Stammzellen-Forschung Jeder Patient könnte sich in Zukunft selbst Organe und Gewebe spenden

Ganze Organe sollen zukünftig im Reagenzglas nachwachsen. „Tissue Engineering“ heißt diese neue Technik. Heilsbringer oder Humbug?

Labor

Die Methode: Der Arzt entnimmt einige gesunde Zellen, gibt sie in eine Nährlösung und fügt Wachstumsfaktoren hinzu – Eiweiße, die die Zellteilung beschleunigen. Dann noch Differenzierungsfaktoren, die den Zellen „sagen“, was sie werden sollen. Das Gewebe wächst, entwickelt sich, wird anschließend in das erkrankte Organ eingesetzt – und heilt es. Klingt simpel. Doch vieles davon steht bislang nur auf dem Papier. Seit Tissue Engineering, kurz TE, in den 1990er-Jahren aufkam, erwies sich die praktische Umsetzung doch als komplizierter, als viele Forscher gehofft hatten. Und längst nicht jede Zelle eignet sich dafür gleich gut.

Warum teilen sich Knorpelzellen lieber als Herzmuskelzellen? Das weiß bislang keiner

Mittlerweile ist es möglich, durch TE neues Hautgewebe zu gewinnen, um damit z.B. nach Verbrennungen große Wunden zu verschließen. Auch in der Kieferorthopädie gehört TE heute zum Alltag: Hier wird Knochen nachgezüchtet, wenn etwa ein Zahn entfernt wurde und sich der Kieferknochen unterhalb der Lücke zurückgebildet hat. Auch Gelenkknorpelzellen wachsen gut im Bioreaktor. Für Patienten mit Schäden im Knie werden sie bereits in vielen Krankenhäusern nachgezüchtet. Dafür entnimmt man dem Patienten bei einer Gelenkspiegelung Proben, die im Labor in etwa 14 Tagen zu neuem Knorpel heranwachsen. Der wird dann per OP eingesetzt. „Bedingung ist ein genau abgegrenzter Schaden. Das kommt eher bei Unfallschäden vor“, sagt Prof. Fritz Niethard, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie in Berlin. „Beim alters - bedingten Verschleiß sind die betroffenen Flächen häufig zu zerfranst.“ Ähnliches gilt bei Bandscheibenschäden. Fürs TE muss der Patient nicht mehr bezahlen. „Die Knorpelzell-Züchtung ist mit 20 000 Euro pro Behandlung noch vergleichsweise teuer“, sagt Prof. Niethard. „Den Betrag rechnet das Krankenhaus teilweise über die Fallpauschalen ab.“ Den Rest trägt die Klinik häufig selbst, um die Methode bekannter zu machen und den Patienten moderne Behandlungsformen anbieten zu können.