Wenn der Körper spricht: Die unterschätzte Verbindung von Psyche und Gesundheit

Psychosomatik betrifft Millionen – und doch wissen viele kaum, wie eng Körper und Geist verbunden sind. Im Gespräch mit Sven Steffes-Holländer, einem der führenden Experten für psychosomatische Medizin, tauchen wir ein, in die Welt der Symptome, Signale und die große Kunst zuzuhören – sowohl sich selbst als auch anderen.

Psychosomatische Probleme sind nicht selten© ksuklein / iStock

Plötzliche Rückenschmerzen, Atemnot, Herzklopfen – und alle Untersuchungen bleiben ohne Ergebnis. „Was, wenn der Körper etwas sagen will, was wir nicht hören wollen?“ Die Frage steht zu Beginn einer Podcastfolge, die so routiniert wie empathisch in eine unterschätzte Welt führt: die Verbindung zwischen Körper und Seele. Der Mittwochmorgen im Berliner Krankenhaus, wo Sven Steffes-Holländer gerade Dienst hat, beginnt erstaunlich ruhig. Der Chefarzt wirkt gelöst, fast entspannt – heute ist nicht Montag oder Freitag, die klassischen Krisentage im Klinikbetrieb, wie er leise lachend anmerkt. „Es ist heute ein Mittwoch. Das ist doch gut.“ 

Der Interviewpartner ist einer, der die Psychosomatik nicht nur theoretisch durchdrungen hat, sondern sie lebt – durch persönliche Erfahrung, Neugier und die tiefe Überzeugung, dass unser Körper manchmal lauter spricht als Worte es je könnten. 

Psychosomatik – Eine Einladung zum Hinschauen 

Die Frage, was psychosomatische Medizin eigentlich ist, stellt den Einstieg. „In einem Satz ist es gar nicht so einfach“, gesteht Holländer. Und trotzdem liefert er eine Definition, die hängen bleibt: Psychosomatik ist „eine Einladung an Patientinnen, aber auch an uns Ärztinnen, ganz genau hinzuschauen, was will mein Körper mir sagen, das ich vielleicht selbst noch nicht in Worte fassen kann“. Schon in dieser Formel stecken Mitgefühl und Ernsthaftigkeit – Themen, die sich wie ein roter Faden durch das Gespräch ziehen. 

Diese „Einladung“, sich selbst ernst zu nehmen, galt lange als Nische im Medizinbetrieb. Während die Mehrheit seiner Kommilitonen den klassischen Fachrichtungen folgte, fand Holländer seinen Weg in der Psychosomatik durch einen Zufall: den Zivildienst. „Ich hatte die Wahl zwischen Jugendherberge und Klinik“, sagt er, „und habe dann eine Erfahrung gemacht, die mich nie mehr losgelassen hat.“ Dort, in einer Klinik, in der Worte nicht das einzige Instrument waren – künstlerische Therapie und Ernährung hatten ebenso ihren Platz – erlebte er, wie Medizin lebensverändernd sein kann. Es war ein Umfeld, das nicht nur Diagnosen stellte, sondern Veränderungen ermöglichte. 

„Psychosomatik ist eine Einladung an Patientinnen, aber auch an uns Ärztinnen ganz genau hinzuschauen, was will mein Körper mir sagen, das ich vielleicht selbst noch nicht so gut in Worte fassen kann.“ [06:10] 

Was für ihn dabei entscheidend blieb: die Zeit. „Der Faktor Zeit spielt eine große Rolle.“ Diese Ressource, so Mangelware im heutigen Gesundheitssystem, wächst in der Psychosomatik zur Notwendigkeit – denn schnelle, einfache Antworten gibt es hier selten. 

Holländers persönliche Geschichte wie auch die Erzählungen vieler Patient:innen kreisen um das gleiche Gefühl: das „Verlorensein zwischen den Stühlen“. Da ist das reale Leiden, das Ziehen im Nacken, der Druck im Magen – und keine Diagnose. Keine organischen Befunde, keine Klarheit, aber große Unsicherheit. Der Moment, in dem Menschen beginnen zu zweifeln: an sich, an der eigenen Wahrnehmung, am System. Am Ende oft: Rückzug. 

Symptom ohne Befund – Wenn der Körper ruft 

Wie häufig erleben Patient:innen solche Situationen? Holländer zitiert aus Studien: Zwischen 50 und 70 Prozent der Behandlungsanlässe in Hausarztpraxen seien eigentlich psychosomatisch. Besonders unspezifische Beschwerden wie Kopf- und Rückenschmerzen, Magenprobleme, Schwindel oder dauerhafte Erschöpfung zählen dazu. „Ganz häufig wird gar keine wirkliche organische Ursache gefunden – oder zumindest keine, die die Dauer und Heftigkeit der Symptome erklärt.“ 

Was folgt, ist ein Kreislauf aus Frustration und Ohnmacht. „Man konnte einen unauffälligen Befund, fühlt sich aber trotzdem schlecht.“ Das Verhängnis beginnt mit dem Satz, den viele Betroffene immer noch hören: „Das ist wohl psychosomatisch.“ Während das für Holländer persönlich ein Grund zur Erleichterung war, bedeutet es für viele Patient:innen das Gegenteil: 

„Fühlen sich wie auf dem Abstellgleis. Ab dem Zeitpunkt, wo der Arzt sagt, das ist psychosomatisch, beginnt in der Wahrnehmung von vielen eigentlich so ein Punkt, ich fühle mich nicht ernst genommen.“ [21:33] 

Was für ihn dabei entscheidend blieb: die Zeit. „Der Faktor Zeit spielt eine große Rolle.“ Diese Ressource, so Mangelware im heutigen Gesundheitssystem, wächst in der Psychosomatik zur Notwendigkeit – denn schnelle, einfache Antworten gibt es hier selten. 

Holländers persönliche Geschichte wie auch die Erzählungen vieler Patient:innen kreisen um das gleiche Gefühl: das „Verlorensein zwischen den Stühlen“. Da ist das reale Leiden, das Ziehen im Nacken, der Druck im Magen – und keine Diagnose. Keine organischen Befunde, keine Klarheit, aber große Unsicherheit. Der Moment, in dem Menschen beginnen zu zweifeln: an sich, an der eigenen Wahrnehmung, am System. Am Ende oft: Rückzug. 

Zwischen Körper und Geist: die unsichtbaren Grenzen 

Wann ist etwas noch körperlich, ab wann seelisch? Die Frage nach der Grenzziehung zwischen psychischen, psychosomatischen und rein organischen Erkrankungen ist eine, die Holländer beschäftigt – und eine der sensibelsten der Medizin. Selten zieht sich eine klare Linie. Selbst bei einer schweren Depression fehlen nie körperliche Symptome. Umgekehrt: Verdauungsprobleme oder Erschöpfung können durch psychosoziale Belastungen ausgelöst sein, auch wenn das Blutbild völlig unauffällig bleibt. 

Diese Unsicherheit belastet nicht nur Patient:innen, sondern prägt den gesamten medizinischen Diskurs. „Unsere Gesellschaft tickt ja so, dass wir alles klar geordnet haben wollen, alles schön abgegrenzt“, so die Host. Und doch, vielleicht sei es an der Zeit zu akzeptieren, „dass unsere Gesundheit immer ganzheitlich gesehen werden muss“. 

„Es ist ja normal, dass wir im Laufe unseres Lebens psychosomatisch erkranken, das ist gar nicht der Ausnahmefall, sondern ist einfach eine ganz normale Reaktion unseres Körpers.“ [76:30] 

Doch wie offen ist unser System wirklich? Vieles hat sich gebessert, sagt Holländer. Die Stigmatisierung sei weniger geworden, das Bewusstsein steige – und doch bleibe die Berührungsangst, auch bei Ärzt:innen, präsent. Wer sich unsicher fühlt, weicht lieber aus, „weil psychosomatischer Patient heißt, das kostet mehr Zeit und Energie“. 

Dabei ist bereits das Anerkennen der Symptomrealität – „Das bildest du dir nicht ein!“ – ein erster Schritt aus dem Tabu. Und dann geht es, für Ärzt:innen wie Angehörige, oft genau darum: da zu sein, zuzuhören, der Hilflosigkeit zu begegnen. 

Zwischen Ratlosigkeit und Resonanz – Wie wir helfen können 

Wie können Angehörige oder Freunde Menschen mit psychosomatischen Beschwerden unterstützen? „Warnzeichen können Schmerzen sein, die nicht weggehen, Einschränkungen der Stimmung, Verhaltensänderungen“, so Holländer. Statt schneller Ratschläge ist vor allem eines gefragt: echtes Interesse. „Nicht nur: Wie geht's dir?, sondern: Wie geht es dir eigentlich wirklich?“ Auf diese Frage folgt allzu oft das Bedürfnis, sich selbst zu schützen, schnelle Lösungen zu präsentieren. Doch hilfreich ist vielmehr das Eingeständnis von Hilflosigkeit: „Ich würde dir gerne helfen, ich weiß wirklich nicht, wie.“ 

Erste Schritte können sein, eigene Erfahrungen zu teilen, gemeinsam Wege zu finden oder sich – niedrigschwellig – etwa an Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen zu wenden. Auch kleine Techniken wie Tagebuchschreiben oder das Teilen von Podcastfolgen können den Einstieg erleichtern. Fest steht: Niemand muss erst „krank genug“ werden, um sich Unterstützung zu holen. Und Prävention beginnt dort, „wo du dich selber ernst nimmst, wenn es dir nicht gut geht“. 

Doch unsere Gesellschaft bleibt getrieben vom Wunsch nach Ausbildung, Effizienz, Optimierung. „Viele unserer Patientinnen sind hoch engagierte Menschen, die in der Gefahr stehen, sich selbst zu vergessen“, beobachtet Holländer. Das systemische Problem: „Unser System belohnt dieses Verhalten. Wer viel arbeitet, gilt erstmal als belastbar. Wer keine Krankheitstage hat, gilt irgendwie als robust.“ Aber oft sieht die Wirklichkeit innen ganz anders aus. 

Und manchmal – das zeigt das Beispiel einer Freundin der Host, die mit 40 einen Hörsturz erlebte und durch den Zwang zur Pause grundlegend in ihrem Leben reflektierte – kann im Nachhinein selbst das Leiden als Neustart gelesen werden. „Eigentlich war das vielleicht auch richtig gut, weil das viele Veränderungen für mich angestoßen hat.“ 

Klar, das sei eine hohe Kunst – im eigenen Leiden sofort den Sinn zu entdecken, sagt Holländer. Aber irgendwann komme für viele der Punkt, an dem sie sagen: „Irgendwie war das gut, dass ich gezwungen war zu reflektieren.“ 

Was bleibt, ist die Forderung nach einer ganzheitlicheren Sicht auf Gesundheit – gerade auch gesellschaftlich. Holländer spricht sich für mehr Gesundheitsbildung an Schulen aus, für ein politisches Bekenntnis und ein breiteres gesellschaftliches Bewusstsein. Denn psychosomatische Belastungen nehmen zu: „Alle gesellschaftlichen Entwicklungen werden in der psychosomatischen Medizin gespiegelt.“ Ob Pandemie, Social-Media-Trends oder die permanente Leistungsschraube – was draußen passiert, macht sich drinnen bemerkbar. 

Zum Schluss bleibt ein einfacher, nachdrücklicher Rat: „Sprich drüber. Mit jemandem, dem du vertraust.“ Du musst nicht alles sofort verstehen – aber du darfst dich ernst nehmen, auch bevor du zusammenbrichst. Und vielleicht ist die Bereitschaft, auf die Signale des Körpers zu hören, der erste Schritt zu einer Gesundheit, die Körper und Seele als das sieht, was sie sind – untrennbar miteinander verwoben.