Hotels als Gesundheitszentren Gehört Medizin in die Wellness?

Der neueste Trend im Spa-Business heißt Medical Wellness. Beauty-Farm mit Belastungs-EKG oder Dampfbad kombiniert mit Darmkrebs-Test – das Hotel wird zum Gesundheitszentrum. Im VITAL-Talk diskutierten fünf Experten: Ist das seriös?

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Das sehen einige Hotels offenbar anders. Die bieten Gefäß-Ultraschall, Belastungs-EKG, einen Glukosetoleranz-Test zur Diabetes-Diagnostik und Darmkrebs-Früherkennung an. Gehört so viel Medizin wirklich in die Wellness?
DR. BROEMEL: Eines vorweg: Ich bin „Hardcore-Arzt“. Wellness hat für mich nichts mit Medizin zu tun! Ich bezweifle auch die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Medical Wellness“. Wellness bedeutet für mich „wohlfühlen“. Sie können sich seelisch, körperlich oder geistig wohlfühlen. Aber wie wollen Sie sich medizinisch wohlfühlen? Das gibt es überhaupt nicht.
DR. KUBENZ
:
Einen Moment, Dr. Broemel, wenn ich Wellness gut und dauerhaft anwende, habe ich durchaus einen Effekt auf die Entwicklung von Krankheiten. Auch langfristig. Da befinden wir uns schon im Bereich der Prävention.

Stichwort „Prävention“. Gezielt etwas tun, um gar nicht erst krank zu werden – das will doch jeder. Da könnte man ja zugespitzt sagen: Medical Wellness brauchen wir alle.
DR. KUBENZ
:
Das glaube ich nicht. Gesunde brauchen nur Wellness, um sich wohlzufühlen. Aber derjenige, der Medical Wellness macht, nehme ich an, hat wohl meist schon eine Krankheit wie Rheuma oder Diabetes. Die soll sich nicht weiter verschlechtern bzw. es sollen keine weiteren Erkrankungen dazukommen. Oder?
LUNGWITZ
:
Nein, bei Medical Wellness werden kranke Menschen nicht gesund gemacht, sondern gesunde Menschen gesund erhalten.

Demnach wäre Medical Wellness nichts anderes als Präventionsmedizin.
BUBENZER
: Nein, der Unterschied zur Präventionsmedizin ist, dass Medical Wellness nichts vorschreibt. Unsere Gäste können die medizinischen Angebote im Hotel wahrnehmen oder zwei Wochen „auf der faulen Haut“ liegen. Alles passiert ohne Druck, ohne Belehrungen und immer auf freiwilliger Basis. So wie wir den Zusatz „medical“ verstehen, hat er vor allem die Funktion, unter den Anbietern die Spreu vom Weizen zu trennen.

Das erscheint dringend nötig. Lebensstil-Coaching, Ernährungsberatung, Heilfasten nach F. X. Mayr, TCMDiagnostik, ärztliches Qigong, Shiatsu, energetische Körperarbeit – die Angebote sind unüberschaubar. Wie sollen Laien da erkennen, welche seriös sind?
LUNGWITZ
: Wir haben mit dem TÜV ein Zertifikat entwickelt, das Hotels beantragen können und das nach der Vergabe jedes Jahr überprüft wird. KRANICH: Schön und gut. Aber wenn der Verbraucher im Katalog sieht, dass ein Hotel Ihr Zertifikat hat, weiß er immer noch nicht, was das genau bedeutet und beinhaltet. Da ist Etikettenschwindel programmiert.
LUNGWITZ
: Sie haben mich ja nicht ausreden lassen! Unser Zertifikat beruht auf mehr als 3000 Bewertungskriterien. Dazu gehört z. B. die Aufenthaltsqualität. Die bewerten wir in Anlehnung an die 4-Sterne-Standards des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Genauso wichtig: Wie sieht das Qualitätsmanagement in dem Haus aus? Wie wird ausgebildet, wer informiert wen, wie wird dokumentiert? Und natürlich gehört dazu ein gut ausgebildeter Arzt vor Ort.