Ernährung Inhaltsstoffe unserer Nahrung

„100 Prozent Natur“, „ohne Zusatzstoffe“ – auf Lebensmittelpackungen werden vollmundige Versprechen gemacht. Doch ein kritischer Blick auf die Zutatenlisten ist wichtig.

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Fragen an Ilse Aigner (CSU), Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Ihr Ministerium finanziert das Internet-Portal www.lebensmittelklarheit.de. Dort können Konsumenten auf irreführende Kennzeichnungen oder Inhaltsstoffe hinweisen

VITAL: Seit einem halben Jahr ist das Portal online. Wie läuft es?
Ilse Aigner: Nach 100 Tagen waren bereits über 3800 Meldungen eingegangen. Das zeigt, dass ein erheblicher Informationsbedarf besteht. Das bestätigt auch das Feedback vieler Bürger, die uns klar sagen: „Ihr seid auf dem richtigen Weg. Wir wollen mehr Transparenz.“ Ich denke, dass die Menschen darauf Anspruch haben.

Die Industrie bezeichnete das Portal vorab als „Pranger“. Hat sich die Haltung geändert?
Ich habe den Eindruck, dass viele Firmen, die das Projekt anfangs kritisiert hatten, jetzt die Chance zur Kommunikation mit kritischen Kunden nutzen und auf Anregungen eingehen. Verbraucher honorieren Offenheitmoderne Unternehmen wissen das. So haben einige Hersteller infolge von Verbrauchermeldungen die Rezepturen geändert oder die Schriftgrößen angepasst.

Wie ließe sich das Vertrauen der Verbraucher noch stärken?
Durch die Sicherheit, dass im Lebensmittel drin ist, was draufsteht. Nehmen wir etwa die Tatsache, dass immer mehr Menschen wissen wollen, ob ihre Lebensmittel aus der Heimat kommen. Mein Haus arbeitet derzeit an Leitlinien für eine Regional-Kennzeichnung. Erste Ergebnisse werden wir voraussichtlich 2012 im Rahmen der Internationalen Grünen Woche vorstellen. Ziel ist es, ein verlässliches Siegel auf den Weg zu bringen, das den Kunden als Orientierung dient und den Anbietern als freiwilliges Instrument zur Verfügung steht.

 

Übersetzungshilfe -  Das steht drauf, das steckt wirklich drin

  • „Ohne Geschmacksverstärker“: „ohne künstliche Geschmacksverstärker“, „ohne geschmacksverstärkende Zusatzstoffe“ – ein Allerlei, an dessen Differenzierung sich die Hersteller nicht verlässlich halten. Beim erstgenannten Aufdruck sollten weder chemische Zusatzstoffe wie Glutamate (E 620–E 625) verwendet werden noch Zutaten wie Sojaproteinhydrolysat, Würze oder Hefeextrakt. Die beiden anderen Etiketten bedeuten lediglich, dass auf Glutamat verzichtet wird – andere geschmacksverstärkende Zutaten (siehe oben) können dennoch drin sein.
  • „Natürliche Aromen“: Wirbt ein Produkt damit, erzeugt womöglich ein Rohstoff aus der Natur den Geschmack – bei Erdbeeren meist Schimmel pilze und Holzfasern. Nur wenn ausdrücklich die Frucht genannt wird, z. B. „natürliches Erdbeeraroma“ oder „Erdbeerextrakt“, steckt sie auch drin.
  • „Ohne Zusatz von Konservierungsstoffen“: Das steht oft auf Salaten und Brot - aufstrichen, die Zutaten und Zusatzstoffe wie Branntweinessig, Senfsaat, L(+)-Weinsäure, Zitronensäure oder das Säuerungsmittel Essigsäure enthalten – und die haben durchaus eine konservierende Wirkung. Bei Fisch- und Geflügelsalaten wird als Konservierungsstoff oft Benzoesäure (E 210) verwendet – die gilt als Allergieaus löser. In Verbindung mit Ascorbinsäure (E 300) steht sie im Verdacht, Krebs zu erregen. Dann doch lieber eine Konservierung durch Senfsaat und Essig. 
  • „Ohne Farbstoffe“, „ohne künstliche Farbstoffe“: Klingt gut, trotzdem wird gefärbt. Rote-Bete-Saft, Karotten- und Kürbispulver, Konzentrate von Spirulina- Algen oder Schwarze Johannisbeeren gelten als färbende Lebensmittel und finden sich bevorzugt in Süsswaren und Molkereiprodukten. 
  • „100 Prozent Natur“, „natürlich“: Befinden sich unter den Zutaten Emulgatoren (E 431–E 495) wie Triphosphat oder Antioxidationsmittel, verlängern die die Haltbarkeit – das ist alles andere als natürlich. 
  • „Laut Gesetz“: Diese Floskel bewirbt den Verzicht auf bestimmte Zusatzstoffe. Scheinheilig! Der betreffende Stoff darf in der Lebensmittelgruppe ohnehin nicht eingesetzt werden. 
  • „Ohne Haushaltszucker“: Zugegeben, so ein Produkt enthält zwar keine Saccharose (Rüben- oder Rohrzucker), wurde aber eventuell reichlich mit Fruktose oder Glukose, Honig, Milchzucker oder Malzzucker, Stärke oder Cellulose gesüsst.