Zweiter Teil des Interviews

Bei der Tinnitus-Therapie stand bisher die Beseitigung des Geräusches im Fokus. Jetzt gibt es neue Ansätze. 

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VITAL: Was ist der Kerngedanke des multimodalen Behandlungsansatzes?

DR. TEGTMEIER: Der chronische Tinnitus ist ein psychosomatisches Leiden. Es setzt sich immer aus organischen oder funktionellen sowie psychosomatischen Faktoren zusammen, die im Verlauf eine unterschiedliche Gewichtung bekommen können. Die Therapie basiert auf der Kombination neurootologischer (die Kopfsinne betreffender; Anm. der Red.) und psychosomatischer Behandlungsansätze. Neben einer umfangreichen Aufklärung über das Krankheitsbild werden gezielt Entspannungsübungen vermittelt. Der Fachbegriff dafür: Tinnitus-Counseling. Im Rahmen der speziellen Hörtherapie wird die sogenannte Tinnitus-Retraining-Therapie durchgeführt. Hilfreich können hierbei hörgeräteähnliche Rauschgeneratoren sein. Ziel dieser Methode ist es, mit Hilfe eines relativ leisen Dauerrauschens die Wahrnehmung des Tinnitus zu reduzieren. Die Behandlung erfordert somit eine enge Zusammenarbeit von HNO-Ärzten, Hörtherapeuten, Hörgeräteakustikern und – ganz wichtig – Psychotherapeuten, die den Betroffenen die Vielschichtigkeit des Tinnitus aufzeigen. 

VITAL: Ergänzend wird auch das Biofeedback- Verfahren eingesetzt. Wo liegt sein Nutzen? 

DR. TEGTMEIER: Ein Tinnitus wird oft von körperlichen Beschwerden wie Nervosität und der Unfähigkeit, sich zu entspannen, begleitet. Das führt in vielen Fällen zu einer erhöhten Anspannung in der Kopf- und Schultermuskulatur. An dieser Stelle setzt Biofeedback an. Mit speziellen Geräten werden Körpervorgänge wie Muskelspannung und Hautwiderstand, die sonst nicht oder nur ungenau wahrgenommen werden, gemessen, grafisch oder akustisch dargestellt und damit bewusst gemacht. Patienten, die Stressbewältigungs- und Entspannungsstrategien trainiert haben, bekommen so eine verständliche Rückmeldung, wie gut sie sich entspannen. Bewährt hat sich die Kombination aus Biofeedback und Verhaltenstherapie. Zusätzlich werden die Wahrnehmung körperlicher Prozesse geschult und psycho-physiologische Zusammenhänge verdeutlicht, beispielsweise der Einfluss von Stress auf körperliche Reaktionen. Weiterer Behandlungsbaustein ist ein Schwellentraining. Darunter versteht man den gezielten Wechsel von Anund Entspannung. Insgesamt ist die biofeedbackgestützte Verhaltenstherapie ein sehr vielversprechender Ansatz, der verschiedene Aspekte der Tinnitusbelastung berücksichtigt und zu deutlichen und langfristigen Verbesserungen führt. 

VITAL: Wie schnell zeigen sich die Erfolge der multimodalen Therapie? 

DR. TEGTMEIER: Das ist individuell sehr verschieden. Bei manchen Betroffenen reichen eine umfassende medizinische Aufklärung über die Harmlosigkeit der Störung, die Vermittlung von Entspannungsverfahren plus eventuell ein Hörgerät aus. Je ausgeprägter die körperlichen und psychischen Beschwerden sind, desto länger dauert in der Regel auch die Behandlung. Bei einem stationären Aufenthalt liegt diese bei vier bis acht Wochen. Wer dauerhaften Erfolg erzielen will, muss das Gelernte aber auch danach im Alltag umsetzen. 

VITAL: Und wie sieht es mit der Erfolgsquote aus? 

DR. TEGTMEIER: Bei fast allen Patienten ist eine gewisse Besserung zu erreichen. Wenn man aber die Erwartung hat, dass der Tinnitus völlig verschwindet, gibt es nur geringe Erfolge. Muss hier grundsätzlich umgedacht werden? Ja. Mit dem Tinnitus zu leben, und zwar möglichst gut, das ist das Ziel. Und bis zu 80 Prozent der Betroffenen gewöhnen sich tatsächlich an das Ohrgeräusch, nehmen es kaum mehr wahr. Das führt dann auch dazu, dass sie sich insgesamt wieder besser fühlen und Angststörungen oder Depressionen verschwinden.        

Autor: Eva Möller-Hübbe