafür, dass die Nase ein eingebauter, stets zuverlässiger Kompass ist. Nicht nur bei Maulwürfen.

Autor: Manu Schmickler