Gesundheit Schlaflos durch Stress und Angst

Ausgeruht aufwachen – das möchten wir alle. Aber Stress und Sorgen lassen viele von uns erst gar nicht einschlafen. Oder nachts stundenlang wach liegen. Helfen kann dann ein Termin in der Schlafschule. Vital war dort.

Frau liegt im Bett

 

Wir leben losgelöst vom Tag-Nacht-Rhythmus und sind ständig auf Sendung

Im aktuellen Gesundheitsreport der Deutschen Angestellten- Krankenkasse (DAK) in Hamburg gab fast jeder zweite Erwerbstätige an, dass er in den vergangenen drei Monaten zumindest manchmal nicht einoder durchschlafen konnte. Hauptursache mit über 64 Prozent: Stress, Belastungen, Sorgen und Ängste. „Und die werden riesengroß, wenn man nachts wach liegt“, weiß Helene Schwarz.

Trotzdem ist bei vielen Betroffenen noch Platz für einen weiteren Ruheräuber im Kopf. „Wir leben heute losgelöst vom Tag-Nacht-Rhythmus, sind quasi immer auf Sendung“, sagt Feld. „Die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wird schwieriger. Außerdem arbeiten die meisten nur mit dem Kopf, nicht mit den Muskeln. Es kommt zu einer Entkopplung von Körper und Geist.“ Um in den Schlafmodus umzuschalten, braucht unsere innere Uhr jedoch das Gegenteil. „In jeder Zelle von uns stecken Uhr-Gene, die auf den Wechsel zwischen Nacht und Tag angewiesen sind“, so der Allgemeinmediziner. „Hinzu kommt: Wer schlecht geschlafen hat, ist tagsüber müde und wird grundsätzlich als nicht belastbar wahrgenommen. Das setzt Schlaflose noch stärker unter Druck.

“ Es ist die Angst vor dem nächsten Tag. Davor, nicht mithalten zu können. „Das sind keine Einzelfälle. Schlaflosigkeit ist eine Volkskrankheit.“ Doch während die gesetzlichen Krankenkassen bei Patienten mit Atemaussetzern den Aufenthalt im Schlaflabor erstatten, müssen Insomniker ihn selbst zahlen. „Die Betreuungs-Decke ist dünn“, bemängelt Feld. Gerade Hausärzte wüssten häufig zu wenig über das Thema Schlaf. „Es müsste in die Ausbildung von Allgemeinmedizinern aufgenommen werden.“ Auch bei Andrea Oertel aus Henstedt-Ulzburg bei Hamburg war es so, dass sie ihren Internisten auf die richtige Diagnose stoßen musste. „Ich hatte etwas über das Restless-Legs-Syndrom gelesen und fragte ihn: Kann es das sein?“, erzählt die 43-Jährige. Ein krampfartiges Ziehen in den Beinen quälte sie jahrelang, das Entspannen und Einschlafen fast unmöglich machte. Ihr Arzt bestätigte ihre Vermutung.

Frauen sind öfter betroffen, weil sie sich um mehr Dinge Gedanken machen

„Frauen lassen sich bei Schlafstörungen generell eher helfen“, sagt Prof. Krüger auf dem Weg in eines seiner „Schlafzimmer“ in Hamburg. „Sie sind aber auch öfter betroffen, weil sie sich um viel mehr Dinge Gedanken machen und so mehr Probleme mit ins Bett nehmen.“ Insofern ist die reine Männergruppe, die gerade im Wartebereich sitzt, eher untypisch. „Im Erstgespräch heißt es dann oft: ,Meine Frau sagt, dass ich schnarche’“, erzählt Krüger im Vorbeigehen und schiebt die Tür von Patientenzimmer Nr. 2 auf.

Das Bett sieht gemütlich aus, die Geräte und Gurte, die an der Wand am Kopfende hängen, weniger. „Diese Kontakte sind aus Gold“, sagt Krüger und greift ein Bündel Kabel, durch die später die Hirnströme des Patienten weitergeleitet werden. Eine gute halbe Stunde dauert es, bis alle Sensoren korrekt sitzen. Kann man so „verkabelt“ überhaupt schlafen? „Es gibt natürlich einen Erste-Nacht-Effekt“, so Krüger. „Aber einige schlafen hier auch das erste Mal wieder richtig gut.“ Er hängt die Kabel zurück. „Das zeigt uns, dass eine Insomnie eher psychische Auslöser hat. Diese Patienten empfinden das Schlaflabor als Entlastung.“

Die nächste Nacht verbringen sie jedoch wieder im eigenen Bett. Wer hilft ihnen dann? „Wir bieten allen Betroffenen unsere Schlafschule an“, sagt Krüger und öffnet die Tür zu einem großen, lichtdurchfluteten Seminarraum. Hier lernen die Patienten, mit Entspannungsübungen das Gedankenkarussell anzuhalten. Sie erfahren, dass es normal ist, mal nachts wach zu werden, da der Mensch von Natur aus eigentlich nur zwischen 21 und 24 Uhr und von zwei Uhr morgens bis Sonnenaufgang auf Schlaf programmiert ist. Und, dass schlaflose Nächte zum Leben dazugehören nicht gleich dick, dumm und krank macht. Es gibt Einzel- und Gruppengespräche und viele Tipps, wie sich der sogenannte Schlaf-Druck erhöhen lässt.

Viele Krankenkassen erstatten inzwischen die Kosten für neun Unterrichtsstunden. Beim Schlaf kommt es nicht auf die Quantität, sondern die Qualität an „Wir wollen den Teilnehmern klarmachen, dass es beim Schlaf nicht auf Quantität, sondern die Qualität ankommt“, sagt Krüger. „Vier Stunden Schlaf sind in Ordnung, wenn man sich fit und erholt fühlt. Es gibt keine Vorschrift, acht Stunden schlafen zu müssen.“ Allein dieses Wissen ist häufig wirksamer als jede Tablette. Ein Fragebogen, den die Schlafschüler einige Wochen nach dem Seminar ausfüllen, belegt das. „80 Prozent sagen, dass sie davon sehr profitiert haben“, erzählt Krüger, zufrieden darüber, dass sein Team so vielen Schlaflosen helfen kann. Die nächsten warten schon. „Der Schlaf ist das zweite Leben eines Menschen.“

 

Autor: Stephan Hillig

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