4. November 2011
Die Aufklärer

Die Aufklärer

Ob Gift und Gentechnik im Essen oder Fleischskandale – die Organisation „foodwatch“ setzt sich für mehr Durchblick am Lebensmittelmarkt ein und kämpft für Verbraucherrechte.

Apfel, Pilz
© iStockphoto
Apfel, Pilz

Sechs Buchstaben, gedruckt auf große, weiße Pappwürfel, tanzen durch die Berliner Innenstadt. Aus ihnen ragen Menschenköpfe und Beine. Plötzlich stellen sie sich zu einem Wort auf: „GEMEIN“ ist deutlich zu lesen – das „M“ in der Logo-Schrift von „McDonald’s“. Gemein? „McDonald’s macht nur Hamburger mit Gentechnik“, folgt die Erklärung auf einem Plakat. Was wie Straßentheater anmutet, ist eine Protestaktion von „foodwatch“. Auch Dr. Thilo Bode, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation, steht auf der Straße und sammelt Unterschriften gegen genmanipuliertes Futter, das laut „foodwatch“ an Rinder für das Burger-Fleisch verfüttert wird.

Acht Jahre ist es her, dass der frühere Greenpeace-Chef den Verein „foodwatch“ gegründet hat. Damals ging es ebenfalls um Fleisch: „In Großbritannien und Frankreich starben durch BSE etwa 150 Menschen, und nie wurde wirklich jemand zur Rechenschaft gezogen“, erklärt er. Da habe er sich die Frage gestellt, wie bei uns eigentlich Verbraucherrechte aussehen. Seitdem setzt er sich, zusammen mit neun Mitstreitern, vehement für mehr Transparenz ein.

Das Team, in dem unter anderem ein Veterinärmediziner, ein Biologe und mehrere Marketing-Fachleute tätig sind, sitzt im Osten Berlins. Mit Kompetenz und dem für eine solche Aufgabe nötigen Idealismus kämpfen sie für Aufklärung. Etwa zehn Gehminuten von den berühmten Hackeschen Höfen entfernt werden Kampagnen vorbereitet, Fakten recherchiert und Labortests für Lebensmittel in Auftrag gegeben. „Unsere Arbeit spielt sich vorwiegend am Schreibtisch ab. Aktionen auf der Straße sind eher die Ausnahme“, erklärt Sprecher Andreas Eickelkamp.

Knallharte Recherchen
Ideen zu ihren Kampagnen erhalten die „foodwatcher“ durch politische Debatten, Gespräche mit Insidern der Lebensmittelbranche, Informationen aus Industrie und Behörden. Dann folgt die knallharte Recherche – denn was angeklagt wird, muss wasserdicht belegt und darf nicht angreifbar sein. Nicht umsonst verzeichnet „foodwatch“ bisher keine Klagen oder Verfügungen gegen seine Behauptungen. Und: Der Verein liefert auch Lösungen. Er legte „McDonald’s“ das Angebot eines Sojalieferanten vor, der eine dauerhafte Versorgung aller fleischliefernden Landwirte mit gentechnikfreiem Soja sicherstellt. „,foodwatch‘ ist ein Verein, der sich sehr engagiert und qualifiziert für gesunde Lebensmittel und Verbraucherrechte einsetzt. Sein Forderungskatalog deckt sich mit unserem“, erklärt Dr. Günter Hörmann, Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Hamburg.



Während die bundesweit tätigen Verbraucherzentralen durch ihre Beratungsstellen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sind, verschafft sich „foodwatch“ immer wieder Aufmerksamkeit über die Medien und die eigene Internetseite. Frontmann Bode hat hier langjährige Erfahrung. Er lässt nicht locker, zu fordern: „Wir wollen erreichen, dass der Verbraucher als mündiger Bürger handeln kann. Er muss in der Lage sein, die Qualität von Lebensmitteln bewerten zu können.“ Dazu ist Offenheit die wichtigste Voraussetzung. Hilfestellung liefern hier Labortests. Bereits zum zweiten Mal hat „foodwatch“ Kartoffelchips auf ihren Acrylamidgehalt prüfen lassen. Mehrere Sorten – darunter auch Bio-Produkte – wiesen ganz erhebliche Werte des krebserregenden Stoffs auf.

„foodwatch“ – eine Organisation für unbelastete Lebensmittel

Die Verbraucherorganisation „foodwatch“ wurde 2002 von Ex-Greenpeace-Chef Dr. Thilo Bode gegründet. Der gemeinnützige Verein hat seinen Sitz in Berlin und wird von etwa 11 000 Fördermitgliedern unterstützt. „foodwatch“ will die Rechte der Verbraucher stärken und Druck auf Politik und Unternehmen ausüben. Über neue Kampagnen und die Ergebnisse von Lebensmitteltests können Sie sich jederzeit und kostenlos auf der Website foodwatch.de informieren – und den Verein durch Spenden oder als Fördermitglied unterstützen.

Die Ergebnisse des etwa 5000 Euro teuren Tests sind auf den „foodwatch“-Internetseiten kostenlos zugänglich. Aber: „foodwatch“ veröffentlicht nicht nur die Ergebnisse und gibt so die Möglichkeit zum Boykott bestimmter Produkte. Gleichzeitig drängt der Verein auch auf einen Aufdruck zum Acrylamidgehalt auf jeder Verpackung. Bei der Gentechnik fordert man sogar eine lückenlose Kennzeichnung aller Produkte. Dazu gehört auch der deutliche Hinweis auf Gentechnik bei Eiern, Fleisch und Milch, wenn die Tiere mit gentechnisch verändertem Futter aufgewachsen sind.

Dioxin in Dorschleber
„Wir müssen dem Verbraucher immer wieder klarmachen, dass er von vorn bis hinten betrogen wird“, erklärt Bode drastisch. Denn: Dass vieles im Argen liegt bei der Qualität unserer Lebensmittel, ist offiziellen Stellen längst bekannt. Beispiel: Im Mai informierte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV) zuständige Länderbehörden über dioxinbelastete Dorschleberprodukte. Namen der Hersteller wurden nicht genannt. „foodwatch“ gab umgehend eigene Tests in Auftrag: Hohe Dioxinwerte wurden aufgedeckt und veröffentlicht. Mehrere deutsche Handelsketten nahmen daraufhin belastete Produkte aus ihren Regalen.

Kritische Verbraucher
Vor etwa vier Jahren machte „foodwatch“ sich für ein wirksames Verbraucherinformationsgesetz stark. Bode: „In der jetzigen Form ist das Gesetz nicht im Sinne des Verbrauchers.“ Es müsse beispielsweise Behörden dazu verpflichten, die Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen zu veröffentlichen und Firmennamen zu nennen, die in Lebensmittelskandale verwickelt sind.

Die Organisation konnte den verantwortlichen Politikern mehr als 30 000 Unterschriften übergeben – von Verbrauchern, die ihr Recht auf lückenlose Informationen einfordern. Für Bode ein Zeichen, dass „foodwatch“ auf dem richtigen Weg war. Sein Wunsch: möglichst viele kritische Bürger, die sich organisieren, die erkennen, „dass Verbraucherrechte ein politisches Problem sind, und die ,foodwatch‘ als förderndes Mitglied unterstützen“. Dafür geht er selbst mit Plakaten auf die Straße – zum Beispiel gegen Gen-Burger.

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