Anzeige

Unser Superhirn: Wie wir unser Gedächtnis trainieren - und warum das unsere Gesundheit schützt

Gehirntraining ist in Mode – doch was steckt wirklich dahinter? Neurowissenschaftler und Gedächtnisweltmeister Dr. Boris Nikolai Konrad spricht im Vital Gesundheitspodcast über Namen, Emotionen, Pausen und den Einfluss von KI. Eine faszinierende Reise in die Welt des Erinnerns und Vergessens.

Ein Mann befindet sich in Fußgängerzone, man sieht nur seine Hand. Diese hält ein Zettel in die Luft in Form eines menschlichen Kopfes. Kleine Papierschnipsel fliegen weg.© Bulat Silvia / iStock
Wer sein Gehirn regelmäßig trainiert, merkt dies auch im Alltag.

Es gibt Fragen im Leben, bei denen wir alle ins Stocken geraten. Woran lag es, dass wir uns den Namen dieses Kollegen einfach nicht merken konnten, warum kommen manche Erinnerungen nie wieder zurück – andere dagegen lassen uns selbst Jahrzehnte später nicht los? Für Dr. Boris Nikolai Konrad, Neurowissenschaftler, mehrfacher Gedächtnisweltmeister und Bestsellerautor, sind diese Fragen nicht nur Alltag, sondern Berufung.  

In der neuesten Episode des Vital Podcasts nehmen Moderatorin Clarissa und er die Hörer mit auf eine Reise durch sein Spezialgebiet: das menschliche Gedächtnis – und wie es uns weit über das reine Merken hinaus gesund erhalten kann. 

Geschichten, Bilder, Emotionen: Warum unser Gehirn anders denkt 

Als Moderatorin Clarissa fragt, wie der Gedächtnisprofi sich ihren komplizierten Namen eingeprägt hat, erzählt er von seiner Methode: „Ich habe so eine kleine Bildgeschichte gebaut. Bei Corrêa habe ich z.B. an einen Chor gedacht. Die Personen in diesem Chor sind schon älter, mit silbrigem Haar..” 

Es ist kein Zufall, dass er so vorgeht. Konrad war Weltrekordhalter im Namen merken – aber sein Talent ist keine unnatürliche Gabe, sondern Training, erklärt er. Es gehe nicht darum, Dinge nur gedankenlos zu wiederholen. „Das Tempo ist bei mir natürlich Übungssache. Ich muss es aber bewusst tun, es passiert nicht von alleine.“ Der Schlüssel liegt im bewussten Einsatz von Bildern, Emotionen und Geschichten, fast wie Bühnenstücke im Kopf. Genau das macht Gedächtnistraining aus – und, so sagt er, kann jeder lernen. 

Die Wissenschaft bestätigt, dass genau diese Methoden Wirkung zeigen. Besonders eindrücklich zeigt das Beispiel der berühmten Londoner Taxifahrer, die das gesamte Straßennetz der britischen Hauptstadt auswendig lernen müssen. Konrad erklärt, wie sich durch das intensive Training Teile ihres Hippocampus -in Hirnscannern sichtbar und messbar- vergrößern. Ein Wunder? Nein, sondern Neuroplastizität in Aktion. Das Gehirn, auch im Erwachsenenalter, bleibt formbar, solange es gefordert wird. 

Emotionen sind dabei zentrale Helfer. Ob der Name des strengen Lehrers aus der Schulzeit oder die Nachricht der besten Freundin – was uns bewegt, bleibt. Wer bewusst kleine, einprägsame Geschichten nutzt, setzt den emotionalen Speicher gezielt ein. 

Gesundes Gedächtnis, gesunder Mensch: Warum Training so wichtig ist 

An dieser Stelle kommt der Gesundheitsaspekt ins Spiel. Boris Nikolai Konrad vergleicht Gedächtnistraining mit Sport: Wer den Körper kräftigt, schützt die Fitness, wer das Gehirn trainiert, sammelt kognitive Reserven. „Das zeigen Studien und eigentlich auch die Erfahrung, die jeder hat. Wenn man das Gehirn nicht auch mal herausfordert, auch mal trainiert, geht die Leistung eher runter als hoch.“ Der häufige Irrglaube, das Gehirn laufe sowieso mit, wird in der Podcast-Folge konsequent widerlegt. 

Konrad betont, dass die Konditionierung nicht erst dann beginnen sollte, wenn bereits Gedächtnisprobleme auftreten. Die sogenannte kognitive Reserve hilft, erste Symptome einer Erkrankung, etwa einer Demenz, hinauszuzögern – langfristig ein unschätzbarer Vorteil für Lebensqualität und Unabhängigkeit. 

Vernetzen, pausieren, einprägen: Praktische Tipps aus der Forschung 

Doch wie trainieren wir unser Gedächtnis wirklich – und was sind die häufigsten Fehler, die viele von uns machen? Einen entscheidenden Bestandteil nennt Conrad immer wieder: die Kunst der Pause. Nicht die Bildschirmpause mit Social Media, sondern echte Auszeiten für das „Default Mode Network“ im Gehirn. Nach intensiven Lerntätigkeiten sortiert und festigt das Gehirn neue Informationen, aber nur, wenn keine neue Flut an Reizen sie verdrängt. 

„Unser Gehirn braucht kurze Pause, um Dinge auch zu verarbeiten. Zwei, drei Minuten reichen da tatsächlich schon, dass das Gehirn so ein bisschen in diesen Modus reingeht.“ Wer direkt nach dem Lernen weiterliest, tippt, streamt, gibt dem Gedächtnis keine Chance, neue Netzwerke zu bauen. Diese Verknüpfungen sind das A und O, betont Conrad. Die vielzitierte Metapher vom Spinnennetz passt gut: „Wir haben ein Netz und je enger das Netz ist, desto eher bleibt was dran hängen.“ 

„Wenn du nach zwei Minuten den Namen nicht mehr wusstest, ist kein Gedächtnisproblem. Du hast nur nicht zugehört.“ [Dr. Boris Nikolai Konrad]  

Schreiben von Hand, das eigene Abfragen nach dem Lernen, bewusste Wiederholung – alles das stärkt die Synapsen und Netzwerke. Auch kleine Gedächtnisübungen mit Geschichten wirken Wunder: Conrad baut beispielhaft eine Kette aus Wörtern (Heu, Lücke, Hai, Mann, Kasten, Sack, Weizen, Herzog, Rau) und verknüpft sie als Merkhilfe für die Reihenfolge deutscher Bundespräsidenten.  

Zahlenfolgen funktionieren nach demselben Prinzip. Conrad empfiehlt das Major-System, ein Codeschlüssel, mit dem sich zweistellige Zahlen in Bilder umwandeln lassen – vom Dino bis zum Fass. Die besten Gedächtnissportler arbeiten mit Hunderten von solchen Bildern, doch selbst Laien können binnen zwei Wochen genug lernen, um Pin-Nummern, Codes oder Telefonnummern sicher zu verankern. Wer clever ist, nutzt Geschichten, Orte und Emotionen und baut so sein eigenes mentales Archiv. 

Von Brain Food bis KI: Herausforderungen und Chancen der modernen Gedächtniswelt 

Essen für das Gedächtnis? Konrad relativiert. „Das Gehirn sitzt im Körper, das heißt, die Themen, die ihr hier im Podcast ja auch oft besprecht, was dem Körper gut tut, sind fast immer auch fürs Gehirn gut.“ Das Allheilmittel Chia, Avocado und Superfood? Schön und gut, aber letztlich zählt eine ausgewogene, gesunde Ernährung – und die ist für Gehirn und Körper gleichermaßen förderlich. Zu wenig Schlaf, betont er, ist hingegen ein ausgewiesener Gedächtniskiller. Gerade tiefere Schlafphasen lassen sich biologisch nicht endlos nachholen, und die Konsolidierung von Erinnerungen läuft vor allem nachts. 

Doch im Alltag der Gegenwart stehen längst neue Herausforderungen bereit. Viele verlassen sich auf Künstliche Intelligenz und schlaue Apps. Erinnern, abspeichern, wiederfinden – das alles können externe Tools effizient erledigen. Droht da ein „Outsourcing“ unseres Gedächtnisses? Konrad sieht die Gefahr, mahnt aber zur bewussten Nutzung. „Die Gefahr ist definitiv da“, sagt er mit Blick auf Studien zu KI und Chatbots. Wer einfach alle Denkleistungen an Technik auslagert, bleibt blasser, weniger kreativ, weniger innovativ. Doch benutzt man KI, um eigene Ideen zu optimieren, kann das Ergebnis sogar besser und nachhaltiger sein. 

Am Ende, das betont Konrad, liegt die Macht beim Menschen. Wir können entscheiden, wie sehr wir unser Superhirn fordern – und wie wir Werkzeuge nutzen, um weiterzulernen. „Wir alle haben ein Superhirn. Und um super Leistung rauszuholen, muss man eigentlich nur eine Sache tun. Man muss es auch benutzen.“ Es ist eine Einladung, das eigene Gedächtnis nicht nur für Rekorde, sondern vor allem für mehr Lebensfreude, Gesundheit und Unabhängigkeit zu pflegen. Die Methoden dazu sind alltagsnah, fundiert und wirkungsvoll – und der Schritt zur eigenen Praxis beginnt mit der bewussten Entscheidung, seinem Kopf auf die Sprünge zu helfen. 

In einer Welt ständiger Informationsflut, zwischen Smartphone, To-Do-Listen und künstlichen Klugen, erinnert Konrad an das, was wir alle mitbringen: grenzenloses Potenzial, das darauf wartet genutzt zu werden. Die nächste Gelegenheit, es zu aktivieren, kommt bestimmt – vielleicht schon beim nächsten neuen Namen, der uns begegnet.