Luft Atmung kann viel beeinflussen

Klingt ganz einfach und ist für uns so selbstverständlich, dass wir nicht weiter darüber nachdenken. Doch es lohnt sich, dem Lebenselixier Luft mehr Achtsamkeit zu schenken.

Frau atmet Luft ein vor einem Fenster
Unsere Atemwege sind ein ziemlich ausgeklügeltes System: Die Luft strömt über den Kehlkopf in die Bronchien und in über 300 Millionen Lungenbläschen, die den Sauerstoff ans Blut abgeben. So gelangt er an alle lebenswichtigen Organe. Der für die Atmung wichtigste Muskel ist das Zwerchfell, das den Brustraum vom Bauchraum trennt. Beim tiefen Einatmen bewegt sich das Zwerchfell nach unten, der Bauch wölbt sich und die Lungenflügel können sich entfalten. Völlig problemlos und geradezu vorbildlich funktioniert das vor allem in zwei Situationen: beim Sex und beim Gähnen. Wer will, dass das Lebenselixier Luft sich auch sonst bestens im Körper verteilt, sollte ihm deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken. „Wichtig ist, dass man sich der eigenen Atmung erst einmal bewusst wird“, sagt Sonja Pfingst-Bischof und rät zur Achtsamkeit. „Immer dann, wenn ich etwas mache und merke, dass ich mit den Gedanken eigentlich woanders bin, hole ich mich in die Gegenwart zurück“, so die 48-Jährige. „Dann passiert es zum Beispiel auch nicht, dass ich mir bei der Küchenarbeit in den Finger schneide. Ich sage zu mir ,Schön, dass du wieder da bist!‘ und nehme ganz bewusst meine Atemzüge wahr. Dieser kleine Trick wird ganz schnell zur Gewohnheit.“
 

Bewusster Luft holen

Ihr Atmen stellt sich die Therapeutin dabei wie einen Wasserfall vor: „Ich atme die Lebensenergie durch meine Nase bis unter die Schädeldecke ein und lasse sie, während ich durch die Nase ausatme, langsam in den Beckenraum fallen. Denn dort befindet sich unsere Sicherheitszentrale. Wenn der Atem die erreicht, kommen wir zur Ruhe.“ Es gibt noch weitere Hilfsmittel, um die Gedanken routinierter ins Hier und Jetzt zu lotsen: In seinem neuen Buch „Achtsamkeit to go“ (Goldmann Verlag, 288 S. 7,99 Euro,) beschreibt der Verhaltenstherapeut David Harp, wie man sich mit leichten Übungen Ruhe-Oasen im Alltag baut. Und die Münchner Hypnosetherapeutin Kim Fleckenstein programmiert Rastlose mit ihrer App „Get Mindfulness!“ (1,79 Euro, App Store) im schlafähnlichen Zustand um.
 

Denken Sie an sich

In Ausnahmesituationen hilft Rückzug. „Fünf- bis zehnmal tief durchatmen, das entschleunigt und sorgt dafür, dass man wieder ganz bei sich ist“, sagt Pfingst-Bischof. Die Atmung spiegelt nämlich nicht nur unsere Gefühle wider. Sie kann sie auch beeinflussen – idealerweise positiv. Dr. Richard Brown, Professor für Psychiatrie an der Columbia University in New York und Autor des Buches „The Healing Power of Breath“ hat dafür eine eigene Methode entwickelt, die schon Hurrikan- Opfern und Menschen mit Angststörungen zum längeren Atem verholfen hat. 20 Minuten Training pro Tag (je zehn morgens und zehn abends) reichen für ein Gefühl der inneren Ruhe aus, sagt er. Und das geht so: Jeder Mensch holt pro Minute durchschnittlich 15-mal Luft. Brown dagegen bringt seine Patienten dazu, nur vier- bis sechsmal tief einzuatmen. „Auf diese Weise wird der Stress förmlich weggespült“, sagt der Amerikaner. „Bereits in den ersten Minuten fühlst du dich besser. Lang anhaltende, tief reichende Erfolge manifestieren sich nach drei bis neun Monaten. Wer richtig atmet, aktiviert die natürlichen Heilungskräe seines Körpers.“
 
In Indien tut man das schon seit Tausenden von Jahren. „Pranayama“ heißen Atemübungen, die ein fester Yoga-Bestandteil sind. „Prana“ ist die Lebensenergie, „Yama“ die Kontrolle. Man geht davon aus, dass eine bewusste Regulierung der Atmung sensibler für Vorgänge in Körper und Seele macht. Sonja Pfingst-Bischof, die sich durch ihre dreijährige Ausbildung sehr ausführlich mit ihrer Atmung auseinandersetzte, erfuhr das am eigenen Leib: „Meine Lebensqualität ist deutlich höher, ich bin mutiger geworden und spüre eine ganz neue Form der Freude. Aber das Wichtigste: Ich gehe liebevoller mit mir um.“ Auch das verlernen wir Erwachsenen leider viel zu häufig.

Autor: Anna Butterbrod

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