29. April 2010
Lebensmittel-Imitaten auf der Spur

Lebensmittel-Imitaten auf der Spur

Analog-Käse, Surimi-Garnelen und Gel-Schinken – Lebensmittel-Imitate sind kaum zu erkennen. „Was wird uns da eigentlich aufgetischt?“, fragt sich VITAL-Redakteurin Imme Bohn.

Pizza
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Pizza

Das hatte ich mir doch anders vorgestellt. Auf meine Frage, ob das Pizzastück mit Analog-Käse überbacken sei, zuckt die Verkäuferin nur lächelnd die Schultern. Seit ich von Käse-Imitaten, Gel-Schinken und vorgetäuschten Zutaten gehört habe, kaufe ich noch bewusster ein. Wie kann es sein, dass ich statt natürlich gereiftem Käse ein Laborprodukt aus Wasser, Pflanzenfett und Milcheiweiß auf meiner Pizza habe? Ist das eigentlich erlaubt? „Ja, denn jedes Produkt, das aus Lebensmittelzutaten hergestellt ist, darf auch bei uns in den Handel“, erklärt Armin Valet von der Verbraucherzentrale in Hamburg.

Vielfalt der Täuschungen

Aber: Lebensmittel mit sogenannten Käse-Imitaten müssen für den Verbraucher klar erkennbar sein, heißt es in einer Verordnung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Nicht ganz einfach, denn die Praxis sieht anders aus. Nach dem Wort Käse-Imitat oder Analog-Käse suche ich am Fast-Food-Stand und auf der Pizzapackung vergebens. Stattdessen stehen in der Zutatenliste: pflanzliche Fette, Milcheiweiß, Stärke und Schmelzsalze. Nur wer sich auskennt, weiß, dass sich dahinter der Kunstkäse verbirgt. Unbemerkt, weil sie eben nicht als Imitat gekennzeichnet sind, kommen so auch Gel-Schinken oder Surimi-Garnelen in den Handel. Erst bei genauem Lesen der Zutatenliste erkennt man statt hochwertigen Aufschnitts ein Gemisch aus Wasser, Geliermitteln, Eiweiß und oft nur 40 Prozent Fleischanteil. Die falschen Garnelen sind nicht mehr als gepresstes Fischmuskeleiweiß mit Bindemitteln und Zusatzstoffen. Oft sind es auch das Foto oder die Aufschrift auf der Verpackung, die falsche Vorstellungen wecken. Mit italienisch klingendem Namen verführt im Supermarktregal ein Pesto zum Kauf. Statt teurer Pinien- sind fast nur Cashewkerne verarbeitet, hochwertiges Olivenöl wurde durch Sonnenblumenöl ersetzt. Das hat mit dem italienischen Original kaum noch etwas zu tun. Nicht anders die Wasabi-Nüsse eines bekannten Snackproduzenten. Ohne den japanischen Meerrettich, dafür mit Geschmacksverstärkern und Aroma, werden sie angeboten. Etwa 2700 Aromastoffe sind in der EU zugelassen, und mit ihnen lässt sich so gut wie jeder Geschmack zaubern. Gerade mal ein Gramm Aroma reicht, um ein Kilogramm eines Lebensmittels mit Kunstgeschmack zu versehen.

Analog-Käse und Aromen

Da liegt der Schluss nahe, dass es hier nur um hohe Profite geht. Das stimmt zum Teil, denn chemische Lebensmittelzutaten wie Imitate und Aromen kosten nur wenige Cent. Fakt ist aber auch, dass die Deutschen im europäischen Vergleich am wenigsten für ihr Essen ausgeben. Wo Lebensmittel immer billiger sein sollen, reagiert die Industrie auf ihre Weise und macht den Analog-Käse sogar noch zu einem innovativen Produkt für Allergiker.

Shrimps
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Shrimps

„Das Argument, Analog-Käse enthält keine Laktose und sei besser bei Laktose-Intoleranz, ist ein Scheinargument, denn oft wird Magermilchpulver eingesetzt“, widerlegt Dr. Michael de Vrese vom Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Kiel. Gesundheitliche Risiken sieht er aber beim Einsatz von Kunstkäse praktisch nicht. Ein Verzehr auf Kosten von echtem Käse könnte jedoch die Kalziumversorgung verschlechtern. Aromen bewerten Ernährungswissenschaftler seit Langem kritisch. Sie stehen im Verdacht, Allergien und Übergewicht zu begünstigen. Kinder gewöhnen sich an den überaromatisierten Kunstgeschmack und lehnen schließlich naturbelassene Produkte ab. Was können Verbraucher also unternehmen? „Machen Sie sich das kritische Lesen der Zutatenliste zur Gewohnheit. Lassen Sie Produkte, die Echtes vortäuschen, im Regal liegen und informieren Sie die Verbraucherzentralen über das, was Ihnen auffällt“, rät Armin Valet. Ich frage bei meiner nächsten Pizza garantiert wieder nach.

Interview mit Armin Valet

"Mehr Durchblick für den Verbraucher“

Fordert klare Kennzeichnungen: Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg

VITAL: Die Verbraucherzentrale hat eine Liste mit Analog-Käse-Produkten und Lebensmitteltäuschungen veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen der Verbraucher?
Armin Valet: Es gab enorm viel Interesse. Wir hatten zeitweise einen Serverabsturz. Viele Verbraucher schicken uns immer noch Mails, wenn sie Produkttäuschungen entdecken.

Was hat die Veröffentlichung der Liste gebracht?
Es gab Hersteller, die nach den Protesten der Verbraucher den Analog-Käse rausgenommen haben. Ein Anbieter, der in seinem Putensalat billiges Formfleisch verwendet hat, verarbeitet dieses inzwischen nicht mehr.

Was muss sich für den Verbraucher ändern?
Lebensmittel-Imitate müssten deutlich mit dem Wort Imitat gekennzeichnet sein. Die Schrift der Zutatenliste muss gut lesbar sein. Oft ist sie zu klein oder nur undeutlich zu sehen. Es darf für Hersteller nicht mehr die Möglichkeit geben, auf der Verpackung mithilfe von Namen, Fotos oder Begriffen etwas vorzutäuschen, was gar nicht im Produkt enthalten ist.

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