7. November 2011
Essen aus Lust und Frust

Essen aus Lust und Frust

So ein Törtchen macht einfach Spaß – und das ist gesund so. Denn ständiges Grübeln über Kalorien und Inhaltsstoffe führt zu Ess-Störungen.

Frau mit Donut
© iStockphoto
Frau mit Donut

Spaßbefreites Essen ist ungesund und macht dick! Das ist sogar wissenschaftlich erwiesen. Trotzdem glauben viele Menschen, dass dem sündigen Sahnetörtchen stets die Strafe Gottes in Form einer Speckrolle folgt. Vielleicht sollten wir nicht ständig darüber nachdenken, wie viele Kalorien wir essen, sondern auch mal, wie wir es tun: Eine Tafel Vollmilchschokolade hat immer 531 Kalorien. Egal ob sie mit gutem oder schlechtem Gewissen gegessen wird. Also genießen Sie sie lieber – denn das macht länger satt.

Essen hat nämlich was mit Spaß zu tun: „Es ist ein multisensorisches Ereignis: Sämtliche Sinnesorgane sind daran in höchstem Maße beteiligt. Kein anderes Ereignis löst alle diese Reize so intensiv aus. Wir kommen in einen optimalen Entspannungszustand – einen Flow-Zustand, wie wir sagen“, erklärt der Hamburger Psychologe Michael Thiel. Kein Wunder, denn Essen ist – wie Schlafen und Sexualität – ein Grundbedürfnis. So stellte es der Psychologe Abraham Maslow in seiner berühmten „Bedürfnispyramide“ 1954 dar.

„Essen und Trinken bilden die Basis für alle anderen Verhaltensweisen. Bedürfnisse wie Anerkennung, Wertschätzung oder Moral sind unwichtig, solange wir nicht satt sind“, sagt Thiel. Für den Essgenuss sind nicht nur Textur, Geruch und Aussehen einer Speise bedeutend, sondern auch die teilnehmenden Personen, fand Privatdozent Dr. Michael Macht in eigenen Studien am Institut für Psychologie der Universität Würzburg heraus.

Wer aber ständig einer unrealistischen Traumfigur hinterherhungert, bekommt Probleme: „Wenn Menschen kurz- oder langfristig weniger Kalorien aufnehmen, als sie benötigen, werden sie anfälliger gegen Stress, sie werden depressiv und ihre Gedanken drehen sich ständig ums Essen“, erklärt Michael Macht. Ein Zustand, der in Deutschland auf über 100 000 Magersüchtige zutrifft. Für sie ist Hungern eine Sucht, mit der sie Probleme lösen wollen – mit dem Essen haben sie nichts zu tun.

Tipp: Flexible Regeln machen es leichter, auf das Gewicht zu achten. Ein Beispiel: Falsche Strategie „Ich esse nie wieder Kuchen und nehme deshalb auch keine Einladungen zum Kaffee mehr an.“ Spätestens am 60. Geburtstag der Schwiegermutter fällt dieser Vorsatz. Nach dem ersten Stück Torte sind Sie von sich enttäuscht. Jetzt ist es auch egal und Sie greifen richtig zu. Richtige Strategie „Ich kann beim Geburtstag zwei Stück Torte essen. Dafür esse ich abends nur einen Salat und gehe am nächsten Tag joggen.“ So sind Sie kein Spielverderber und müssen Ihre guten Vorsätze nicht wegen Ihrer Schwiegermutter über Bord werfen. Sie bestimmen, was Sie essen, und sind stolz darauf. Mit dieser Strategie nehmen Sie weniger Kalorien auf als im oberen Fall – trotz Tortenerlaubnis.

Essen ist erotisch

„Der Mund ist die erste Stätte des Lusterlebens“, schreibt die französische Psychoanalytikerin Gisèle Harrus-Révidi in ihrem Buch „Die Lust am Essen“. Schon beim ersten Stillen begegnet uns die Kombination aus Nähe, Geborgenheit und Nahrung. Und auch später bleibt diese Kopplung bestehen. Ob bestimmte Lebensmittel wie Austern, Vanille, Kakao oder Chili die Fähigkeit besitzen, Menschen liebeshungrig zu machen, ist wissenschaftlich nicht belegt. „Für die erotische Wirkung des Essens ist die Nähe und die Atmosphäre viel entscheidender als die unterstellte aphrodisierende Wirkung der Auster“, findet Michael Thiel. Denn die gemeinsame Mahlzeit signalisiert, dass man sich jemandem zuwendet und ihn in seine eigene Privatsphäre einlässt. Gemeinsam zu essen ist etwas sehr Intimes: Die australischen Ureinwohner verwenden sogar dieselben Worte für „essen“ und „Sex haben“.

Essen Genießer gesünder?

Auf alle Fälle haben sie ein geringeres Risiko, an einer Ess-Störung zu erkranken. Denn als ein Schutz vor Magersucht oder Ess-Brech-Sucht gilt ein ganz natürlicher und lustvoller Umgang mit Essen, der frei ist von Ernährungsideologien und strikten Verboten. „Wer verbissen jeden Happen kontrolliert, wird nicht viel Vergnügen am Essen haben“, sagt Michael Thiel. „Die Chance, eher auf Sättigungssignale zu reagieren, ist bei Spaßessern größer“, so der Psycho- loge. Genießer kaufen auch gesünder ein: Sie bevorzugen frische Lebensmittel von höherer Qualität – weil sie besser schmecken.

Ess-Störungen in Zahlen

30 % der Kinder und Jugenlichen weisen Vorformen von Ess-Störungen auf.

2–5 % der Frauen im Alter von 14 bis 35 sind von Bulimie oder Magersucht betroffen.

20 – 40 % der Übergewichtigen leiden an regelmäßigen Essanfällen

17,6 % der Mädchen zwischen 11 und 15 Jahren sind untergewichtig

60 % der Magersüchtigen entwickeln eine Bulimie

40 % der unbehandelten Ess-Störungen nehmen einen chronischen Verlauf

Die 5 Sinne

Was wir „schmecken“ nennen, ist das Zusammenspiel von fünf Sinnesorganen

  • Sehen: Die Augen essen mit, sagt das Sprichwort. Leuchtende Farben und frisches Aussehen signalisieren: genießbar. Und die Augen waren „größer als der Bauch“, wenn die Nahrungsmenge falsch eingeschätzt wurde.
  • Riechen: Ca. 30 Millionen Riechzellen in der oberen Nasenmuschel unterscheiden bis zu 10000 Duftstoffe. Das Gehirn vergleicht sie mit den gespeicherten Gerüchen und unterscheidet zwischen „köstlich“ oder „abstoßend“.
  • Schmecken: Auf der Zunge und im Rachen befinden sich Geschmacksknospen, die die Grundgeschmäcke Süß, Bitter, Sauer und Salzig unterscheiden. Dazu kommt Umami, japanisch für „wohlschmeckend“, der Geschmack des Geschmacksverstärkers Natriumglutamat.
  • Fühlen: In Lippen, Zunge und Rachen befinden sich besonders viele Nerven. Sie spüren, wie heiß die Suppe ist und wie cremig die Schokolade schmilzt.
  • Hören: Das Ohr sitzt in unmittelbarer Nähe des Mundes und hört, wie die Chips zwischen den Zähnen krachen. Ohne dieses Geräusch wäre es nur das halbe Vergnügen. Und ob ein Salat wirklich knackig ist, kann man nur hören.

Kontrolle ist gut, flexible Kontrolle ist besser
Eine „toxische Umwelt“ nennt Professor Kelly D. Brownell, Direktor des Zentrums für Ess- und Gewichtsstörungen in Yale, was wir zur Zeit erleben: Immer weniger Bewegung, dafür ständig lockendes Fast Food, Snacks und Energy-Drinks. Die Folge ist weltweit steigendes Übergewicht. Da scheint es sinnvoll, seine Kalorienaufnahme zu kontrollieren. Aber es kommt darauf an, wie man es tut: Die strenge Einteilung in „verbotene“ und „erlaubte“ Lebensmittel kann gefährlich werden. Ernährungspsychologen nennen das „rigide Kontrolle“. Sie birgt die ständige Gefahr des Scheiterns: „Niemand kann diese strengen Regeln auf Dauer einhalten“, weiß Michael Thiel. Die Daueranspannung, die so durch das Thema Essen entsteht, wird zum Stimmungskiller und kann den Einstieg in eine Ess-Störung bedeuten. Wer sich trotz seiner guten Vorsätze eine kleine Praline gestattet, hat sogar ein niedrigeres Körpergewicht. Das zeigte eine Studie an über 50000 Teilnehmern des Abnehmprogramms einer Krankenkasse.

Wenn Essen zum Problem wird

Obwohl wir in einer Welt des Überflusses leben, haben viele den Spaß am Essen verloren: Die Hälfte der Deutschen ist übergewichtig und quält sich mit ständig neuen Diätstrategien. Und bis zu fünf Prozent der jungen Frauen leiden an gefährlichen Ess-Störungen.

Magersucht

Im Alter von 11 bis 15 Jahren beginnt sie: Anorexia nervosa. Ausgelöst durch unrealistische Schönheitsideale oder Probleme in der Familie. Asketisch hungern sich die sehr willensstarken Mädchen in einen lebensbedrohlichen Zustand. Die Gedanken kreisen ständig ums Essen, Lebensmittel werden in „gut“ und „böse“ unterteilt und es herrscht panische Angst davor, von geringsten Mengen wieder zuzunehmen. Magersüchtige vermeiden Essen in Gesellschaft und sind oft hyperaktiv. Anorexia nervosa ist die häufigste Todesursache bei jungen Frauen. Bei 10 Prozent der Betroffenen endet sie tödlich.

Bulimie

Chronische Diät steht häufig am Beginn der Ess-Brech-Sucht. Bei Angst, Traurigkeit oder Langeweile verlieren die Betroffenen die Kontrolle über ihr Essverhalten. In regelmäßigen Fressanfällen essen und trinken sie heimlich bis zu 10000 Kalorien: z. B. ganze Familienpackungen Eiscreme, ungebackenen Kuchenteig und Limonaden – alles, was verboten ist. Durch Erbrechen, Abführmittel, Entwässerungstabletten und exzessiven Sport „reinigen“ sie sich anschließend. Die Bulimie bleibt oft jahrelang unentdeckt. Das ständige Erbrechen führt zu schweren Gesundheitsproblemen: Die Magensäure zerstört die Zähne, Kaliummangel kann Herzprobleme auslösen.

Binge-Eating

Vermutlich ein Drittel der Übergewichtigen leidet ebenfalls an unkontrollierten Essanfällen. Mehrmals pro Woche verschlingen sie große Nahrungsmengen. Vor allem abends und wenn die Betroffenen allein sind. Anschließend fühlen sie sich „eklig“ und haben ein schlechtes Gewissen. Im Gegensatz zu den Bulimikerinnen erbrechen sie nicht und nehmen dadurch stark zu.

Orthorexia

„Krankhaftes Gesundessen“ bedeutet der Fachbegriff für diese Ess-Störung. Betroffene missionieren ihre Umgebung mit Ernährungsdogmen und essen nur noch wenige Dinge, die Ihnen gesund genug erscheinen. Dadurch wird die Nahrungsauswahl immer kleiner und die Gefahr immer größer, nicht alle Nährstoffe ausreichend zu bekommen.

Tipp: Was kann ich tun, wenn meine Tochter essgestört ist?

  • Keinen Druck machen beim Thema Essen und Gewicht
  • Stärken Sie Selbstbewusstsein und die Selbstständigkeit Ihrer Tochter
  • Beobachten Sie das Umfeld: Häufig hungern Mädchen in einer Gruppe
  • Halten Sie die Konfrontationen aus
  • Wenden Sie sich an eine Beratungsstelle

Info:

Erste Hilfe: Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Montag bis Donnerstag 10 bis 22 Uhr, Freitag bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr. Tel. 0221/89 20 31

Adressen von Beratungsstellen in ganz Deutschland: www.bzga-essstoerungen.de.

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