Psychologie Die Chance auf Heilung steht gut

Bei einer sozialen Phobie ist der banalste Kontakt mit Menschen angstbesetzt. Doch es gibt Auswege – wie die Lebensgeschichte von Gudrun Klee beweist. Sie besiegte ihre Angst.

Soziale Phobie

Zum Vorschein kommt eine lebenslustige Frau, die gern mit anderen Menschen redet
Sie weiß nicht, wie viel ihr Mann von alldem mitbekommt. Möglicherweise verstärkt ihr Verhalten sein Benehmen. Und umgekehrt. Andreas entscheidet, was sie abends fernsehen. Er bestimmt, wohin sie in den Urlaub fahren. „Ich habe das auch lange zugelassen“, sagt sie selbstkritisch. Aber irgendwann regt sich Widerstand in ihr. „Diese Unselbstständigkeit gehörte nicht zu mir. So wollte ich nicht sein.“ Sie lässt sich von Andreas scheiden, da sind ihre Söhne fünf und zehn Jahre alt. Doch sie empfindet die Trennung nicht als Neuanfang. „Mir ist damals sehr bewusst geworden, was ich durch die Phobie alles verpasst habe“, sagt Gudrun Klee.
Sie erfährt, dass Andreas mit seiner neuen Partnerin ein Baby bekommt. Die Firma, für die sie arbeitet, geht pleite. Sie wird versetzt, doch auch ihr neuer Arbeitsplatz ist alles andere als sicher. „Die Zukunft hatte für mich plötzlich keine Farbe mehr. Ich fiel in ein schwarzes Loch“, sagt Gudrun Klee. Sie erlebt eine tiefe Depression. „Bei einer unbehandelten sozialen Phobie geschieht das häufig“, so Prof. Ströhle. „Auch Alkoholsucht kann hinzukommen.“
Gudrun Klee bittet ihre Hausärztin um Hilfe, bekommt Antidepressiva verordnet. Langsam fühlt sie sich besser. „Und dann sah ich diesen Fernsehbeitrag“, erzählt sie, und die Aufregung von damals schwingt wieder mit. Zum ersten Mal erfährt sie, dass ihre Ängste einen medizinischen Namen haben und Teil einer Krankheit sind, die sich sehr gut behandeln lässt. „Den Begriff ,soziale Phobie‘ hatte ich bis dahin noch nie gehört. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Der Film erklärte auch den Zusammenhang mit Depressionen. Plötzlich passte alles zusammen.“
Schicksal: Nur Tage später liest sie einen Artikel über die Charité-Ambulanz von Prof. Ströhle. Gudrun Klee nimmt all ihren Mut zusammen, wählt die abgedruckte Telefonnummer – und erreicht den Leiter sofort persönlich. „Danach konnte ich nicht mehr zurück.“ Sie ist froh darüber.
Zwei Psychotherapien
bewältigt sie im Abstand von zwei Jahren. Vieles kommt in dieser Zeit ans Licht. Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit: „Es steht mir nichts auf der Stirn geschrieben“, sagt Gudrun Klee mit Nachdruck. „Das findet alles nur im eigenen Kopf statt.“ Kein Mensch guckt nur sie an. Niemand findet nur sie merkwürdig. Und: Sie ist nicht der einzige Mensch auf der Welt, dem es so geht wie ihr. „Wie unter einer Glasglocke habe ich all die Jahre gelebt“, sagt Gudrun Klee. „Die ist jetzt endlich weg.“
Zum Vorschein kommt eine lebenslustige Frau, die gern mit anderen Menschen redet, gern zuhört. „Manchmal quatsche ich auf der Straße einfach fremde Leute an, wenn die ein süsses Kind oder einen witzigen Hund haben. Das macht mir richtig Spaß. Ich kann mich auf andere einlassen, ohne innerlich zu blockieren, ohne Beklemmungen. So wollte ich immer sein.“ Allein aufs Konzert von Peter Maffay? Auch das klappt jetzt. Ihr größtes Erfolgserlebnis seit den Therapien ist jedoch etwas anderes. Gemeinsam mit Prof. Ströhle hat sie Schülern von ihrer Phobie erzählt. „Und hinterher habe ich den Lehrern ins Gewissen geredet“, erzählt Gudrun Klee. „Die achten nur auf laute Schüler. Aber von den leisen hat vielleicht einer ein echtes Problem.“ Wie hat sie sich dabei gefühlt? „Richtig gut. Da habe ich wieder gemerkt, dass ich überhaupt nicht wie mein Vater bin. Ich bin eher wie meine Mutter: offen und sehr lebendig.“

Intreview mit Prof. Andreas Ströhle, 47, Leiter der Spezialambulanz für Angsterkrankungen der Berliner Charité

VITAL: Warum entwickeln mehr Frauen als Männer eine soziale Phobie?
Prof. Andreas Ströhle: Zum einen liegt das sicher an unterschiedlichen Rollenbildern. Zum anderen gibt es aber auch hormonelle Ursachen.

Wie sehen die genau aus?
Die Abläufe sind noch nicht ganz verstanden. Durch den Zyklus der Frau kommt es jedoch zu Schwankungen in der Progesteron-Produktion. Aus diesem Hormon bildet der Körper auch neuroaktive Steroide, die anxiolytisch, also angstlösend, wirken. Diese Substanzen scheinen sowohl in der Entstehung der Phobie als auch in der Behandlung eine wichtige Rolle zu spielen.

Wie steht’s mit den Behandlungsmöglichkeiten?
Sehr gut. Im Gegensatz zu anderen psychischen Erkrankungen ist es bei der sozialen Phobie nicht so, dass die Betroffenen früh verrentet werden müssen. Es kommt darauf an, früh zu behandeln, damit die Lebensplanung nicht länger behindert wird.

Welche Therapien gibt es?

Neben der kognitiven Verhaltenstherapie kann eine Behandlung mit bestimmten Antidepressiva helfen. Zunächst wird die Patientin umfassend über die Phobie informiert. Manchmal müssen Betroffene erst noch soziale Fertigkeiten üben und entwickeln. Der nächste Schritt ist die Exposition, das Aufsuchen angstauslösender Situationen, z. B. Passanten nach dem Weg fragen oder sich im Kaufhaus beraten lassen. Gruppentherapien sind ebenfalls sinnvoll.

Was ist das Ziel?

Es geht darum, Vermeidungsstrategien zu unterbinden. Außerdem soll die Betroffene ihre Gedanken und Gefühle in der sozialen Interaktion ändern. Sie soll lernen, dass ihre Annahmen darüber, was das Umfeld über sie denkt, wie es sie wahrnimmt, falsch sind. An ihre Stelle sollen konkrete und realistische Rückmeldungen treten.

Wie lange dauert das?

Eine gute Behandlung dauert etwa 25 Therapiestunden, manchmal auch länger. Sie wird von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet.

Und nach der Therapie?
Dann ist es wichtig, im Alltag weiter an schwierigen Situationen zu arbeiten. Sport kann ebenfalls Ängste abbauen.

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