Gesundheit Die Krankheit mit Humor nehmen

„Zucker“ ist auf dem Vormarsch. Nicht in Form kleiner Verführer, sondern in unserem Blut. Neun von 100 Deutschen leiden an Diabetes. Doch trotz der Diagnose ist heute ein normaler Alltag möglich – wie drei Frauen in VITAL beweisen.

Diabetes

»Sind wir hier bei den Anonymen Alkoholikern?!«

Solche flapsigen Sprüche kennt Marlene Göddertz schon, wenn sie sich mit Freunden oder Kollegen trifft und dann keinen Sekt und auch kein Bier trinkt. „Aber meine Tabletten vertragen sich nun mal nicht mit Alkohol“, sagt die 54-jährige Bonnerin pragmatisch. „Da muss man eben durch. Es gibt Schlimmeres.“ Sachlich und vor allem mit Humor, so nimmt die IT-Projektleiterin das Leben mit Diabetes. Die Erinnerung an ein Karnevalserlebnis amüsiert sie bis heute: „Damals spritzte ich noch Insulin. Auf der Damentoilette einer Bar sprach mich dann eine empörte Vogelscheuche an, ob ich als Junkie denn keinen anderen Platz fände. Als ich die Sache erklärt hatte, wurde sie knallrot und stürmte davon.“ Immer wieder hat sie mit ihren Freundinnen an dem Abend darüber gelacht. Dabei war die Diagnose „Diabetes Typ 2“ damals noch nicht lange her.
Es begann im Februar 2010. Marlene Göddertz hatte ständig Durst. „Und ich wurde immer dünner“, erinnert sie sich. Als ihr eines Morgens die Uhr vom Handgelenk fiel, erschrak sie. „Meine Mutter und meine Oma hatten auch Diabetes. Deshalb ging ich in die Apotheke und besorgte mir einen Blutzuckertest.“ Schon bei der ersten Messung waren ihre Werte doppelt so hoch wie der empfohlene Wert. „Am Nachmittag lag er sogar noch 200 Einheiten höher“, erzählt Marlene Göddertz. „Dass mein Diabetes-Risiko hoch war, wusste ich ja. Aber dass es mich so früh treffen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Schließlich bin ich kein übergewichtiger Bewegungsmuffel.“
Heute ist Marlene Göddertz dankbar für die frühe Diagnose. „Lieber ein Schuss vor den Bug als eine im Stillen fortschreitende Krankheit mit unumkehrbaren Folgen“, sagt sie mit Nachdruck. In der Diabetes-Schulung traf sie auf viele, die ihre Erkrankung nicht ernst nahmen und einfach so weitermachten wie vor der Diagnose. Für Marlene Göddertz völlig unverständlich. Sie selbst setzt seitdem auf Yoga und Laufen. Mit einer Gruppe vom „Diabetes Programm Köln“ nahm sie im Oktober 2011 sogar am Köln-Marathon teil. „Ich werde ganz kribbelig, wenn das Training mal ausfällt“, sagt sie lachend. „Das ist so ein toller Ausgleich zum Stress im Job.“ Sich nur auf ihre Tabletten zu verlassen käme Marlene Göddertz nie in den Sinn. „Sogar meinen Hang zu Süssem habe ich reduziert.“ Das zeigt Wirkung. Auf die Cholesterinsenker kann sie inzwischen verzichten.

»Das ist meine Krankheit. Da lasse ich mir von niemandem reinreden.«

Für diese selbstbewusste Einstellung hat Elke Beiswenger einige Jahre gebraucht.

In der ersten Zeit nach ihrer Diagnose verzichtete die heute 53-Jährige komplett auf Brot, weil sie so wütend auf ihren Körper war, der sie zum Broteinheiten-Zählen zwang. „Inzwischen weiß ich so viel über meinen Diabetes, dass ich mit jeder Situation klarkomme“, sagt sie gelassen.
Ihr Diabetologe konnte ihr gerade wieder bestätigen, dass sie nach 32 Jahren mit Typ-1-Diabetes keinerlei Folgeschäden hat. „Meinem Augenarzt mache ich schon die Statistik kaputt“, erzählt die gelernte Steuerfachgehilfin und lacht. Sie schreibt das dem Sport und ihrer konsequenten Ernährung zu. „Auf meine Figur habe ich schon immer geachtet. Da musste ich mich gar nicht so umstellen.“ Ein Schock war die Diagnose natürlich trotzdem. Mit 21 und gerade frisch verheiratet.
Bis heute muss die Tuttlingerin den Kopf darüber schütteln, wie wenig Ärzte damals über Diabetes wussten, wie schlecht die Aufklärung war. Sie selbst erfuhr anfangs nicht einmal, dass ihr Körper kein Insulin mehr bilden konnte. Dafür hieß es sofort: „Also, Kinderkriegen ist nicht!“ – eine Fehleinschätzung. „Zum Glück suchte ich mir in der zweiten Schwangerschaft einen Spezialisten. So habe ich viel über Diabetes gelernt.“ Nach der dritten Geburt wechselte sie die Therapie: „Um beim Sport nicht zu unterzuckern, musste ich so viel essen, dass ich immer dicker wurde.“
Da fiel die Entscheidung für eine moderne Insulinpumpe. „Der erste Tag damit war furchtbar. Ich fühlte mich so abhängig.“ Doch dann gab sie der Pumpe einen Spitznamen, und irgendwann wurde sie zum selbstverständlichen Begleiter. „Wann und was ich esse, kann ich jetzt spontaner entscheiden. Und ich bin noch viel leistungsfähiger.“ Offen und offensiv geht Elke Beiswenger mittlerweile mit ihrer Erkrankung um, gibt Diabetiker-Sportkurse, klärt auf und engagiert sich als Schwerbehinderten-Vertreterin. „Mit den richtigen Informationen kann man den Diabetes viel schneller akzeptieren und gut damit leben.“

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