13. März 2011
Gedanken über Ernährung

Gedanken über Ernährung

Gesunde Ernährung kann einsam machen, merkte unsere Autorin Ute Oda Frantzen. Aber wer den Weg der Erleuchtung gefunden hat, wird damit fertig. Vielleicht.

Gesunde Ernährung
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Gesunde Ernährung

Haben Sie sich schon mal einen Monat lang nur mit Essen beschäftigt? Nicht mit „Was koche ich morgen?“ oder „Wie kann ich drei Kilo abnehmen?“. An diese zwei Fragen habe ich in den letzten vier Wochen keine Sekunde verschwendet. Was untypisch für mich ist, besonders Frage zwei betreffend. Und, mal ehrlich, Frage eins betreffend: Seit ich an diesem Dossier arbeite und all diese Leute interviewe, die sich schlaue Gedanken über Ernährung machen, habe ich hauptsächlich Käsebrötchen und Spiegeleier gegessen. Und eine Tafel Nuss-Vollmilch plus sechs bis acht Tassen Kaffee pro Tag. Denn während mein neues Computerprogramm stündlich implodierte und die Wohnung über uns lautstark renoviert wurde, konnte ich kaum klare Gedanken fassen und brauchte entsprechend länger.

Gut, dass meine zwei Kinder im Kindergarten Mittag essen. Die Schokolade habe ich vor ihnen versteckt. Ich will nicht noch ihre Zähne auf dem Gewissen haben, das hat schon genug zu kämpfen: Wenn man mit Leuten spricht, die sogar vor einem Zuviel an grünem Tee warnen, ist man froh, dass man sie nur am Telefon hat – und ihnen nicht mit dem Becher voll schwarzem Kaffee gegenübersitzt.

Das Essen war ein Teilerfolg

Eigentlich müsste ich also Verständnis haben für die zwei Pärchen, die uns letztes Wochenende besucht haben. Da stand nur noch diese Kolumne auf meiner Liste, und ich traute mich wieder, am sozialen Leben teilzunehmen. Jetzt, wo ich wieder Zeit hatte, wollte ich mich und meine Lieben endlich gesund ernähren: Rote-Bete-Suppe mit Meerrettich und Pastinaken-Schaum an Kohlrabi. Um es kurz zu machen: Das Essen war ein Teilerfolg. Die Frauen freuten sich für ihre Figur, beide hatten für den Abend gefastet. In der Wertung der Typen rutschte ich allerdings in den Minusbereich. Denn mehr noch als für meine netten Neurosen lieben die mich für mein Wiener Schnitzel mit Kartoffel-Gurken-Salat und meinen Apfelkuchen.

Die etwas längere Version geht so: Während sie lustlos die neue hippe Gemüseküche auf ihren Tellern hin und her schieben, gedenken sie vermutlich der Spezialitäten, mit denen ihnen in den letzten Kochshows der Mund wässrig gemacht wurde. Als den absoluten Hammer erachten sie Tim Mälzers Rezepte, für mich reinste Fleisch-Sahne-Orgien. Schließlich stimmen auch die Frauen ein und schwärmen von Cornelia Poletto: „Die schafft es, gesund und lecker zusammenzubringen.“ Schweigen am Tisch. Ungewohnt zügig verabschieden sich alle noch vor 23 Uhr, und als ich zum Lüften die Balkontür öffne, höre ich unten Carolin rufen: „Bis gleich bei McDoof, Leute!“ Diese Verräter!

Mein Mann ist auch nicht besser, er köpft einen übrig gebliebenen Weihnachtsmann. Ich esse kein Stück davon. Denn ich bleibe, nachdem ich dieses Dossier geschrieben habe, konsequent. Morgen früh koche ich mir und den Kindern Haferbrei. Wehe, die essen den nicht! Mittags und abends werde ich mindestens vier Sorten Gemüse verzehren. Ich hatte solche gesunden Phasen schon ab und an. Eigentlich jedes Mal nach dem Schreiben eines Ernährungsthemas. Bisher bin ich früher oder später wieder vom Pfad der Erleuchtung abgekommen und am Crêpes-Stand gelandet. Ist aber nicht so schlimm: Wenn ich meine Durchschnittsernährung der letzten Jahre angucke, kommt unterm Strich immer noch abwechslungsreiche Mischkost heraus. Und die wird ja empfohlen.

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