22. April 2010
Antroposophische Medizin

Antroposophische Medizin

Letzter Teil unserer Serie: Rudolf Steiner (1861–1925) hat mit seinen Theorien in vielen Bereichen Spuren hinterlassen. Auch in der Medizin. Alles Esoterik? Eindeutig nein, zeigen inzwischen immer mehr Studien Heilen auf allen Ebenen

© Jalag Syndication

Es ist nicht gerade schmeichelhaft, wenn man von Zeitgenossen als „krampfhafter Magier“ bezeichnet wird. So urteilte Hermann Hesse 1935 über Rudolf Steiner. Auch Kurt Tucholsky ließ an dem Begründer der Anthroposophie kein gutes Haar: Der „Jesus Christus des kleinen Mannes“ glaube sich ja selbst „kein Wort von dem, was er da spricht“, wetterte er 1924. Schon Steiners Doktorarbeit war 1891 lediglich mit „rite“, ausreichend, bewertet worden. Seine Thesen waren also – positiv formuliert – umstritten. Trotzdem: Wie Steiner haben nur wenige Theoretiker in so vielen Lebensbereichen ihre Spuren hinterlassen. Das gilt auch und besonders für die Medizin. Mit der Ärztin Dr. Ita Wegmann entwarf der Österreicher eine neue, die anthroposophische Medizin.

Die Idee dahinter

Steiners und Wegmanns Buch „Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen“ erschien 1925. Die anthroposophische Medizin wird dieses Jahr also 85. Im Vergleich zur traditionellen chinesischen Medizin (siehe VITAL 3/2010) oder zum Ayurveda (siehe VITAL 1/2010), die es seit Jahrtausenden gibt, ist sie noch ein „Medizin-Baby“. Allerdings nur auf den ersten Blick. „Wenn man vergleicht, wie die anthroposophische Medizin, TCM und Ayurveda erklären, wie Krankheit entsteht, findet man große Ähnlichkeiten“, sagt Prof. Peter Heusser, seit Juli Inhaber des Lehrstuhls für Medizintheorie, integrative und antroposophische Medizin an der Uni Witten-Herdecke. „Alle drei Systeme reduzieren Krankheit nicht wie die Schulmedizin auf Moleküle, die nicht richtig zusammenarbeiten. Sie verstehen sie als Prozess. Körper, Geist, Seele und die Lebenssituation des Patienten spielen zusammen. Sie müssen alle in die Behandlung einbezogen werden.“ Damit ist die anthroposophische Medizin beides: jung und gleichzeitig alt im Sinne von traditionell.

Kannte Steiner TCM und Ayurveda?

Kannte Steiner TCM und Ayurveda?

Eher nicht. Der Philosoph und Esoteriker benutzte zwar Begriffe der indischen Mystik, doch seine Anthroposophie bezieht sich vor allem auf europäische Denker. Johann Wolfgang von Goethe war Steiners großes Vorbild. Nicht wegen seiner Dichtkunst. „Sondern weil Goethe als Naturwissenschaftler ganzheitlich dachte und davon ausging, dass die Natur aus mehr besteht als Forscher mit ihren Instrumenten messen können“, sagt Prof. Heusser. Das erklärt Steiners Menschenbild. Er unterschied vier unsichtbare „Wesensglieder“, die in jedem von uns in einem ausgeglichenen Verhältnis zueinander stehen sollen: physischer Leib (der Körper), Ätherleib (die Lebensenergie), Astralleib (die Seele) und Ich-Leib (die Persönlichkeit). Gewinnt ein „Leib“ die Oberhand, wird der Mensch krank. Ist z.B. der Ätherleib zu stark, können Tumore entstehen. Dementsprechend betrachtet die anthroposophische Medizin auch jede Krankheit auf vier Ebenen: Es gibt die Diagnose auf der somatischen Ebene, den Verlauf der Krankheit auf der prozessualen, ihre psychischen Folgen und Auslöser auf der seelischen und ihren Bezug zur Biografie des Patienten auf der individuellen Ebene. Durch intensive Gespräche mit dem Kranken versucht der anthroposophische Arzt, sich von allen Ebenen ein Bild zu machen. Er betrachtet ihn immer als Einzelfall. Das heißt: Selbst wenn zwei Patienten die gleichen Beschwerden haben, werden sie von ihm nicht nach demselben Schema behandelt. Jede Therapie wird individuell zugeschnitten.

Dabei geht es nicht nur darum, den Körper zu heilen. „Alle Wesensglieder sollen angesprochen werden“, sagt Prof. Heusser. „Die anthroposophische Medizin setzt dazu auch sämtliche Medikamente und Methoden der Schulmedizin ein. Aber eben nicht nur.“ Zusätzlich hat sie eigene Arzneimittel entwickelt, die aus pflanzlichen, tierischen und mineralischen Grundstoffen bestehen. Dazu kommt die von Steiner entwickelte Heileurythmie. Durch spezielle Bewegungen soll der Patient dabei zu einem gesunden Rhythmus finden, bewusster atmen und seinen Muskeltonus stärken. Seele, Geist und Persönlichkeit des Patienten sollen schließlich bei der Kunsttherapie (Malen, Musizieren, Sprachgestaltung) und der sogenannten Biografiearbeit, eine Art Gesprächstherapie, positiv beeinflusst werden. „Ziel ist es nicht nur, die Krankheit zu besiegen oder zu lindern“, erklärt Prof. Heusser. „Auch die Selbstheilungskräfte des Patienten werden angeregt und er lernt, was Körper, Geist und Seele brauchen, um gesund zu bleiben.“ Leuchtet ein. Trotzdem umweht die anthroposophische Medizin doch mehr als nur ein Hauch krauser Esoterik. Wenn Steiner etwa schreibt, dass der Ätherleib eine „rötlich-bläuliche Lichtform“ und „dunkler als junge Pfirsichblüten“ ist, scheinen Welten zwischen ihm und der modernen Wissenschaft zu liegen. Ist das so?

Das sagt die Forschung

Das sagt die Forschung

Ausgerechnet Goethe, mit die wichtigste Bezugsquelle für Steiner, stand Forschungsinstrumenten wie dem Mikroskop misstrauisch gegenüber. Für ihn war der Mensch der „genaueste physikalische Apparat“. Ein Irrtum – und längst nicht der einzige Grund, warum die Anthroposophie von Schulmedizinern kritisiert wurde. „Teilweise zu Recht. Es gab lange Zeit nur sehr kleine und methodisch problematische Studien“, bestätigt auch unser Experte. Das hat sich gründlich geändert. Heute liegen über 200 klinische Untersuchungen und mehr als 2000 Einzelfallbeobachtungen vor. Mit beeindruckenden Ergebnissen: Nicht nur einzelne Therapiebausteine und Arzneimittel, auch das Gesamtkonzept der anthroposophischen Medizin ist in vielen Fällen sogar wirksamer als die Schulmedizin.

Antroposophische Medizin 2
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Antroposophische Medizin 2

Bestes Beispiel: die Mistel

Nur wenige Arzneipflanzen sind in den vergangenen Jahren so intensiv erforscht worden wie sie. Ihre Inhaltsstoffe, Lektine und Viscotoxine, lassen Krebszellen absterben, regen das Immunsystem an und stabilisieren die Erbanlagen in unseren Zellen. „Außerdem verbessert die Mistel die Lebensqualität von Krebspatienten, lindert die Nebenwirkungen einer Chemotherapie und hat bei sehr vielen Betroffenen eine lebensverlängernde Wirkung“, fasst Prof. Heusser die Studienlage zusammen. Ähnlich gut belegt ist mittlerweile die Heilkraft von Birkenrinde, auf die Rudolf Steiner schon 1920 hinwies. Das darin enthaltene Betulin pflegt die Haut, fördert die Wundheilung und hemmt Entzündungen.

EIN ZWIEBELWICKEL GEGEN SCHMERZEN

Bei Mittelohrentzündungen Hacken Sie eine mittelgroße Zwiebel ganz klein und wickeln Sie die Stücke in ein Stofftaschentuch. Dieses Päckchen legen Sie dann auf das schmerzende Ohr. Jetzt binden Sie sich ein weiches Handtuch um den Kopf und befestigen beides – Zwiebelauflage und Tuch – zum Beispiel mit einem Schal, den Sie unter dem Kinn verknoten. Lassen Sie die Zwiebeldämpfe etwa eine Stunde einwirken. Zwei- bis dreimal täglich anwenden. Tipp: Mit einer kleinen Wärmflasche können Sie die Wirkung noch verstärken.

Da die anthroposophische Medizin mit ihren Medikamenten und Methoden die Schulmedizin nicht ersetzen, sondern erweitern und unterstützen will, interessiert die Skeptiker aber vor allem eine Frage: Bringt mehr auch mehr? Geht es den Kranken, die schulmedizinisch und zusätzlich mit Heileurythmie, Kunsttherapie, Öl-Bädern oder rhythmischen Massagen behandelt werden, hinterher tatsächlich besser? Ja!, lautet die Antwort inzwischen für immer mehr Leiden. So profitieren z.B. Asthmatiker, Patienten mit Depressionen, chronischen Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rheuma oder einem Erschöpfungssyndrom eindeutig vom anthroposophischen Ansatz. Obendrein werden dadurch auch die Behandlungskosten gesenkt, wie die sogenannte AMOS-Studie belegt. Deswegen wird die anthroposophische Medizin auch von immer mehr gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Und damit ist endgültig klar: Sie ist keine Esoterik, sondern echte Hilfe.

Eine Patientin erzählt

Eine Patientin erzählt

„Früher hätte ich solche Dinge belächelt“

Ute Breiholdt, 51, Lehrerin aus Glückstadt

Antroposophische Medizin 3
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Antroposophische Medizin 3

„Bei mir wurde 2005 Brustkrebs festgestellt. Ich machte mir anfangs keine großen Sorgen, ging nach den Eingriffen bald wieder arbeiten. Aber der Krebs kehrte zurück, und es wurden Metastasen festgestellt. Ich habe meinen Ärzten damals voll vertraut. Doch dann faxte man mir einen Bericht von der Computertomografie und ich musste feststellen, dass sie mir vorenthalten hatten, wie schlimm es wirklich um mich stand. Danach war ich am Boden zerstört. Von einer Freundin hörte ich dann von einer Klinik für anthroposophische Medizin in Hamburg. Ganz ehrlich, früher hätte ich solche Dinge belächelt! Heute denke ich:Wenn ich nicht dort gewesen wäre, würde es mir jetzt nicht so relativ gut gehen, und ich hätte nicht diese Lebensqualität. Das liegt eindeutig daran, dass ich eben nicht nur Chemotherapie bekam, sondern zum Beispiel auch Mistel-Injektionen, Heileurythmie machte, rhythmische Massagen bekam und mich in der Klinik mit meiner Krankheit intensiv auseinandersetzte. Ich kann besser mit meinem Schicksal umgehen. Der allergrößte Erfolg ist aber, dass bei der letzten Computertomografie in der Lunge keine Tumore mehr zu sehen waren!“

Interview

Interview

„Der Patient wird als aktiver Partner gesehen“

Prof. Peter Heusser, 59, ist Inhaber des Lehrstuhls für Medizintheorie, integrative und anthroposophische Medizin an der Universität Witten-Herdecke

Antroposophische Medizin 4
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Antroposophische Medizin 4

Ist die anthroposophische Medizin besser als die Schulmedizin? Der anthroposophischen Medizin geht es nicht darum, besser zu sein. Sie will die Schulmedizin nicht ersetzen, sondern sie versteht sich als eine ganzheitliche Ergänzung und geisteswissenschaftliche Erweiterung.

Was heißt das in der Praxis? Das heißt, dass ein anthroposophischer Arzt eine Krankheit nicht nur als Folge von fehlerhaften biochemischen Vorgängen, also nur auf der molekularen Ebene versteht. Er fragt auch immer: Was hat eine Erkrankung mit dem Geist, der Seele und der Biografie, den sogenannten Lebensfunktionen des Patienten, zu tun?

Müssen die denn auch behandelt werden? Genau das ist das Ziel der anthroposophischen Medizin. Ihre Medikamente und Methoden sollen eben nicht nur Moleküle beeinflussen, sondern auch die Selbstheilungskräfte des Körpers aktivieren. Der Patient soll gesund werden und gesund bleiben.

Beeinflussen Steiners Theorien auch den Klinikalltag? Ja. Ich denke, dass die Ärzte, Schwestern und Pfleger untereinander, aber auch mit dem Patienten noch enger zusammenarbeiten als in einer rein schulmedizinischen Klinik. Der Patient wird viel mehr als aktiver Partner gesehen. Außerdem werden die Räumlichkeiten so gestaltet, dass eine heilende Atmosphäre entsteht.

Welche Rolle spielt die anthroposophische Medizin in den nächsten Jahren? Ich denke, eine wichtige. In den USA arbeiten schon jetzt immer mehr Kliniken ganzheitlich und bieten nicht nur die Schulmedizin, sondern auch andere Verfahren an. Doch für diese „integrative Medizin“ fehlt ein theoretischer Überbau. Den könnte die anthroposophische Medizin liefern.

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