Alternative Heilmethoden Kannte Steiner TCM und Ayurveda?

Letzter Teil unserer Serie: Rudolf Steiner (1861–1925) hat mit seinen Theorien in vielen Bereichen Spuren hinterlassen. Auch in der Medizin. Alles Esoterik? Eindeutig nein, zeigen inzwischen immer mehr Studien Heilen auf allen Ebenen

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Kannte Steiner TCM und Ayurveda?

Eher nicht. Der Philosoph und Esoteriker benutzte zwar Begriffe der indischen Mystik, doch seine Anthroposophie bezieht sich vor allem auf europäische Denker. Johann Wolfgang von Goethe war Steiners großes Vorbild. Nicht wegen seiner Dichtkunst. „Sondern weil Goethe als Naturwissenschaftler ganzheitlich dachte und davon ausging, dass die Natur aus mehr besteht als Forscher mit ihren Instrumenten messen können“, sagt Prof. Heusser. Das erklärt Steiners Menschenbild. Er unterschied vier unsichtbare „Wesensglieder“, die in jedem von uns in einem ausgeglichenen Verhältnis zueinander stehen sollen: physischer Leib (der Körper), Ätherleib (die Lebensenergie), Astralleib (die Seele) und Ich-Leib (die Persönlichkeit). Gewinnt ein „Leib“ die Oberhand, wird der Mensch krank. Ist z.B. der Ätherleib zu stark, können Tumore entstehen. Dementsprechend betrachtet die anthroposophische Medizin auch jede Krankheit auf vier Ebenen: Es gibt die Diagnose auf der somatischen Ebene, den Verlauf der Krankheit auf der prozessualen, ihre psychischen Folgen und Auslöser auf der seelischen und ihren Bezug zur Biografie des Patienten auf der individuellen Ebene. Durch intensive Gespräche mit dem Kranken versucht der anthroposophische Arzt, sich von allen Ebenen ein Bild zu machen. Er betrachtet ihn immer als Einzelfall. Das heißt: Selbst wenn zwei Patienten die gleichen Beschwerden haben, werden sie von ihm nicht nach demselben Schema behandelt. Jede Therapie wird individuell zugeschnitten.

Dabei geht es nicht nur darum, den Körper zu heilen. „Alle Wesensglieder sollen angesprochen werden“, sagt Prof. Heusser. „Die anthroposophische Medizin setzt dazu auch sämtliche Medikamente und Methoden der Schulmedizin ein. Aber eben nicht nur.“ Zusätzlich hat sie eigene Arzneimittel entwickelt, die aus pflanzlichen, tierischen und mineralischen Grundstoffen bestehen. Dazu kommt die von Steiner entwickelte Heileurythmie. Durch spezielle Bewegungen soll der Patient dabei zu einem gesunden Rhythmus finden, bewusster atmen und seinen Muskeltonus stärken. Seele, Geist und Persönlichkeit des Patienten sollen schließlich bei der Kunsttherapie (Malen, Musizieren, Sprachgestaltung) und der sogenannten Biografiearbeit, eine Art Gesprächstherapie, positiv beeinflusst werden. „Ziel ist es nicht nur, die Krankheit zu besiegen oder zu lindern“, erklärt Prof. Heusser. „Auch die Selbstheilungskräfte des Patienten werden angeregt und er lernt, was Körper, Geist und Seele brauchen, um gesund zu bleiben.“ Leuchtet ein. Trotzdem umweht die anthroposophische Medizin doch mehr als nur ein Hauch krauser Esoterik. Wenn Steiner etwa schreibt, dass der Ätherleib eine „rötlich-bläuliche Lichtform“ und „dunkler als junge Pfirsichblüten“ ist, scheinen Welten zwischen ihm und der modernen Wissenschaft zu liegen. Ist das so?

Autor: Stephan Hillig