
Biohacking: Kaum ein Wort sorgt derzeit für mehr Gesprächsstoff – und mehr Verwirrung. Wie Kaffee mit Hafermilch scheint das Konzept allgegenwärtig, doch wenn es um die Substanz geht, bleibt oft nur eine vage Vorstellung. Was steckt wirklich dahinter? Was davon ist sinnvoll, was ist bloßer Hype? In einem offenen Gespräch Dr. Felix Bertram tauchen wir ein in die Kunst, mit kleinen Veränderungen ein gesünderes und vielleicht sogar längeres Leben zu führen. Sein persönlicher Wendepunkt? Ein Schock am Telefon, der alles ins Rollen brachte.
Ein Anruf, der alles verändert
Es ist ein unscheinbarer Moment, der für Dr. Felix Bertram zum Wendepunkt wird. Während eines Urlaubs auf Sylt klingelt das Telefon – das Labor, in dem Bertram einen Test seines biologischen Alters gemacht hatte, ist dran. Erwartet hatte er eine E-Mail mit der frohen Botschaft, er sei biologisch quasi ewiger Jungbrunnen, äußerlich immerhin als Endvierziger kaum vom Dreißigjährigen zu unterscheiden. Doch es kommt anders.
"Das Labor wollte ein Telefonat haben, da wusste ich schon als Arzt, da gibt es was mitzuteilen." Die Nachricht: Sein biologisches Alter liegt nicht bei 49, sondern bei 74 Jahren, gemessen über Marker chronischer Entzündungen. "Das war eine Überraschung", erinnert sich Bertram nüchtern. Er lacht heute darüber, doch in den Tagen danach sei er sehr ins Nachdenken gekommen. "Unweigerlich hat man so das Gefühl, oh je, was heißt das denn? Was ist, wenn ich jetzt nur noch zehn Sommer habe?"
“Unweigerlich hat man so das Gefühl, oh je, was heißt das denn? Was ist, wenn ich jetzt nur noch zehn Sommer habe?” [Dr. Felix Bertram]
Der Schock wird zum Weckruf. Bertram, der Unternehmer und Arzt, bislang eher auf Lösungen für andere fokussiert, beginnt, sein eigenes Leben zu hinterfragen. Er spricht offen über Stress, Leistungssucht, die Jagd nach dem nächsten Erfolg und gewinnt – jenseits von Effizienz und Produktivität – einen neuen Blick. Vielleicht, meint er rückblickend, hätte das Buch besser "Hacking Life" statt "Hacking Age" heißen sollen. Die Veränderungen, die folgen, sind tiefgreifend: beruflich, privat, gesundheitlich.
"Leider vermutlich ja", antwortet er auf die Frage, ob es diesen Schockmoment braucht, um wirklich nachhaltig etwas zu verändern. "Bei den meisten Menschen ist das vermutlich so, dass sie erstmal irgendwie einen sogenannten Schuss vor den Bug brauchen." Der Drang, zu funktionieren, die Alltagskrisen zu überspielen – sie scheinen so lange vorzuherrschen, bis ein Ereignis das destruktive Muster unterbricht.
Von Mythen, Fakten – und den drei Säulen gelingender Langlebigkeit
Doch was ist eigentlich Biohacking? Für Bertram ist der Begriff kein Zauberwort, vielmehr etwas, was viele längst intuitiv in sich tragen – oft, ohne es zu merken. "Ich mag diesen Begriff nicht so, Biohacking", gesteht er. "Ich habe auch so angefangen, habe dann wie Brian Johnson alles gemessen, bis ich irgendwann merkte, was ich hier mache, ist einfach noch mal ein neues Level von Stress mir auferlegen." Die quälende Suche nach der perfekten Routine endete vorerst im Irrgarten von Gadgets und Selbstoptimierung.
Die entscheidende Erkenntnis folgt, als Bertram das Thema aus der Distanz betrachtet: "Für mich ist Longevity oder Biohacking, welchen Begriff man auch immer nehmen möchte, etwas, was wir eigentlich schon lange intuitiv wissen." Viele Dinge hätten bereits die Großeltern gelebt: Bewegung, natürliche Rhythmen, Gemeinschaft. Heute können wir diese alten Lebensweisen mit neuen, wissenschaftlichen Erkenntnissen ergänzen.
“Für mich gibt es eigentlich drei Säulen, die entscheidend sind. Und zwar Gesundheit, keine Frage. Beziehungen, zwischenmenschliche Beziehungen... Und das dritte ist Sinnhaftigkeit, die persönliche Entwicklung.” [Dr. Felix Bertram]
Was zählt: Gesundheit, Beziehungen, Sinn
Gesundheit steht ganz oben, klar. Doch Bertram setzt zwei weitere, oft unterschätzte Säulen daneben: Beziehungen und Sinnhaftigkeit. "Gute Beziehungen haben einen wesentlichen Anteil an einem langen und erfüllten Leben", so der Dermatologe. Die dritte Säule ist für ihn die persönliche Entwicklung, Purpose – sei es Karriere, Familie oder ein anderes Herzensprojekt.
Bertram spricht von "drei Lichtschaltern", die im Leben immer wieder unterschiedlich aufgedreht und heruntergefahren werden müssen. Wer Kinder großzieht, wird die Energie primär in Beziehungen stecken, wer eine Firma gründet, opfert vielleicht temporär Gesundheit und Freundschaften für den beruflichen Durchbruch.
“Ich sage immer, die wenigsten Menschen sollten sich Sorgen machen, zu früh zu sterben, sondern vielmehr nie gelebt zu haben.” [Dr. Felix Bertram]
Das Streben nach Gesundheit, gepaart mit erfüllenden Beziehungen und einem klaren Sinn, bildet laut Bertram das Fundament für ein langes, aber vor allem glückliches Leben. Dass das nicht immer einfach ist, weiß er aus eigener Erfahrung – und rückt mit großer Ehrlichkeit auch angebliche “Abkürzungen” und Hypes ins rechte Licht. Longevity, sagt er, ist keine pure Peak Performance, keine endlose Gadget-Sammlung: "Das ist so Cherry on the top, aber so die Grundlagen sind erstmal ganz andere."
Der innere Wandel, so beschreibt Bertram, beginnt mit Reflexion, oft ausgelöst durch eine Krise. "Ich glaube, diese drei Säulen sind ganz entscheidend. Und über das Leben hinweg wird man mal den einen oder anderen Schalter aufdrehen müssen zu Lasten der anderen beiden." Das Leben ist ein Fluss, kein statischer Zustand.
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Routinen etablieren: Kleine Schritte, großer Unterschied
Doch wie gelingt die Transformation vom Denken zum Handeln? Was hilft aus der Theorie in die Praxis? Für Bertram beginnt echtes Biohacking beim Sport. "Wenn man Longevity ernst nimmt, dann ist Sport, Ausdauer und Krafttraining eigentlich die Grundlage. Und das ist auch das härteste, so eine Routine zu entwickeln, dass man das regelmäßig macht." Viele versuchten, sich mit Ernährung oder Supplements einen “Shortcut” zu verschaffen – doch Nachhaltigkeit bringt letztlich nur die Bewegung.
Praktische Tipps? "Alles über null kumuliert, also gar nichts zu machen, ist keine Alternative. Der kleinste gemeinsame Nenner wäre einfach mal versuchen, Schritte zu machen – 7000 Schritte pro Tag reduzieren unser Risiko, frühzeitig zu versterben, um 40 bis 50 Prozent." Auch wer wenig Zeit hat, kann kleine Veränderungen in den Alltag einbauen: eine Haltestelle früher aussteigen, weiter weg parken, Treppen statt Aufzug nehmen.
Entscheidend sei, Freude an der Bewegung zu entwickeln und Routinen zu verankern – zum Beispiel, indem man den Gang ins Fitnessstudio mit einem Lieblingspodcast verbindet oder gemeinsam mit Freunden Real-Life-Events wie Fahrradtouren plant. "Wenn man irgendwann die Veränderungen sieht… dann ist man irgendwie so drin und sagt ‘Das will ich jetzt auch nicht mehr verlieren, weil man ist präsenter, man ist wacher, man ist fitter’", so Bertram.
Bei der Ernährung setzt er auf Einfachheit statt Drill: "Es gibt vier Sachen, die ich versuche zu vermeiden: Zucker, Weißmehl, Alkohol und hochverarbeitete Lebensmittel." Mehr Ballaststoffe, mehr Eiweiß – und sich gelegentliche Ausnahmen bewusst erlauben. Die Studienlage zu Ernährungstrends sei oft dünn, Stress durch zu dogmatische Ernährung jedoch garantiert. Die Regel: "Ich habe diese relativ simplen Regeln und dann gibt es immer meine Joker-Regel, sage ich kann das einen Tag mal skippen."
Die Datenlage zu Supplements sieht Dr. Bertram kritisch, er warnt vor mangelnder Personalisierung und unkritischem Konsum: "Es gibt vielleicht fünf oder sechs Supplements, wo es wirklich eine solide Studiengrundlage gibt. Und dann ist das zweite wichtig, dass man das personalisiert, also entsprechend seiner Ausgangslage einnimmt." Überdosierungen, wie etwa bei Vitamin D, könnten toxisch werden und blinder Glaube an Trends birgt gesundheitliche Risiken.
Auch digitale Tools – etwa Apps zum Kalorienzählen – können helfen, Bewusstsein zu schaffen, ohne jedoch zum beherrschenden Lebensinhalt zu werden. "Das hat mir nicht deshalb geholfen, weil ich unbedingt Kalorien zählen muss, sondern es hat mich gelehrt zu verstehen, was hat viel Kalorien und noch mehr, dass ich mir diese ganzen Naschereien zwischendurch vermeide."
Der mentale Bereich? Bertram empfiehlt, Routinen der Selbstreflexion in den Alltag einzubauen: "Ich habe ein Meeting mit mir selbst etabliert, also jeden Freitag setze ich mich eine Stunde hin mit mir selber und gehe alle drei Säulen durch." Innere Klarheit, so sein Rat, entsteht durch regelmäßiges Innehalten, Reflektieren und das bewusste Setzen von Prioritäten. Beziehungen können gestärkt werden, indem man auch mal alte Pflichtfreundschaften loslässt und sich Zeit für die wirklich relevanten Menschen nimmt.
Geräte, Gadgets und medizinische Wundermittel spielen für ihn nur eine Nebenrolle – und viele angebliche "Biohacking-Hacks" seien schlichtweg überbewertet. Die Ausnahme: bestimmte Medikamente aus der Adipositas-Therapie, sogenannte GLP-Inhibitoren, könnten künftig spannend werden. Ansonsten gilt: "Im Moment gibt es nichts im Medizinsegment, was wirklich Hoffnung macht, dass wir in 5, 6, 7 Jahren irgendwas haben, was 20 Jahre längeres Leben verspricht. Ich würde heute sagen, wir können mit Lebensstilanpassungen 7 bis 10 Jahre rausholen."
Und das vielleicht Wichtigste: Lebensfreude, Augenhöhe mit sich selbst – und die Fähigkeit, aus Routinen und kleinen Schritten ein nachhaltig besseres, erfüllteres Leben zu gestalten. Sein Resümee: "Wenn ich mein Leben jetzt besser mache, nicht nur mental, sondern auch körperlich, sind die Chancen auch sehr, sehr hoch, dass ich länger und glücklicher lebe."


