26. Januar 2012
Etikettenschwindel bei Lebensmitteln

Etikettenschwindel bei Lebensmitteln

„100 Prozent Natur“, „ohne Zusatzstoffe“ – auf Lebensmittelpackungen werden vollmundige Versprechen gemacht. Doch ein kritischer Blick auf die Zutatenlisten ist wichtig.

Supermarkt
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Supermarkt

Wenn wir mit offenen Augen durch den Supermarkt gehen, scheint kaum ein Produkt ohne Zusatzbotschaft auszukommen. Versprochen wird „100 Prozent Natur“, „ohne Geschmacksverstärker“, „voller Geschmack ohne Zusatzstoffe“ oder „kein künstliches Aroma“. Auf rund 2000 Lebensmitteln kleben die unterschiedlichsten Etiketten. So bedient die Nahrungsmittelindustrie gleich zwei dringende Wünsche der Verbraucher: nach mehr Information und mehr Natur. Doch ein Anhaltspunkt für Qualität ist so ein Aufdruck selten.

Der Label-Wildwuchs grassiert

„Die meisten Slogans und Siegel denken sich die Hersteller aus. Dadurch sind sie beliebig und lediglich geschickte Werbeinstrumente“, so der Agrarökonom Prof. Achim Spiller von der Universität Göttingen, der als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz berät. Im vergangenen Herbst legte das Gremium Ministerin Ilse Aigner ein Gutachten vor, in dem es den grassierenden Label-Wildwuchs bemängelt, gesetzliche Rahmen für eine bessere Kennzeichnung fordert und wenige, unterscheidbare Kern-Label vorschlägt. Bis daraus Konsequenzen erwachsen, wird aber wohl noch einige Zeit vergehen.
Doch der Druck auf die Hersteller wächst. „Diverse Lebensmittelskandale haben die Verbraucher gewarnt, sie sind kritischer und interessierter als vor zehn Jahren. Das ist ein sehr positiver Trend“, sagt Prof. Spiller. Die Kunden fragen häufiger nach, was drinsteckt im Essen, wo es herkommt und wie es produziert wird. Längst können Interessierte mithilfe von Apps die Strichcodes von verarbeiteten Lebensmitteln scannen und direkt im Supermarkt deren „innere Werte“ auf ihr Smartphone laden (mehr Informationen zu den Apps auf www.codecheck.info). Unbestritten ist, dass es einen Graubereich zwischen klarer Produktgestaltung und eindeutiger Irreführung gibt. „Die in Mode gekommenen Label wie ,ohne künstliche Aromen‘ machen rechtlich keine falsche Aussage, gaukeln aber eine Qualität vor, die nichts mit der Realität zu tun hat“, bemängelt Christiane Groß, Sprecherin des gemeinnützigen Vereins foodwatch.

Etiketten bei Lebensmitteln
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Etiketten bei Lebensmitteln

Etiketten können lügen wie gedruckt

Zum Beispiel werben Tütensuppen mit dem Hinweis „ohne Geschmacksverstärker“ – unter den Zutaten findet sich aber Hefeextrakt. Kirschjoghurt „ohne Farbstoffe“ wird mit Rote-Bete-Pulver gefärbt. Und auf der Packung groß abgebildete Früchte treten oft höchstens als Aroma auf. Logisch, dass Konsumenten sich verschaukelt fühlen. Doch solche Umschreibungen sind völlig legal.
„Im Lebensmittelrecht gilt zwar ein Verbot der Täuschung. Aber die konkrete Ausgestaltung der Regelungen lässt der Industrie viele Schlupflöcher“, kritisiert Groß. Dass die Blenderei System hat, zeigte ein Marktcheck der Verbraucherzentralen: Sie untersuchten 151 Produkte mit imagefördernden Botschaften. Der Abgleich mit den Zutatenlisten ergab allein in der Kategorie „ohne Geschmacksverstärker“ in 92 Prozent der Fälle Trickserei. „Einige Zusatzstoffe werden gern gegen unverdächtigen Ersatz mit ähnlicher Wirkung ausgetauscht, quasi als deklarations freundliche Alternative“, sagt Nora Dittrich von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Was sich aber tatsächlich hinter welcher Bezeichnung verbirgt, das können Verbraucher ohne Kenntnisse in Lebensmittelchemie kaum entschlüsseln.
Umso wichtiger wären klare Richtlinien. „Wir wollen erreichen, dass Verbraucher alle Informationen bekommen, um Inhalt und Qualität eines Produktes beurteilen zu können. Davon abzuweichen, würde nur jenen in die Hände spielen, die partout nicht mehr Transparenz wollen. Die Hersteller-Lobby ist mächtig, man denke nur an das Scheitern der Lebensmittel-Ampel“, sagt foodwatch-Sprecherin Groß. Sind wir selbst an der Misere schuld, weil lange Zeit das Motto „Hauptsache billig“ galt? Ein bisschen. Doch in den letzten Jahren hat ein Wertewandel eingesetzt. „Wenn sie Qualitätsunterschiede erkennen können, sind viele Verbraucher auch bereit, mehr zu bezahlen“, betont Groß. „Zum Beispiel ist der Absatz der Eier von Käfighühnern massiv eingebrochen, seit auf dem Karton die Haltungsform angegeben werden muss.“

Es bewegt sich doch etwas
Es geht auch anders, das zeigt das Beispiel Frosta. Nach einem selbst verordneten Reinheitsgebot veränderte der Tiefkühlkosthersteller 2003 alle Rezepturen und Produktionsprozesse, setzt seitdem auf gute Zutaten statt auf Zusatzstoffe. Nach anfänglichen Einbußen stieg Frosta zum Branchenprimus auf, Qualität und Transparenz werden von den Kunden honoriert.

Inhaltsstoffe unserer Nahrung

Fragen an Ilse Aigner (CSU), Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Ihr Ministerium finanziert das Internet-Portal www.lebensmittelklarheit.de. Dort können Konsumenten auf irreführende Kennzeichnungen oder Inhaltsstoffe hinweisen

VITAL: Seit einem halben Jahr ist das Portal online. Wie läuft es?
Ilse Aigner: Nach 100 Tagen waren bereits über 3800 Meldungen eingegangen. Das zeigt, dass ein erheblicher Informationsbedarf besteht. Das bestätigt auch das Feedback vieler Bürger, die uns klar sagen: „Ihr seid auf dem richtigen Weg. Wir wollen mehr Transparenz.“ Ich denke, dass die Menschen darauf Anspruch haben.

Die Industrie bezeichnete das Portal vorab als „Pranger“. Hat sich die Haltung geändert?
Ich habe den Eindruck, dass viele Firmen, die das Projekt anfangs kritisiert hatten, jetzt die Chance zur Kommunikation mit kritischen Kunden nutzen und auf Anregungen eingehen. Verbraucher honorieren Offenheitmoderne Unternehmen wissen das. So haben einige Hersteller infolge von Verbrauchermeldungen die Rezepturen geändert oder die Schriftgrößen angepasst.

Wie ließe sich das Vertrauen der Verbraucher noch stärken?
Durch die Sicherheit, dass im Lebensmittel drin ist, was draufsteht. Nehmen wir etwa die Tatsache, dass immer mehr Menschen wissen wollen, ob ihre Lebensmittel aus der Heimat kommen. Mein Haus arbeitet derzeit an Leitlinien für eine Regional-Kennzeichnung. Erste Ergebnisse werden wir voraussichtlich 2012 im Rahmen der Internationalen Grünen Woche vorstellen. Ziel ist es, ein verlässliches Siegel auf den Weg zu bringen, das den Kunden als Orientierung dient und den Anbietern als freiwilliges Instrument zur Verfügung steht.

Übersetzungshilfe - Das steht drauf, das steckt wirklich drin

  • „Ohne Geschmacksverstärker“: „ohne künstliche Geschmacksverstärker“, „ohne geschmacksverstärkende Zusatzstoffe“ – ein Allerlei, an dessen Differenzierung sich die Hersteller nicht verlässlich halten. Beim erstgenannten Aufdruck sollten weder chemische Zusatzstoffe wie Glutamate (E 620–E 625) verwendet werden noch Zutaten wie Sojaproteinhydrolysat, Würze oder Hefeextrakt. Die beiden anderen Etiketten bedeuten lediglich, dass auf Glutamat verzichtet wird – andere geschmacksverstärkende Zutaten (siehe oben) können dennoch drin sein.
  • „Natürliche Aromen“: Wirbt ein Produkt damit, erzeugt womöglich ein Rohstoff aus der Natur den Geschmack – bei Erdbeeren meist Schimmel pilze und Holzfasern. Nur wenn ausdrücklich die Frucht genannt wird, z. B. „natürliches Erdbeeraroma“ oder „Erdbeerextrakt“, steckt sie auch drin.
  • „Ohne Zusatz von Konservierungsstoffen“: Das steht oft auf Salaten und Brot - aufstrichen, die Zutaten und Zusatzstoffe wie Branntweinessig, Senfsaat, L(+)-Weinsäure, Zitronensäure oder das Säuerungsmittel Essigsäure enthalten – und die haben durchaus eine konservierende Wirkung. Bei Fisch- und Geflügelsalaten wird als Konservierungsstoff oft Benzoesäure (E 210) verwendet – die gilt als Allergieaus löser. In Verbindung mit Ascorbinsäure (E 300) steht sie im Verdacht, Krebs zu erregen. Dann doch lieber eine Konservierung durch Senfsaat und Essig.
  • „Ohne Farbstoffe“, „ohne künstliche Farbstoffe“: Klingt gut, trotzdem wird gefärbt. Rote-Bete-Saft, Karotten- und Kürbispulver, Konzentrate von Spirulina- Algen oder Schwarze Johannisbeeren gelten als färbende Lebensmittel und finden sich bevorzugt in Süsswaren und Molkereiprodukten.
  • „100 Prozent Natur“, „natürlich“: Befinden sich unter den Zutaten Emulgatoren (E 431–E 495) wie Triphosphat oder Antioxidationsmittel, verlängern die die Haltbarkeit – das ist alles andere als natürlich.
  • „Laut Gesetz“: Diese Floskel bewirbt den Verzicht auf bestimmte Zusatzstoffe. Scheinheilig! Der betreffende Stoff darf in der Lebensmittelgruppe ohnehin nicht eingesetzt werden.
  • „Ohne Haushaltszucker“: Zugegeben, so ein Produkt enthält zwar keine Saccharose (Rüben- oder Rohrzucker), wurde aber eventuell reichlich mit Fruktose oder Glukose, Honig, Milchzucker oder Malzzucker, Stärke oder Cellulose gesüsst.
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