4. April 2013
Kinderlebensmittel - der große Schwindel

Kinderlebensmittel - der große Schwindel

Joghurt für die Kleinsten, Power-Drinks für Teenager: gesund oder gefährlich? Experten sagen: Die Menge macht’s.

Kind essen Erdbeeren
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Kind essen Erdbeeren

Sie sind überall. Und sie werden immer mehr. Im Kühlregal, bei der abgepackten Wurst, den Frühstücksflocken und den Fruchtsäften: lauter Packungen mit grinsenden Dinos, großäugigen Honigbienen, kuscheligen Kätzchen. Kinderlebensmittel sind ein saftiger Umsatz Happen für die Hersteller:
Rund 300 verschiedene Produkte bevölkern derzeit die Supermarktregale, Tendenz steigend. Die Botschaft auf Schachteln, Flaschen und Bechern lautet stets gleich: Alles so gesund hier!
Glauben wir den Herstellern, sind Joghurts für die Jüngsten oder Wurst für Wichtel wahre Wundertüten: „73 Prozent Vollkorn“, „Vitamin C für die Abwehrkräfte“ oder gar „mit Omega-3-Fettsäuren – wichtig für Gehirn und Nervenzellen“. Wie beruhigend, denken Mama, Papa oder Oma: Wenn die kleine Sophie-Luise nach der Fleischwurst in Bärchenform greift und ihr Bruder Jannik-Lukas nach Schoko-Kindermüsli giert (auch wegen der Weltraumhelden-Löffel zum Sammeln), scheint alles in Butter. Das Kind wird optimal versorgt und sogar mit jedem Bissen schlauer – Frühförderung zum Löffeln.

Allergien bei Kindern
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Kinder und Allergien: Immer mehr Kinder leiden schon an Allergien. Lest hier, wie Ihr Allergien bei Kindern vorbeugen könnt.

Wirklich? Wer spontan an den blumigen Werbeversprechen zweifelt, hat recht. Denn bislang existiert keine gesetzliche Definition für Kinderlebensmittel – und damit weder ein strenges Verbot für Inhaltsstoffe noch ein Gebot für das, was hineingehört. Zwar müssen auf dem Dino-Joghurt oder dem „Power Drink für Kids“ Zutaten und Mengen stehen, von Zucker genauso wie von Fett. Aber anders als Babynahrung fürs erste Lebensjahr unterliegen die „Mama, will ich haben!“-Produkte nicht der Diät- Verordnung, sondern den gleichen Lebensmittelvorschriften wie Knabberkram und Tiefkühlpizza.
Kein Wunder, dass Verbraucherschützer bei Tests von Kinderlebensmitteln regelmäßig den Daumen senken – ob Stiftung Warentest, Öko-Test oder die Verbraucherzentrale. Deren Filiale in Niedersachsen untersuchte vor rund einem Jahr etwa 60 Kinderlebensmittel vom Milchdessert bis zum Smoothie. Vernichtendes Ergebnis: fast durchgehend zu süß, zu fett oder zu salzig. Alle, die genau auf die Verpackung gucken, kann das nicht überraschen.
Dr. Annett Hilbig, Ernährungswissenschaftlerin am renommierten Dortmunder Forschungsinstitut für Kinder ernährung (FKE), erklärt: „Wenn Zucker, Glukose, Honig oder Maltose an vorderer Stelle auf der Zutatenliste stehen, sollte man das als Warnhinweis verstehen.“ Ihr ernüchterndes Fazit: „Bei den meisten Kinderlebensmitteln handelt es sich eigentlich um Süßigkeiten.“

Kleingedrucktes auf der Packung lesen

Allerdings betreibt die Industrie oft einen subtilen Etikettenschwindel, so das Ergebnis der Verbraucherschützer-Studie. So warben beispielsweise 9 von 14 Müsliriegeln mit der Aufschrift „ohne Zuckerzusatz“, enthielten aber bis zu 50 Prozent Zucker. Eine legale Verschleierungstaktik, denn im Kleingedruckten, unterhalb des Verpackungsfalzes, findet sich der Hinweis „Zutaten enthalten von Natur aus Zucker“.

Nährstoffe
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Nährstoffe

Auch andere Behauptungen sind sachlich nicht falsch, aber mit Vorsicht zu genießen. Omega- 3-Fettsäuren mögen Hirn und Nerven nützen – aber wie viel und wie oft müsste das Kind von dem so beworbenen Kindermenü essen, um einen messbaren Effekt zu haben? Wöchentlich? Täglich? Stündlich?

Die Täuschung bei Lebensmitteln

Auch bei Mengenangaben ist häufig ein Missverständnis programmiert: „20 Prozent des täglichen Bedarfs an Vitamin C“ oder „10 Prozent der Tagesdosis Kohlenhydrate“ bezieht sich keineswegs auf die Nahrung, die ein in 24 Stunden braucht. Sondern pauschal auf 2000 Kalorien am Tag – die durchschnittliche Norm für Mama und Papa, aber viel zu viel für den Nachwuchs.
So gilt weiterhin, was das FKE schon 2001 feststellte: Kinderlebensmittel sind weder gesünder noch vollwertiger als Produkte für Erwachsene, sondern oft nur bunter und teurer. Und obendrein machen sie dick. Dem aktuellen Ernährungsbericht der Bundesregierung zufolge sind 15 Prozent der Kinder übergewichtig, sechs Prozent sogar krankhaft – das geh auch aufs Konto von Milchdesserts („mit gesundem Calcium!“) & Co.
Und die gesunden Vitamine? Viel hilft nicht immer viel, warnen Experten, denn bei bestimmten Vitaminen kann eine Überdosis sogar schaden.

Gesunde Lebensmittel

In Maßen statt in Massen

Wenn Kinderlebensmittel der reinste Etikettenschwindel sind – wäre es nicht sinnvoll, sie zu verbieten? Da winkt Expertin Annett Hilbig ab: „Bei inem Verbot weichen die Eltern wahrscheinlich auf übliche Produkte aus, die auch nicht gesünder sind.

Süßigkeiten
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Süßigkeiten in Maßen sind erlaubt.

Dabei lassen sich Kinderlebensmittel durchaus so in die tägliche Ernährung einbauen, dass die trotzdem als ausgewogen durchgeht.“ Denn genau wie in den meisten Familien das Eis an der Strandbude zum Urlaub gehört und das Würstchen zur Grillparty, schadet es nicht, wenn ab und zu ein Kinderjoghurt oder eine Limonade auf den Tisch kommt – mit Betonung auf „ab und zu“.
Sogar in der „Ernährungspyramide“ des FKE haben Süßigkeiten ihren Platz, wenn auch in kleiner Menge – weil alles andere lebensfremd wäre. Für Eltern heißt das konkret: Kinderlebensmittel dosieren oder strecken. Das bonbonsüße Müsli mit puren Haferflocken und gerösteten Mandelsplittern verlängern, den Power-Drink mit Wasser zu einer Schorle vermengen – genauso lecker, aber schon viel weniger ungesund.

Milch Gesundmacher
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Milch Gesundmacher

Als Grundnahrungsmittel sollten sie Kinderprodukte jedenfalls nicht kaufen. Nicht nur weil die große Menge Zucker schlechte Zähne und dicke Bäuche macht. Sondern auch weil Zucker zu den einfachen Kohlenhydraten gehört, die schnell ins Blut gehen, aber keine länger andauernde Wirkung entfalten. Knusperflocken zum Frühstück sättigen nicht anhaltend, obwohl sie mehr Kalorien habenals Käsebrot.
Wichtiger, um wach und leistungsfähig zu bleiben, sind komplexe Kohlenhydrate wie in Müsli, frisch aufgeschnittenem Obst und Vollkornbrot – alles ideal für Kita- und Schulkinder. Ebenfalls wichtig für Wachstum und Entwicklung: pflanzliches und tierisches Eiweiß. Das liefern Hülsenfrüchte, Getreide und Kartoffeln, außerdem Milch und Milchprodukte. Mageres Fleisch zu essen genügt einmal pro Woche. Wenn sich die Familie dann noch Zeit nimmt, gemeinsam kocht und isst, statt dass jeder einsam vor sich hin snackt, ist alles im grünen Bereich.
Übrigens: Der coole Weltraumhelden- Löffel aus der Kindermüslipackung eignet sich auch prima zum Linsensuppeessen.

Kleinigkeiten für zwischendurch

Apfelsaft
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Apfelsaft

Obst und Gemüse in Form schneiden oder mit Keksförmchen ausstechen. Apfelsterne und Gurkenautos lassen sich leichter weg naschen als ganze Früchte.
Lecker dazu: ein Dip aus Magerquark, etwas Sahne und Kräutern. Eiweiß macht starke Knochen!

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  • Pfannkuchen mit frischen Beeren oder Tiefkühlobst sind die vitaminreiche Alternative zu Schokocreme – und trotzdem süß.
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