Ernährung Nanoforschung auf vollen Touren

Sie gelten als Wunderwerkzeuge der Lebensmittelindustrie: Nanopartikel. Sie machen das Essen haltbarer und lassen Ketchup besser fließen. Aber was richten sie im menschlichen Körper an?

Burger, Senf, Ketchup

Schöne neue Welt? Schokolade schmilzt nicht mehr, saure Milch wird rot

Dennoch läuft die Nanoforschung im Bereich Ernährung auf vollen Touren – weil sie für die Zukunft gigantische Gewinne verspricht. Experten der niederländischen Universität Wageningen schätzen, dass sich im nächsten Jahrzehnt rund 20 Milliarden Dollar Jahresumsatz mit nanobasierten Lebensmitteln machen lassen. Die internationalen Konzerne hoffen auf Einsparungen bei der Nahrungsmittelproduktion, aber auch auf Wettbewerbsvorteile, weil Nanoessen mehr kann: Noch sind es nur Entwürfe der Food-Designer, aber schon bald könnte sich mithilfe der Supermoleküle die Milch rot färben, sobald sie sauer ist. Fertigpizza könnte je nach Ofenhitze ihren Geschmack von Schinken zu Spinat wechseln. Branchenriesen wie Unilever und Kraft Foods werkeln in eigenen Laboratorien, und ein Überzug aus Nano-Titandioxid wurde bereits zum Patent angemeldet: Er soll bei Schokolade künftig verhindern, dass sie einen Grauschleier bekommt und in der Sonne schmilzt.

Ein großer Markt ist auch „Functional Food“. Solche Lebensmittel werden mit Gesundheit versprechenden Stoffen aufgerüstet. Nanokapseln fungieren als Container, befüllt mit Aromen, Vital-, Farb- oder Geschmacksstoffen. Die könnten so eingestellt werden, dass sie erst beim Zubereiten oder gezielt im Körper freigesetzt werden. In Australien ist bereits ein mit Cholesterin senkendem Fischöl angereichertes Brot auf dem Markt, dessen Wirkstoff sich erst im Magen löst.

Keine gesetzlichen Regeln

Rund 100 Lebensmittel oder Verpackungen mit Nanopartikeln werden nach Recherchen des BUND in Deutschland bereits vertrieben. „Das stellt sicher nur die Spitze des Eisbergs dar, denn weder national noch auf EU-Ebene gilt irgendeine Kennzeichnungsoder Meldepflicht“, so Sarah Häuser. Vor dem EU-Parlament war im März nach drei Jahren Verhandlungsmarathon der Versuch gescheitert, den Einsatz von Nano materialien in Lebensmitteln zu regulieren. Jetzt steht der Verbraucherschutz diesbezüglich in den Sternen. „Und die Hersteller halten sich mit Informationen bedeckt. Sie haben Angst vor einer ähnlichen Ablehnung wie beim Genfood“, so Häuser. Der einzige Schutz für Verbraucher besteht darin, hochverarbeitete Produkte zu meiden und möglichst frische, biologisch angebaute Lebensmittel zu verwenden.

Brauchen wir Nano im Essen überhaupt? „Bislang hat das für die Verbraucher keine unschlagbaren Vorteile“, sagt der Food-Physiker Vilgis. Salz wird auch mit Kalziumkarbonat rieselfähig, und beim Ketchup ist Guarkernmehl ein gutes Bindemittel. Also mehr Hype als Nutzen? „Im Moment ja. Oder, um es mit Andy Warhol zu sagen: ,Fortschritt ist sehr wichtig und aufregend, außer beim Essen.‘“

Winzig, aber ein weites Feld

Größenordnung: In allen Forschungszweigen wird mit Partikelgrößen im Nanometerbereich (nm) gearbeitet, die zwischen 0,1 und 100 nm liegen. Ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Populär ausgedrückt: Die Größe einer Haselnuss zum Durchmesser der Erde entspricht etwa dem Verhältnis von einem Nanometer zu einem Meter.

Einsatzgebiete: Unter dem Begriff Nanotechnologie versammeln sich unterschiedliche Verfahren und Methoden, die in der Physik, Chemie und Biotechnologie eingesetzt werden und fast alle Wirtschaftsbereiche berühren. Allein in Deutschland arbeiten rund 800 Firmen mit Nanotechnologie.

Zukunft: Im Bereich der Solarund Elektrotechnik sowie der Medizin steckt viel Potenzial. Experten kritisieren jedoch, dass die Risikoforschung der Produktentwicklung hinterherhinkt.