Natur Der künstliche Winterschlaf

Einkuscheln, ausspannen: Igel, Bär & Co. ruhen, bis der Frühling sie wieder wach kitzelt. Winterschlaf ist eine fantastische Erfindung. Nachmachen geht für uns zwar leider nicht – aber daraus lernen. Für einen angenehm entspannten Wohlfühl-Winter.

Winterschlaf in der Natur
Bei Rotzahnspitzmäusen immerhin hat es geklappt, sie mit einer Injektion des gensteuernden 5-Adenosinmonophosphats in Winterschläfer zu verwandeln. Die Substanz des texanischen Forscherteams ist mittlerweile zum Patent angemeldet. Gut, wir sind keine Mäuse, deswegen dürfen wir den Jungbrunnen per Spritze in absehbarer Zeit nicht erwarten. Aber eine Hamburger Zoologin entdeckte sogar Primaten, die sieben Monate schlafend verbringen. Die brauchen dazu nicht einmal Kälte, denn schließlich ist der Winter auf Madagaskar für uns gefühlt hochsommerlich. Den Fettschwanzmakis aber mangelt es in der Trockenzeit an Wasser und Nahrung – also verschlafen sie diesen Engpass. Selbst Hirsche und Rehe, von denen wir immer dachten, sie wären vom Winterschlaf weit entfernt, schaffen es im Winter, die Körpertemperatur um beinahe 20 Grad zu senken und nachts für etwa acht Stunden auf Sparflamme zu leben.
 
Aber noch funktioniert das mit uns und dem Winterschlaf nicht. Wir sind weder Schneewittchen noch Dornröschen. Unser Programm ist ein anderes. Doch das ignorieren wir regelmäßig, wohl ungefähr seit der Erfindung des elektrischen Lichts. Seitdem wird gegen den Körper gekämpft – und die Müdigkeit. Wann geschlafen wird, bestimmt die Uhr, und zwar nicht die eigene innere, sondern 260 Atomuhren an über 60 weltweit verteilten Instituten. Wenn es ganz schlecht läuft, bestimmt das Fernsehprogramm. 
 

Einfach mal: Ruhe

Wir stehen auf dem Weg zur Arbeit starr vor Kälte an S-Bahnhöfen oder Bushaltestellen, aber zur echten Kältestarre wie bei wechselwarmen Tieren, z. B. Amphibien, Reptilien oder Insekten, reicht es nicht. Es ist mehr eine Duldungsstarre. Und all das Jammern nützt auch nichts. Es ist, wie es ist: Winter eben. Pause. Zeit also, sich morgens im Dunkeln auf den Weg zu machen. Vielleicht im Schnee, der die Schritte aufsaugt und sich wie ein Schalldämpfer über Städte und Dörfer legt. Die Luft ist klar. Der Kopf auch. Die Gedanken können besser fließen, man ist mehr bei sich. Das tut gut. Einfach mal den Stecker ziehen. Das geht, zumindest im Kleinen. Ideal wäre es, jeden Tag nach Sonnenaufgang ein bis zwei Stunden im Freien zu verbringen. Das können jedoch nur die wenigsten. Aber schon die Mittagspause für einen Spaziergang zu nutzen, hilft dem Körper, sich wieder fit zu fühlen. Am Wochenende findet sich vielleicht mehr Zeit zum Draußensein. Wenn nicht gerade gleißend die Sonne scheint, bleibt die Sonnenbrille besser im Etui. Denn Ausschüttung und Abbau von Melatonin werden durch einfallendes Licht ins Auge gesteuert.
 
Kein Wunder also, dass unser Körper im Winter in den Energiesparmodus geht. Also: Aktivitäten reduzieren. Abendliche Job-Termine absagen statt das Dinner. Nach 18 Uhr wird nicht mehr gehetzt, sondern entspannt. Ist ohnehin schon dunkel. Elternabend schwänzen? Telefon ignorieren? Erlaubt! Der besten Freundin absagen? Warum nicht? Wahrscheinlich wird sie selbst froh sein, nicht mehr rauszumüssen. 
 

Ein bisschen Tier sind wir

Das Nest lockt mit Wärme. Und das Einigeln befreit. Nennen wir es vielleicht lieber Cocooning, das klingt nicht so sehr nach Einsiedlertum, sondern nach Trend. Im Grunde handeln wir so aber nach einem gesunden Reflex, der uns durch das ständige Erreichbarsein, das Immer-aktiv-sein-Müssen heutzutage einfach viel zu oft abhanden gekommen zu sein scheint. Die Selbsttäuschung, so zu tun, als wären Menschen völlig autark, unabhängig von Jahreszeiten und Natur, funktioniert bestens, nützt uns aber nichts. Der Winter lässt sich nicht mit Ignorieren oder Sportorgien im Keim ersticken. Ist schließlich gar nicht die Zeit fürs Keimen. Die kommt bald wieder. Und die Energie auch. Versprochen. 

 

Autor: Manu Schmickler