17. Februar 2010
Vitaminpräparate oder Obst? Wir klären auf!

Vitaminpräparate oder Obst?

Das eine Lager verteufelt die Powerstoffe aus der Dose, das andere lobt sie in den Himmel. Aber brauchen wir sie wirklich? Zwei Experten nennen Pro und Kontra.

Pillen oder Vitamine
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Pillen oder Vitamine

Vitamine aus der Kapsel, als Pulver oder Brausetablette: Fast jeder dritte Deutsche greift laut Nationaler Verzehrstudie regelmäßig zu künstlichen Vitaminen. Frauen zwischen 35 und 50 Jahren setzen ganz besonders auf die „Gesundheit to go“. Kein Wunder: Vitamine – allein schon in diesem Wort steckt Verheißung, steht das lateinische „vita“ doch für Leben. 20 Vitamine kennt die moderne Wissenschaft, 13 von ihnen gelten als lebensnotwendig. Diese kann der Organismus allerdings nicht selbst bilden. Deswegen müssen wir sie unserem Körper in irgendeiner Form selbst zuführen.

Info

INTERNET: www.giveev.org. Die GIVE – Gesellschaft zur Information über Vitalstoffe und Ernährung e.V. klärt über die wissenschaftlichen Hintergründe von Vitaminen auf und gibt Tipps für den Alltag.

BUCHTIPP: Heinz Knieriemen: „Vitamine, Mineralien, Spurenelemente: Gesund und fit mit Vitalstoffen. Ein kritischer Ratgeber“, AT-Verlag, 165 Seiten, 9,95 Euro. 

Die Aufgabenvielfalt von Vitaminen ist kaum zu überblicken: Sie sind zum Beispiel das A und O des Zellstoffwechsels, sorgen für frische Blutkörperchen und Zellennachschub oder sind am Aufbau von Knochen und Zähnen beteiligt. Kaum ein Weg führt noch vorbei an den vielversprechenden Packungen: In Apotheke, Drogerie und Lebensmitteldiscount locken Spezialmischungen für Kinder, Schwangere, Rheumatiker und Krebskranke. Doch wie viel Sinn macht die Extraportion Vitamine aus Pillen? Reicht es nicht, frisches Obst und Gemüse zu knabbern? Zwei Experten haben uns Ihre Meinung zu künstlichen Vitaminpräperaten erläutert. Lesen Sie hier alle Vor- und Nachteile >>

Pro Vitaminpräparate: Dr. Thomas Schettler

Dr. Thomas Schettler, Medical Director, Whitehall-Much, Münster sieht in der Einnahme von Vitaminpräparaten eine gute und gesunde Möglichkeit, seinen Körper auf unkomplizierte Weise mit allen wichtigen Vitaminen zu versorgen.

„VITAMINPRÄPARATE STEUERN IN HOHEM MASSE DAS WOHLBEFINDEN DES MENSCHEN“

„Viele Bundesbürger sind nicht ausreichend mit Vitaminen versorgt. Das hat jedenfalls der Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) gezeigt. Zu den unterversorgten Gruppen gehören vor allem Senioren, Kinder und Jugendliche. Im Prinzip bietet Deutschland zwar alles an Nahrungsmitteln, was man für eine gesunde Kost braucht, doch nur die wenigsten nutzen das. Viele essen keine Vollkornprodukte – weder frisches Obst noch Gemüse. ,Ich schaffe es einfach nicht, die empfohlenen fünf Portionen am Tag zu essen’, Aussagen wie diese höre ich immer wieder. Hastiges Kantinenessen, morgens ohne Frühstück aus dem Haus – das ist doch keine gesunde Ernährung!

Seit vielen Jahren versuchen wir, die Ernährungsgewohnheiten der Menschen zu verändern. Aber da passiert nicht viel. Demnach sind künstliche Vitamine ein einfaches und wirksames Mittel, um die Ernährung aufzuwerten. Jeder Mensch braucht unter besonderen Belastungen wie Krankheit oder chronischer Medikamenteneinnahme eine individuelle Vitaminmischung, die zu seiner Lebenssituation passt. Echte Vitaminmangelerkrankungen wie Skorbut bei Vitamin-C-Mangel oder Beriberi bei Vitamin-B1-Mangel treten in der westlichen Welt natürlich nicht mehr auf. Aber ich meine auch eher den schleichenden Vitaminmangel, der körperliches Unwohlsein und gesundheitliche Probleme mit sich bringt. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen beispielsweise, dass es vielen Bundesbürgern an Folsäure und dem Vitamin B12 mangelt. Heute wissen wir z. B. auch, dass die gesamte Bevölkerung in Deutschland einen erheblichen Vitamin-D-Mangel hat. Bisher war vor allem klar, dass Vitamin D den Knochenstoffwechsel reguliert. Beispiel ,Peak Bone Mass’, also die maximale Knochenmasse, die man zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr erreicht: Sie spielt eine entscheidende Rolle dabei, ob und wann wir eine schwere Osteoporose entwickeln könnten.

Nur wenn der Vitamin-D-Haushalt ausgeglichen ist, lässt sich auch eine optimale Knochenmasse aufbauen. Heute wissen Ernährungswissenschaft und Medizin auch, dass die Aufgaben von Vitamin D weit über den Knochenstoffwechsel hinausgehen. So bringen neue wissenschaftliche Studien einen Vitamin-D-Mangel sogar mit Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems oder Brustkrebs in Verbindung. Wie hoch die Vitamine in den Präparaten seriöser Unternehmen dosiert sind, geben anerkannte Daten wissenschaftlicher Fachgesellschaften vor. Hierzulande richten wir uns nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Frankfurt.

Fazit: Es gibt bei uns zwar keine echten Vitaminmangelerkrankungen mehr, dafür aber oft ein schleichendes Vitamindefizit. Das kann unser Wohlbefinden beeinträchtigen, uns sogar krank machen. Vitamine sind wichtige Mosaiksteine eines funktionierenden Organismus. Zusammen mit regelmäßiger Bewegung und einem bewussten Lebenswandel führen sie dazu, dass wir uns eben gesünder fühlen.“

Kontra Vitaminpräparate: Prof. Dr. Regina Brigelius-Flohé

Prof. Dr. Regina Brigelius-Flohé, Dt. Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke steht Vitampinpräparaten eher kritisch gegenüber und unterstützt die These, dass jeder die benötigte Menge an Vitaminen durch die Nahrung aufnehmen kann.

„VITAMINE SIND OFT PROBLEMATISCH, IHRE HEILVERSPRECHEN NICHT HALTBAR“

Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine sind für gesunde Menschen überflüssig, solange sie sich normal und ausgewogen ernähren. Sie kosten unnötig Geld und können hochkonzentriert den Körper sogar belasten. Dieser braucht eine ausgewogene Balance von Vitaminen, Oxidanzien, Antioxidanzien, Spurenelementen und anderen sekundären Pflanzenstoffen. Geben wir einseitig und massiv eine Komponente hinzu, wird das Gleichgewicht gestört – der Körper steuert dagegen.

Es kann aber ja nicht Sinn der Sache sein, dass Kraft aufgewendet werden muss, um die Substanzen wieder hinauszubefördern. Besonders problematisch können die fettlöslichen Vitamine A, D, K und E sein. Sie reichern sich im Körper an und können im Übermaß sogar bei Gesunden Probleme verursachen, z.B. das Enzymsystem hochregulieren. Zudem funktioniert die Aufnahme von Vitaminen mit der normalen Nahrung oftmals besser. Fettlösliche Vitamine etwa sind als Kapsel schlechter verwertbar. Dazu braucht der Körper nämlich etwas Fett aus der Nahrung. Manche synthetischen Vitamine sind wahrscheinlich auch weniger wirksam als natürliche. Vitamin E aus dem Labor hat z.B. acht verschiedene Formen, natürliches Vitamin E nur eine. Zur Frage, wie diese synthetischen Produkte aufgenommen werden oder ob sie andere Wirkungen haben, fehlen aber bisher Untersuchungen. Außerdem: Es gibt Tausende Substanzen in der Nahrung, weit mehr als nur die gängigen Vitamine. Von vielen kennen wir die Wirkungen gar nicht. Aber es ist anzunehmen, dass sie vielfältige positive Einflüsse auf den Körper haben.

Diese können von einer Tablette mit nur wenigen Inhaltsstoffen gar nicht erfüllt werden. Die großen Heilversprechen von hoch dosierten Vitaminen können nicht eingelöst werden. In Studien konnte bisher auch kein Schutzeffekt nachgewiesen werden: Neue Untersuchungen zeigen etwa, dass Vitamin E die Entstehung von Herz- Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs nicht verhindert. Und auch Vitamin C zur Prävention von Erkältungen ist umstritten. Es gibt zwar durchaus Umstände, in denen zusätzlich Vitaminpräparate sinnvoll sind, etwa im Säuglingsalter, bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder bei Schwangeren mit familiärer Vorbelastung hinsichtlich Neuralrohrdefekten beim ungeborenen Kind. Aber diese Fälle sind eher selten.

Fazit: Wer gesund ist, braucht keine zusätzlichen Vitamine. Das ist reine Geldverschwendung, denn sie können im Übermaß sogar schaden. Zu einem gesunden Leben gehört auch etwas Lebensfreude – dazu trägt ein wunderbar frischer und knackiger Salat eher bei als eine Kapsel!“

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