Energie: Gesundheit Frauen leben gefährlicher

Ich schenke dir mein Herz, ich schließe dich in mein Herz, ich fasse mir ein Herz, ich bringe es nicht übers Herz, es bricht mir das Herz: Kein anderes menschliches Organ verkörpert die Liebe und den Schmerz, den Mut und die Verzweiflung, das Leben und den Tod so radikal und poetisch zugleich. Kaum verwunderlich, dass auch aus medizinischer Sicht dem Herzen eine Schlüsselrolle zufällt.

Das Herz ist ein Organ und ist wichtig aus der Sicht von Ärzten
Einer der Ursachen ist das Frausein an sich. „Frauen erhalten immer noch nicht den gleichen Zugang zu medizinischen Behand- lungen und sind in Studien immer noch unterrepräsentiert. Nicht nur dass das weibliche Geschlecht in erhöhtem Maß von kardiovaskulären Erkrankungen generell und mit tödlichem Ausgang im Speziellen betrof- fen ist: Immer noch ist zudem der Glaube verbreitet, dass der Herzinfarkt vor allem eine Männerdomäne ist“, berichtet Marco Stramba Badiale, einer der Sprecher der European Society of Cardiology. Seine Gesellschaft untersucht seit 2009 in einem groß angelegten Studienprojekt, das sich „Red Alert for Women’s Hearts“ nennt, Herz-Kreislauf-Erkrankungen speziell bei Frauen. Daran nehmen 28 kardiologische Zentren und Vereine in ganz Europa teil. 
Bislang sind die Ergebnisse von 62 Studien ausgewertet worden, Nachfolgestudien laufen. Die Ergebnisse bestätigen, dass vor allem im mittleren Alter (40plus-Jahre) die kardiovaskulären Erkrankungen bei Frauen im Verhältnis zu denen bei Männern weiter zunehmen.
 

Herzinfarkte bei Frauen sind häufig

Die Frauen selber – und wohl auch ihre Ärzte – rechnen in diesem Lebensalter einfach nicht mit einer solchen Erkrankung. Normalerweise sind die weiblichen Gefäße nämlich bis zur Menopause durch das Geschlechtshormon Östrogen geschützt. Der Anteil der weiblichen Raucher hat allerdings in den letzten Jahren dramatisch zugenommen, sodass heute genauso viele Frauen wie Männer regelmäßig zur Zigarette greifen. Die Zigarette ist für sie aber viel gefährlicher als für Männer, weil die weiblichen Blutgefäße anatomisch feiner und empfindlicher sind und zudem Frauen Nikotin schneller aufnehmen – vor allem wenn sie zusätzlich mit der Pille verhüten. Da ein Herzinfarkt bei Frauen wie eine Magenverstimmung daherkommen kann inklusive Druckgefühl im Oberbauch, plötzlich auftretender Übelkeit und Erbrechen, aber auch als schmerzfreier Schwächeanfall mit Bewusstlosigkeit, fahler Gesichtsfarbe oder Kaltschweißigkeit, wird nicht nur nicht mit ihm gerechnet – er wird leider auch immer noch sehr häufig übersehen. Die Symptome bei Männern sind mit dem typischen in den Arm, zwischen die Schulterblätter oder in den Hals oder Kiefer ziehenden Schmerz offensichtlicher.
 
Die sogenannte stille Ischämie oder der nicht erkannte Myokardinfarkt bei Frauen wird zudem oft durch andere Krankheiten kaschiert, nicht selten durch psychische oder psychosomatische Befindlichkeiten. Darüber hinaus sind einige diagnostische Tests bei Frauen nicht so aussagekräftig wie bei Männern – es scheint, als wenn Ärzte sie darum oft gar nicht erst durchführen. Auch eine Koronarangiografie, eine operative Untersuchung der Herzkranzgefäße, wird an Frauen seltener durchgeführt. Und selbst wenn bei ihnen eine koronare Herzkrankheit bekannt ist, werden ihre Gefäße operativ seltener wieder „freigespült“ – und das, obwohl gerade beim weiblichen Geschlecht häufig im ersten Jahr nach Diagnosestellung ein tödlich verlaufender Herzinfarkt eintritt. „Wir sind schockiert, herausgefunden zu haben, dass auch nach einem Herzinfarkt Frauen immer noch keine Behandlung, die dem neuesten Stand entspricht, bekommen, sondern dramatisch zu wenig Medikamente erhalten“, fasst Prof. Thomas Lüscher vom Universitätsklinikum Zürich zusammen.
 

Autor: Dr. Suzann Kirchner-Brouns