2. Mai 2010
Frische Lebensmittel vom Bauernhof

Frische Lebensmittel vom Bauernhof

Frisches Gemüse, Brot, Fleisch oder Milchprodukte – Städter schließen sich zusammen und beziehen so ihre Lebensmittel direkt vom Hof. So kennen sie die Produzenten und sind unabhängig von Öffnungszeiten.

Kühe, frische Lebensmittel
© Zauberhut - Fotolia
Kühe, frische Lebensmittel

"Für meine drei Jahre alte Tochter ist es ihr Bauernhof“, erzählt Antonia Praetorius lachend, während sie Gläser mit Vollmilchjoghurt vom Kattendorfer Hof in den Kühlschrank sortiert. Die braunhaarige Frau hat heute Dienst. Sie ist Mitglied einer privaten Einkaufsgemeinschaft in Hamburg, einer sogenannten „Food-Kooperative“. 18 Haushalte haben sich hier zu einer von bundesweit etwa 200 Kooperativen zusammengeschlossen. Ein Modell, das auch in den USA seit vielen Jahren Anhänger gefunden hat. Samstag, 8 Uhr morgens. Geschäftig werden Kisten mit Gemüse, Fleisch und Milchprodukten in eine Tiefgarage getragen. Hier. in zwei Räumen im Hamburger Stadtteil St. Pauli, hat die Gemeinschaft ihr Lager. Einmal wöchentlich liefert Bio-Landwirt Mathias von Mirbach seine Produkte nach Hamburg. Gemeinsam mit dem Ehepaar Annette und Klaus Tenthoff führt er einen „demeter“-Hof in Schleswig-Holstein. Ohne Zwischenhändler bezieht die Kooperative alles, was der Kattendorfer Hof (etwa 60 Kilometer nordwestlich von Hamburg) produziert.

Frisches Gemüse, Steak und Käse – zu jeder Tages- und Nachtzeit

Die Idee für das Hamburger Projekt hatten die Initiatoren Philipp Dönch und Matthias Lehmann im Herbst 2002. Bis zur Realisierung verging noch ein knappes Jahr. „Heute stehen bereits 17 Leute plus Kinder auf der Warteliste“, sagt Matthias Lehmann, von Beruf Kameramann. 34 Erwachsene im Alter zwischen 30 und 50 Jahren mit etwa ebenso vielen Kindern versorgen sich derzeit über die Kooperative mit Bio-Produkten. Ob Architekt oder Tischler, Yoga-Lehrerin oder Professor – alle haben eins gemeinsam: Sie möchten sich mit regionalen saisonalen Bio-Lebensmitteln gesund ernähren. Das können sie über die Kooperative zu jeder Tages- und Nachtzeit. Denn: Jede Familie hat einen Schlüssel zu den Lagerräumen und kann sich, unabhängig von Öffnungszeiten, holen, was sie braucht.

Ein Stück Bauernhof für alle

Ein Stück Bauernhof für alle

Inzwischen sind die Jogurtgläser einsortiert. Bio-Bauer Mathias von Mirbach holt einen Bockshornklee-Gouda aus dem rollbaren Kühlcontainer, in dem er die leicht verderblichen Produkte in seinem Lkw transportiert. Kraftvoll zerschneidet er den Laib auf der Spüle im Tiefgaragenlager. Den Käse produziert sein Partner Klaus Tenthoff in der hofeigenen Käserei. 15 Sorten stellt der gelernte Landwirt und Käser an vier Vormittagen her. 400 Gramm Käse, 1 Kilo Kartoffeln, etwa 1,5 Kilo Gemüse, 2 Köpfe Salat, 700 Gramm Fleisch und Wurst, 3 Liter Vollmilch, etwa 1 Kilo Jogurt und Quark sowie Brot, Getreide und Mehl zum Backen können sich die „Koopler“ pro Haushalt und Woche selbstständig aus dem Lager nehmen – jeder vertraut da jedem. Dafür erwerben sie, für zurzeit 150 Euro im Monat, jeweils ein Anteil am Kattendorfer Hof.

Durchschnittlich 38 Euro pro Woche kostet es so, sich wöchentlich zu fast 100 Prozent mit Bio-Produkten zu versorgen. Anders als im Supermarkt weiß man hier, wo und unter welchen Bedingungen die Lebensmittel produziert werden. „Auf unserem Hof stehen die Türen jederzeit offen“, sagt Annette Tenthoff. Der engagierten Mutter von vier Kindern ist ein Vertrauensverhältnis zu den Kunden wichtig. Wer als Kooperative oder als Kunde im hofeigenen Laden kauft erfährt von ihr über die Lebensmittel alles, was er wissen möchte. Mit Engagement organisiert die aktive Landwirtin, die selbst auf einem Hof groß geworden ist, Kartoffel- oder Möhrenernten, bei denen die Mitglieder der Einkaufsgemeinschaft mitarbeiten.

Gemüsekorb, frische Lebensmittel
© Fotovision - Fotolia
Gemüsekorb, frische Lebensmittel

Zur Ernte aufs Land

Beim Ziehen der Möhren und beim Sortieren von Kartoffeln auf dem Erntefest fühlt sich Mit-Initiator Matthias Lehmann ein bisschen wie auf dem eigenen Hof. Und Antonia Praetorius’ Tochter streichelt „ihre“ Kühe und Ferkel. Eine heiße Gemüsesuppe auf dem Feld schweißt Hofbesitzer und Städter nach getaner Ernte noch fester zusammen. Da fühlt plötzlich jeder die Begeisterung, wenn ein Kartoffeljahr sehr ertragreich ist, und versteht, warum bei einer der nächsten Lieferungen in der Hauptsache Blumenkohl nach Hamburg kommt. Denn: Der Hof liefert das, was er produziert – und wenn ein Gemüse in großen Mengen wächst, gibt es eben auch mal mehr davon. „Man lernt, über Vorratshaltung nachzudenken, und nutzt das Gemüse der Jahreszeit entsprechend länger. Oder friert es ein“, sagt Matthias Lehmann.

Genießen mit gutem Gefühl

Genießen mit gutem Gefühl

Die Mitglieder der Food-Kooperative entwickeln dabei ein Gespür für die saisonale Verfügbarkeit aller Gemüse und für ihre landwirtschaftlichen Zusammenhänge. Sie wissen, dass die Schweine und Rinder auf dem Kattendorfer Hof unter strengen „demeter“-Bedingungen ohne Antibiotika oder Tiermehl-Futter aufgezogen und in einer Schlachterei mit kurzem Transportweg verarbeitet werden. Aber ticken die „Koopler“ auch sonst anders? Funktioniert es, wenn sich 34 Erwachsene völlig selbstständig aus einem Lebensmittellager bedienen? Holt jeder nur das, was er auch bezahlt hat?

Ein perfektes Modell
Auch im Hamburger Lagerraum gibt’s mal Ärger über ein nicht gesäubertes Käsebrett oder ein fehlendes Brot. Es gibt ehrenamtliche Posten wie „Putzminister“ oder „Einräumer“, die für das Reinigen des Lagers und die Annahme der Lebensmittel zuständig sind. Diese Aufgaben erledigen, wie überall, die aktiveren Mitglieder. Für Informationen und Ärger gibt es ein Mitteilungsbuch, in das alle hineinschreiben können, oder Rund-Mails per Internet. Aber: „Mit Vertrauen und der nötigen Menge Toleranz funktioniert es“, erklärt Matthias Lehmann. Das kann Tom Albrecht, Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft der Lebensmittelkooperativen, auch für andere Gemeinschaften bestätigen. Für ihn sind Food-Kooperativen das perfekte Modell für Nachhaltigkeit im Alltag: „Sie sind sozial, wirtschaftlich und ökologisch zugleich.

Ein Plus für alle
Kooperativen bieten viele Vorteile – sowohl für Verbraucher als auch für die Landwirte: Die Mitglieder stützen die regionale Wirtschaft. Kurze Transportwege und wenig Verpackungsmüll sorgen für eine gute ökologische Bilanz. Der Hof kann mit festem Kapital wirtschaften. Tipps für bundesweite Kooperativen gibt’s unter: www.lebensmittelkooperativen.de Weitere Infos über die Hamburger Kooperative: www.stadtlandgemuese.org , www.kattendorfer-hof.de

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