17. Februar 2010
Sport und Öko-Essen?

Sport und Öko-Essen?

Wie muss man sich eigentlich das Familienleben von VITAL-Kolumnistin Verena Carl vorstellen? Laufrunden mit einem trendigen Jogging-Buggy, Kindergeburtstag mit Tofu-Burgern? Von wegen… 

Mutter Kind
© jalag-syndication.de
Mutter Kind

Jeden Morgen pünktlich um acht Uhr dreißig besucht mich mein schlechtes Gewissen. Und zwar immer dann, wenn ich im Kindergarten stehe und das Frühstück meiner Tochter auspacke. Auf allen anderen Plätzen bauen Mütter lachende Gesichter aus Kiwischeiben, Biobananen und Jogurts mit Dinkeleinlage. Nur auf Helens Teller sieht es aus, als wollte sich ein winziger Bauarbeiter für eine Grundsteinlegung stärken: dicke Stullen mit noch dickeren Salamischeiben. Kein Obst, nirgends. Mal ein AlibiÄpfelchen. Aber nur an sehr guten Tagen.

Meine Tochter isst nämlich grundsätzlich am liebsten Lebensmittel, bei denen Ernährungswissenschaftler japsend zum Krawattenknoten greifen. Sport? Wenn andere Kinder auf dem Klettergerüst turnen, erzählt sie ihren Sandförmchen Fortsetzungsromane von Dinosauriern und Piraten. Dabei bewegt sie sich höchstens, um sich die Mütze gegen UV-Strahlung vom Kopf zu reißen. Das könnte eine prä-prä-pubertäre Form der Rebellion sein. Aber nicht nur Helen ist eine Bewegungs-Verweigerin, der Rest meiner Familie ist keinen Deut besser.

Wenn mein Mann Roibuschtee statt Rotwein trinkt, weiß ich: Morgen ist er krank. Dierks Vorstellung von Fitness? In Internet-Foren mit anderen Mittelalter-Maniacs darüber streiten, wie die Ritter im 15. Jahrhundert ihre Duelle ausgefochten haben. Pflege? Schwamm drüber. Jede Woche beim Putzen staube ich die Gesichtscreme- Tube ab, die ich ihm 2007 gekauft habe. Dann hätten wir noch Henri. Der immerhin hält sich fit, indem er täglich gefühlte 15 Kilometer den Wohnungsflur auf und ab robbt. Aber was soll man auch sonst in seiner Freizeit machen, wenn man noch nicht mal frei sitzen kann?

Ich bin anders als die anderen. Ich besitze eine Bonuskarte beim „Grünschnabel“-Frischsäftestand, kann aus dem Stand die Kalorienzahl der meisten handelsüblichen Lebensmittel angeben, Mantras singen, ohne zu lachen, und habe die meisten Trendsportarten der letzten 20 Jahre wenigstens mal ausprobiert. Bis auf Bungee-Jumping. Trotzdem: Manchmal glaube ich, dass meine Familie die Nase vorn hat in Sachen Vitalität. Ich bin nämlich der klassische Jo-Jo-Spieler: Entweder, ich verfolge mein Pensum an Sport und Co mit der Disziplin eines preußischen Finanzbeamten – oder ich schwenke um ins Gegenteil und tröste mich mit Vollmilch-Nuss schon am Vormittag über mein Versagen hinweg.

Der Rest der Familie lebt einfach nach dem Lustprinzip. Wenn Helen über eine Wiese rennt, dann nicht, um im anaeroben Trainingsbereich Kalorien zu verbrennen. Sondern weil das Gras sich so gut anfühlt unter den nackten Füßen. Wenn Dierk kernlose Trauben verputzt, denkt er nicht über den Zellschutzeffekt der Inhaltsstoffe nach. Sondern genießt einfach den Geschmack nach Spätsommer und Sonntagen im Bett. Und Henri trainiert auch nicht auf einen Waschbrettbauch hin, wenn er seine kleinen Baby-Sit-ups versucht. Der will nur endlich mal die Welt von weiter oben sehen. Vielleicht sollte ich mir davon einfach mal eine Scheibe abschneiden.

Weniger Pflichtgefühl, mehr Spaßprinzip. Denn erstaunlicherweise ist der Rest meiner Familie weder dicker als ich, noch kommen sie beim Spielplatz-Wettlauf schneller aus der Puste. Vorbildlich, eigentlich. Nur ihre dicken Wurststullen, die kann Helen gern für sich behalten.

Lade weitere Inhalte ...