5. Juni 2015
Die C Klasse

Die C Klasse

Menschen und Meerschweinchen haben eines gemeinsam: Ihr Körper kann kein Vitamin C selbst herstellen. Doch ohne das Allroundgenie unter den Vitalstoffen stottert unser Motor.

Frau mit Zitrone
© Squaredpixels /iStock
Frau mit Zitrone

Fahren Sie mich irgendwohin, ich werde überall gebraucht!“ Kennen Sie den alten Taxifahrer-Witz? Wir lachen über den größenwahnsinnigen Fahrgast. Doch stiege das Vitamin C in ein Taxi, träfe diese Aussage tatsächlich zu: Kaum ein Vorgang im Organismus kommt ohne das wasser- lösliche Vitamin aus, das über die Nahrung in den Körper gelangt.

Die meisten von uns bringen Ascorbinsäure – so die chemische Bezeichnung für Vitamin C – hauptsächlich mit der Stärkung des Immunsystems in Zusammenhang. Kaum kratzt es im Hals, steigt der Konsum von Zitrusfrüchten sprunghaft an, und wir hoffen, dass so der Infekt an uns vorüberzieht. Dabei stehen Zitronen oder Orangen auf der Liste der Vitamin-C- haltigen Lebensmittel nicht besonders weit oben. Den Spitzenplatz bei Früchten belegt die Acerolakirsche (1300–1700 mg/ 100 g), gefolgt von der Hagebutte (1275 mg/ 100 g). Zitrusfrüchte enthalten dagegen „nur“ 50 mg pro 100 g. Auch Kräuter und Gemüse können mit imposanten Werten aufwarten: Rote Paprika liefert bis zu 180 mg, Petersilie 160 mg Vitamin C je 100 g. Selbst Kartoffeln stehen mit ihren 17 mg vergleichsweise besser als Äpfel (12 mg) da.

Weit weniger als der Immunschutz ist der Gefäßschutz bekannt: Ascorbinsäure normalisiert den Blutfluss und hält die Innenwände der Arterien glatt, sodass sich Cholesterin dort nicht festsetzen kann. Das verhindert Arteriosklerose und Schäden am Herz-Kreislauf-System. Auch Haut und Bindegewebe profitieren von dem Alleskönner, der sich entscheidend an der Herstellung von Kollagen beteiligt. Dieser Stoff stärkt Zähne und Knochen, hält gleichzeitig Bänder, Sehnen, Haut und Blutgefäße elastisch und spielt bei der Knochen- und Wundheilung eine wichtige Rolle. Darüber hinaus reguliert Vitamin C den Hormonhaushalt und aktiviert jene Enzyme in der Leber, die für die Entgiftung zuständig sind. Und nicht zuletzt braucht der Körper den Mikronährstoff, um dessen Verwandtschaft – Zink, Kalzium und Eisen – besser aus der Nahrung herauslösen und aufnehmen zu können.

Ein Spritzer genügt? Denkste! Um die empfohlene Tagesdosis von ca. 100 mg Vitamin C aufzunehmen, müssten Sie 200 ml frisch gepressten Zitronensaft trinken. Wählen Sie bessere Lieferanten: Die gleiche Menge steckt in nur 3 Löffeln Sanddornsaft oder 70 g roter Paprika.



Eine weitere Aufgabe der Ascorbinsäure, der Mediziner mehr und mehr Bedeutung beimessen, liegt in ihrer antioxidativen Wirkung. Antioxidantien sind sehr gute „Radikalfänger“. Bei vielen körpereigenen Prozessen entstehen sogenannte freie Radikale: beim Atmen, bei Entzündungen oder starker körperlicher oder seelischer Belastung. Als äußere Verursacher gelten Zigarettenrauch, Luftverschmutzung oder Strahlenbelastung. Werden freie Radikale nicht in ausreichender Menge „eingefangen“ und dadurch neutralisiert, entsteht oxidativer Stress (siehe Interview links).

Ein gesunder Organismus kann sich bei ausgewogener Ernährung ausreichend mit Ascorbinsäure versorgen. Die wohl bekannteste Krankheit, die auf Vitamin-C- Mangel beruht – Skorbut – tritt heute praktisch nicht mehr auf. An dieser Erkrankung litten früher meist Seeleute, die monatelang keine frischen Lebensmittel auf den Teller bekamen. Unter Umständen kann jedoch der Vitamin-C-Bedarf stark ansteigen, unter anderem durch die Einnahme bestimmter Medikamente (z. B. Antibabypille, Kortison oder Breitbandantibiotika). Und der lässt sich dann nicht mehr ohne Weiteres stillen: Die Zahl der Transport-Moleküle, die das Vitamin C über die Dünndarmwand ins Blut befördern, ist begrenzt. Alles, was keine „Mitfahrgelegenheit“ ergattert, rauscht ungenutzt durch. Das macht eine Überdosierung, beispielsweise bei der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, unmöglich.

Wer einer Risikogruppe angehört und die typischen Symptome zeigt (siehe Kasten ganz links), sollte beim Arzt einen Bluttest durchführen lassen. Liegt eine Erkrankung vor, zahlt die Untersuchung meist die gesetzliche Krankenkasse. Einen diagnostizierten Mangel kann der Arzt durch hoch dosierte Vitamin-C-Infusionen („Pascorbin“, Apotheke) kurzfristig ausgleichen. Viele Kassen tragen hierfür die Kosten – nachfragen lohnt sich. Auf www.pascoe.de finden Betroffene eine Datenbank mit Adressen von Ärzten oder Heilpraktikern, die diese Therapie durchführen.

Frau mit Zitrone
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Frau mit Zitrone

Interview mit Dr. med. Burkhard Weisser

vital: Sie fordern bessere Aufklärung über oxidativen Stress. Warum? Prof. Dr. Burkhard Weisser: Viele Menschen leiden an unspezifischen Symptomen, die durch oxidativen Stress hervorgerufen werden. Doch viele Betroffene haben noch nie von dem Begriff gehört.

Erklären Sie ihn bitte. Bei vielen Stoffwechselvorgängen bilden sich freie Radikale. Diese aggressiven, reaktionsbereiten Moleküle müssen von Schutzfaktoren abgefangen werden. Ähnlich wie das Immunsystem, das Bakterien oder Viren unschädlich macht. Können weniger freie Radikale ausgeschaltet werden, als neue entstehen, kommt es zu oxidativem Stress.

Und der ist gefährlich? Ja. Freie Radikale schädigen die Zellen. Sie können praktisch jedes Gewebe von Auge bis zu Niere, Gelenke und Herz angreifen.

Wie hängt Vitamin-C- Mangel damit zusammen? Vitamin C ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren gegen freie Radikale. Ein Mangel an Vitamin C führt daher zu oxidativem Stress.

Lässt sich das verhindern? Bei gesunden Menschen reicht eine ausgewogene, vitaminreiche Kost im Normalfall aus. Manche akute oder chronische Erkrankung verursacht jedoch schwere Mangelzustände, die weder durch die Ernährung behoben noch durch eine orale Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ausgeglichen werden können.

Was empfehlen Sie dann? Einen schweren Mangel kann eine hoch dosierte Infusions-Therapie beheben. Diese Möglichkeit ist vielen Patienten und Ärzten noch nicht bekannt. Anstelle der langsamen und begrenzten Aufnahme über den Darm gelangt das Vitamin C auf diesem Weg sofort und ohne Verluste direkt ins Blut.


Haben Sie einen erhöhten Vitamin-C-Bedarf?

  • Menschen, die unter großem Stress leiden
  • Diabetiker (ihr Bedarf ist um 30 Prozent erhöht)
  • Patienten mit Magen- oder Dünndarmgeschwüren
  • Raucher (ihr Bedarf ist um 40 Prozent erhöht)
  • Menschen, die sich einseitig und hauptsächlich von Fast Food ernähren
  • Personen mit geschwächtem Immunsystem Ein Vitamin-C-Mangel zeigt sich typischerweise an erhöhter Infektanfälligkeit, schlechter Wundheilung, Gelenk- und Gliederschmerzen, allgemeinem Schwäche- gefühl, Schlafstörungen, häufigem Zahnfleischbluten oder Depressionen.


Vorsicht, der Vitalstoff verflüchtigt sich!

Beim Lagern und Zubereiten von Obst und Gemüse gehen große Mengen Vitamin C verloren. So büßen Möhren bei Raumtemperatur innerhalb einer Woche bereits rund ein Viertel ihres Vitamin-C-Gehaltes ein, grüne Bohnen sogar gut drei Viertel. Wenn Sie die Lebensmittel waschen und klein schneiden, verflüchtigt sich an den Schnittflächen durch Kontakt mit Sauerstoff jede Menge des kostbaren Vitalstoffs. Beim Kochen richtet in erster Linie nicht die Hitze, sondern vielmehr das Wasser den Schaden an. Kochen Sie Gemüse daher mit so wenig Wasser wie möglich. Noch besser: Dampfgaren.

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