8. Februar 2010
40 Jahre moderne Hochleistungsmedizin

40 Jahre moderne Hochleistungsmedizin

In den vergangenen 40 Jahren haben wir den Mensch immer besser verstehen gelernt. Wer hätte gedacht, dass wir mit Genen heilen? Oder ohne Schnitte operieren? Ein Abriss über die medizinische Entwicklung bei den 10 wichtigsten Frauenkrankheiten.

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Der menschliche Erbcode wird geknackt. Stammzellen reparieren kranke Organe. Kamera-„Pillen“ liefern Bilder aus dem Darm. Die Medizin hat uns im 20. Jahrhundert mehr Fortschritte gebracht als die gesamte Menschheitsgeschichte seit dem Neandertaler. Mit der positiven Bilanz, dass wir noch nie so alt geworden sind wie heute.

Ein 2009 geborenes Mädchen wird ein durchschnittliches Alter von 82,1 Jahren erreichen, ein Junge eins von 76,6 Jahren. Und für 2050 sagt die Demografie einen weiteren Anstieg der Lebenserwartung voraus: auf 86,6 Jahre bei Frauen und 81,1 bei Männern. Aber die Fortschritte der modernen Hochleistungsmedizin haben ihren Preis.

Wer älter wird, bekommt beispielsweise häufiger Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zum Infarkt oder Schlaganfall. Und die Hightech- Medizin macht bequem und verführt zu einem sorglosen Umgang mit der Gesundheit – Stichwort: Bewegungsmangel und Fast-Food-Konsum. Funktionieren Körper oder Seele nicht mehr richtig, lässt sich das „kaputte Bauteil“ schon wieder schnell richten, denken viele.

Die Folge: Die Zahl der Zivilisationsleiden steigt von Jahr zu Jahr drastisch an. Stoffwechselerkrankungen wie „Alters“-Diabetes treffen immer häufiger Kinder und Jugendliche. Allergien machen heute auch vor Senioren nicht mehr Halt.

Diese ständig wachsenden Herausforderungen jedoch meistert die moderne Medizin mit Bravour. Fast jährlich wartet sie mit bahnbrechenden Innovationen auf: cleverere Medikamente, schonendere Operationstechniken, effektivere Diagnostik, bessere Vorsorgeprogramme. Und all das auf höchstem Qualitätsniveau. Garantiert z. B. durch zertifizierte Spezialkliniken, Behandlungsleitlinien und standardisierte Sicherheitskonzepte.

Ein Beispiel: Obwohl die Zahl der an Brustkrebs erkrankten Frauen in den nächsten 20 Jahren um ein Viertel zunehmen soll, wird die Überlebensrate fünf Jahre nach der Diagnose eines kleinen Tumors bei mehr als 90 Prozent liegen. Mit welchen Sieben-Meilen-Stiefeln die Medizin in den vergangenen 40 Jahren vorangeschritten ist, zeigt die folgende Übersicht der zehn wichtigsten Frauenkrankheiten. Diagnostik und Therapie – was war gestern, was ist heute, was wird morgen sein? Eine Geschichte unglaublicher Fortschritte. Staunen Sie selbst!

Diagnostik

Diagnostik

Allergien

Früher: Der Prick-Test weist eine Allergie in ein paar Minuten nach. Das vermutete Allergen (z. B. Pollen) wird in Tropfenform auf den Unterarm aufgetragen, die Haut darunter mit einer Lanzette aufgestochen. Reagiert der Patient allergisch, bilden sich eine Rötung, Quaddeln, Juckreiz.

Heute: In Blutproben können sogenannte freie IgE-Antikörper gemessen werden. Bei einer Allergie ist der Wert dieser speziellen Immuneiweiße erhöht. Das eosinophile kationische Protein im Blut gibt Auskunft darüber, ob eine allergische Entzündungsreaktion vorliegt.

Augenerkrankungen

Früher: Zur Messung des Augeninnendrucks im Rahmen der Früherkennung des grünen Stars ist eine lokale Betäubung nötig. Für die Untersuchung des Augenhintergrunds müssen die Pupillen weit getropft werden. Unscharfes Sehen, Blendempfindlichkeit halten Stunden an.

Heute: Per Laser lassen sich z. B. Sehnerv und Hornhaut für den Glaukom-Check (grüner Star) schmerzfrei und präzise vermessen. Die digitale Darstellung der Netzhaut erleichtert die schonende Diagnose von Augenerkrankungen, liefert aber auch Hinweise auf Herz-Kreislauf-Risiken.

Brustkrebs

Früher: Zur Früherkennung von Brustkrebs wird die Mammografie eingesetzt. Die Röntgenuntersuchung spürt mit kontrastreichen Aufnahmen bereits noch nicht tastbare Tumore auf. Die Röntgengeräte sind aber nicht zertifiziert, haben eine 10-fach höhere Strahlendosis als heutige.

Heute: Für Frauen zwischen 50 und 69 zahlen die Kassen alle zwei Jahre ein Mammografie- Screening. Die dreidimensionalen Röntgenbilder der digitalen Mammografie erkennen selbst Vorstufen von Brustkrebs. Der Gentest BCRA1/BCRA2 sagt das Krebsrisiko vorher.

Darmkrebs

Früher: Mit Tests auf verborgenes Blut im Stuhl („Haemoccult“) sollen Darmkrebs und seine Vorstufen, die Darmpolypen, aufgespürt werden. Aber nur bei 15 % der Patienten mit positivem Test liegt tatsächlich Krebs vor. Viel genauer ist die Koloskopie (Darmspiegelung).

Heute: Immunologische Tests finden deutlich mehr Krebsvorstufen als der Okkultblut-Test. Die Darmspiegelung – Trefferquote: fast 90 %! – ist ab 55 Jahren alle 10 Jahre Kassenleistung. Eine Kamerakapsel, die geschluckt werden kann, schießt Fotos vom Darm.

Depressionen

Früher: Der Psychiater beurteilt den Gemütszustand des Patienten lediglich nach einer groben Dreier-Klassifikation: 1. durch belastende Lebensumstände ausgelöste Depression, 2. genetisch bedingte Depression, 3. durch körperliche Krankheiten ausgelöste Depression.

Heute: Die Depression wird exakt mit der Klassifikation nach ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation bestimmt. Sie gibt dem Psychiater einen differenzierten Symptomkatalog an die Hand. Zunehmend wird das EEG eingesetzt. Es entlarvt typische depressive Gehirnaktivitäten.

Diabetes

Früher: Oft wird nur der Nüchternblutzucker ermittelt, eine Momentaufnahme. Nicht jeder Diabetes Typ II lässt sich damit feststellen. Ein Glukose Toleranztest, bei dem Zuckerlösung getrunken und der Blutzuckerwert nach zwei Stunden gemessen wird, ist aussagekräftiger.

Heute: Kombiniert werden Glukose-Toleranztest und der Langzeitblutzucker- Wert HbA1c. Er gibt den Prozentanteil des mit Glukose verbundenen roten Blutfarbstoffs an, der immer unter 6,5 % liegen sollte. Damit lässt sich der Blutzucker der letzten 8 bis 10 Wochen beurteilen.

Hautkrebs

Früher: Der Arzt beurteilt Hautveränderungen nach der ABCD-Regel. Für schwarzen Hautkrebs sprechen: asymetrische Form, unscharfe Begrenzung, Mehrfarbigkeit (engl.: colour), ein Durchmesser von mehr als 5 mm. Auffälligkeiten werden auf einer Körperkarte eingetragen.

Heute: Mit dem Auflichtmikroskop lassen sich tiefere Gewebeschichten inspizieren. Die Daten werden am Computer ausgewertet. Ab 35 können gesetzlich Versicherte alle zwei Jahre kostenlos zum Hautkrebs- Check gehen. Früh erkannt, ist Hautkrebs heute wie früher heilbar.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Früher: Ein Röntgenbild vermittelt einen Eindruck über Form, Größe und Lage des Herzens. Die Untersuchungsergebnisse sind aber oft unpräzise. Ob Gehirn und Herzkranzgefäße gut durchblutet werden, lässt sich mit Ultraschall und Kontrastmittel sichtbar machen.

Heute: Moderner Ultraschall und der Kernspin (MRT) ermöglichen genaue Darstellungen von Herz, Gehirn, Gefäßen, ohne Eingriff in den Körper oder Strahlung. Die Positronen- Emissions-Tomografie (PET) liefert detaillierte Bilder von radioaktiv markiertem Gewebe.

Migräne

Früher: Der Patient schildert dem Arzt seine Beschwerden. Typische Symptome wie halbseitiger Stirn-, Augenschmerz oder Sehstörungen bringen ihn auf die Diagnosespur. Vielleicht. Denn einen einheitlichen Diagnose-Schlüssel gibt es nicht, apparative Diagnostik macht keinen Sinn.

Heute: Die Kriterien der International Headache Society für den Arzt zusammen mit dem Kieler-Kopfschmerz-Fragebogen für den Patienten machen eine 100-%ige Diagnose möglich. Eine apparative Diagnostik ist überflüssig – und es gibt sie bis heute auch nicht.

Myome

Früher: Myome – gutartige Geschwulste – am Gebärmuttermund werden vaginal mit einem Spekulum betrachtet. Myome am Uteruskörper durch Bauchdecke und Scheide abgetastet. Bauchdecken- Ultraschall macht Myome sichtbar. Noch schlechte Bildqualität.

Heute: Viele Myome lassen sich gestochen scharf mit dem vaginalen Ultraschall darstellen. Die Schallwellen werden direkt von der Gebärmutter reflektiert. Sitzt das Myom in der Uterusschleimhaut, wird die Gebärmutter durch einen Bauchschnitt endoskopisch gespiegelt.

Therapie

Therapie


Allergien

Früher: Das Nebennierenrinden-Hormon Kortison unterdrückt das fehlgeleitete Immunsystem, hemmt allergische Entzündungsreaktionen. Antihistaminika blockieren die Rezeptoren des Körper-Botenstoffs Histamin. Allergie- Symptome wie Niesen oder Husten lassen nach.

Heute: Bei Menschen mit Heuschnupfen und allergischem Asthma macht die Gräser-Impf-Tablette das Immunsystem unempfindlich gegen Pollen. Eine Salbe mit Immunmodulatoren aus Pilz-Wirkstoffen bbremst bei Neurodermitikern das überempfindliche Abwehrsystem aus.

Augenerkrankungen

Früher: Grauer Star: Die Star-Operation erfordert große Schnitte, über die die Linse – oft mit der Kapsel – entfernt werden muss. Fehlsichtigkeit: Sauerstoffdurchlässige harte und flexible weiche Kontaktlinsen werden in den 70er Jahren zu einer echten Alternative zur Brille.

Heute: Dank Laser lassen sich Fehlsichtigkeiten präzise und dauerhaft korrigieren. Beim grauen Star wurden die OP-Schnitte dadurch deutlich kleiner. Defekte Linsen werden per Ultraschall zertrümmert, abgesaugt und flexible Kunststofflinsen eingesetzt (früher: starres Plexiglas).

Brustkrebs

Früher: Bei jeder Tumorgröße wird eine Brustamputation vorgenommen, die Lymphknoten in der gesamten Achselhöhle ausgeräumt. 80 % der Tumore wachsen durch Östrogene. Das Eibenrinden- Medikament „Tamoxifen“ blockiert ihre Rezeptoren und verhindert so neue Tumore.

Heute: 80 % der Frauen werden brusterhaltend operiert, große Tumore vor der OP mit der primären Chemotherapie geschrumpft. Statt 6-wöchiger Bestrahlung nach der OP: einmalige Bestrahlung während der OP. Aromatasehemmer blocken die körpereigene Östrogenproduktion.

Darmkrebs

Früher: Die operative Entfernung der vom Krebs befallenen Darmabschnitte – eventuell auch des umliegenden Lymph-, Fett- und Bindegewebes – ist meist der wichtigste Bestandteil der Behandlung. Ergänzend kommen Chemotherapie und Strahlentherapie zum Einsatz.

Heute: Monoklonale Antikörper (Abwehrmoleküle des Immunsystems) ergänzen die bewährten Chemotherapeutika. Sie wirken zielgenau bei eher geringen Nebenwirkungen. Enddarmkrebs: Mithilfe der Mikrochirurgie lässt sich ein künstlicher Darmausgang oft verhindern.

Depressionen

Früher: Sogenannte Tri-, Tetrazyklische Antidepressiva und MAO-Hemmer helfen mehr als 75 % der Patienten. Aber sie bringen den Neurotransmitter-Spiegel im Gehirn nur mit erheblichen toxischen Nebenwirkungen in die Balance. Lithium bessert manische Depressionen.

Heute: Nebenwirkungsarm und sehr effektiv sind die selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme- Hemmer. Der Stimmungsstabilisator „Elmendos“ beugt erstmals Depressionen vor. Verhaltenstherapien polen depressives Handeln und Denken um.

Diabetes

Früher: Seit den 20er Jahren gewinnt man Insulin für Diabetiker aus der Bauchspeicheldrüse von Rindern und Schweinen. 1936 wird das erste Verzögerungsinsulin eingeführt, das den Wirkstoff langsam freisetzt. Menschliches Insulin gentechnisch nachzubilden, gelingt erst 1982.

Heute: Biotechnologisch hergestellte Insulinanaloga ahmen die Insulinfreisetzung von Gesunden nach, reduzieren so das Risiko einer Unterzuckerung. Diabetes Typ I: Pumpen, die ständig über eine Kanüle Insulin abgeben, erleichtern den Alltag und senken das Risiko für Folgeschäden.

Hautkrebs

Früher: Beim schnell streuenden schwarzen Hautkrebs (malignes Melanom) ist die wichtigste Therapie die Entfernung des Tumors mit entsprechendem Sicherheitsabstand. Er betrug bis Anfang der 80er Jahre 5 cm um den Tumor herum. Folge: große Narben, OP in Vollnarkose

Heute: Malignes Melanom: Meist genügt ein Sicherheitsabstand von 1 cm. Bei tiefen Tumoren wird zusätzlich eine Immuntherapie mit Interferon-alpha durchgeführt. Basaliom: Oberflächliche Formen und Vorstufen dieses verbreiteten, hellen Hautkrebses lassen sich sanft wegcremen.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Früher:
Seit den 60er Jahren werden Gerinnsel bei Infarkt und Schlaganfall durch spezielle Lyse-Medikamente aufgelöst, um die Durchblutung wieder herzustellen. Sie wirken am effektivsten bei relativ „frischen“ Notfällen, die nicht länger als drei Stunden zurückliegen.

Heute: Die mechanische Öffnung verstopfter Gefäße plus Aufdehnung und Stentimplantation (Röhre, die die Ader offenhält) hilft auch bei länger zurückliegendem Infarkt. Schlaganfall: In Spezialabteilungen, sogenannten Stroke Units, garantieren Experten optimale Betreuung.

Migräne

Früher: Ein Extrakt aus dem Mutterkorn, das Ergotamin, ist ein hochwirksames Migränemittel. Es wirkt u. a. auf die Rezeptoren von Serotonin und Dopamin im Gehirn. Und beendet so die Schmerzattacke. Besonders effektiv in Kombination mit „Aspirin“ und Ibuprofen.

Heute: Frei verkäufliche Triptane verengen die beim Migräneanfall erweiterten Gefäße im Gehirn. Und sie hemmen die Ausschüttung von Entzündungsstoffen sowie die Ausbreitung von Schmerzreizen über die Hirnrinde. Erfolgreiche Kombination mit Biofeedback und Akupunktur.

Myome

Früher: Mehr als 90 % der Myome werden durch eine radikale Entfernung der Gebärmutter beseitigt. Eingesetzt wird auch die Hormontherapie. Da Östrogene das Wachstum anfeuern, verkleinern ihre Gegenspieler, z. B. Gestagene, in Tablette oder Spirale, die Myome.

Heute: Bei der Embolisation wird das Myom ausgehungert, indem der Arzt über einen dünnen Katheter Kunststoffkügelchen in die Gefäße des Uterus spritzt. Die Therapie mit fokussiertem Ultraschall „verkocht“ die Myome bei 85 Grad – ambulant, ohne OP.

Ausblick

Ausblick

Allergien

Eine orale Allergie-Impfung mit Bakterien-Fragmenten in Tropfenform wird an der Charité getestet. Anti-IgE unter die Haut gespritzt, blockiert Allergie-Antikörper.

Augenerkrankungen

Hochpräzise Laser werden auch die Altersweitsichtigkeit korrigieren können. Bei ererbten Sehstörungen helfen Therapien, die defekte Gene durch gesunde Kopien ersetzen.

Brustkrebs

Proteomics, Eiweiße von Krebszellen, werden im Blut nachgewiesen. Brust-OP ohne Schnitte, sondern mit Laser. Neue Anti-Angioginese-Arzneien hungern Tumore aus.

Darmkrebs

Die Kombination von Kontrastfarbe nund Blaulichtlaser stellt Darmveränderungen noch deutlicher dar. Das macht die Koloskopie sicherer – vor allem für Risikogruppen.

Depressionen

Für schwer Depressive: Bei der tiefen Hirnstimulation werden Elektroden im Gehirn per Elektroimpulse gereizt. Biomarker für manische Depressionen misst ein Bluttest.

Diabetes

Neben neuen Medikamenten, die den Zuckerstoffwechsel beeinflussen sollen, setzen Forscher ihre Hoffnung in die Transplantation insulinproduzierender Zellen.

Hautkrebs

Vermutlich wird es in Zukunft möglich sein, die Bösartigkeit von Pigmentflecken danach zu bestimmen, mit welcher Färbung das Gewebe auf infrarotes Laserlicht reagiert.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Die Entdeckung neuer Herzinfarktgene erleichtert zukünftig die Prävention. Bei Schlaganfall und Herzinfarkt wird die Therapie mit Stammzellen an Bedeutung gewinnen.

Migräne

Neue Triptane als Nasenspray wirken doppelt so lange wie heutige Arzneien. Wirkstoffe zur Behandlung von Schlaflosigkeit und Botulinum-Toxin A beugen Migräne vor.

Myome

Die Methode der interstitiellen Thermotherapie kommt flächendeckend zum Einsatz. Dabei wird das Myom per dünner Nadelsonde durch die Hitze von Laserenergie zerstört.




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