
Am Anfang fühlt sich eine neue Beziehung manchmal außergewöhnlich intensiv an: Da ist jemand, der aufmerksam zuhört, ähnliche Interessen zu haben scheint und uns das Gefühl gibt, endlich ganz gesehen zu werden. Doch was passiert, wenn aus Nähe zunehmend Unsicherheit wird? Wenn Wertschätzung in Kritik kippt, eigene Grenzen immer weniger zählen und man sich selbst plötzlich nicht mehr vertraut?
In der neuen Folge von „VITAL: Der Gesundheits-Expertentalk“ spricht Moderatorin Clarissa Corrêa da Silva mit der Psychotherapeutin und Autorin Anne Johne über narzisstische Beziehungsmuster, emotionale Abhängigkeit und Wege zurück zu mehr Selbstbestimmung. Johne beschäftigt sich in ihrer therapeutischen Arbeit mit Menschen, die psychisch belastende und manipulative Beziehungserfahrungen gemacht haben.
Narzissmus ist kein Social-Media-Label
Der Begriff „Narzissmus“ ist im Alltag schnell verwendet: Menschen, die selbstbewusst auftreten, viel von sich erzählen oder gern im Mittelpunkt stehen, werden mitunter vorschnell als narzisstisch bezeichnet. Doch genau hier ist Differenzierung wichtig.
Nicht jede selbstbezogene, verletzende oder schwierige Verhaltensweise bedeutet automatisch, dass eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vorliegt. Eine Diagnose gehört in die Hände qualifizierter Fachpersonen. Im Podcast geht es deshalb vor allem um die Frage, wie sich Beziehungen anfühlen und entwickeln können, wenn Kontrolle, Abwertung, fehlende Verantwortungsübernahme oder emotionale Manipulation wiederholt eine Rolle spielen.
Anne Johne beschreibt, dass Betroffene ihre eigenen Wahrnehmungen in solchen Beziehungen häufig zunehmend infrage stellen. Sie versuchen, Konflikte zu entschärfen, passen sich an und hoffen, durch noch mehr Verständnis oder Rücksicht wieder zu der Nähe vom Anfang zurückzufinden.
Wenn Nähe in Unsicherheit kippt
Ein mögliches Muster, über das im Gespräch gesprochen wird: Die Beziehung beginnt sehr intensiv. Das Gegenüber wirkt besonders zugewandt, interessiert und verständnisvoll. Diese Phase wird häufig als „Love Bombing“ oder Idealisierung beschrieben – Begriffe, die im Netz zwar oft kursieren, aber nicht leichtfertig als Diagnose verwendet werden sollten.
Problematisch wird es, wenn auf große Nähe wiederholt Rückzug, Abwertung, Schuldzuweisungen oder unberechenbares Verhalten folgen. Betroffene erleben dann oft einen Wechsel aus Hoffnung, Anspannung und Enttäuschung. Statt sich sicher und angenommen zu fühlen, richten sie ihr Verhalten zunehmend danach aus, Konflikte zu vermeiden oder die Stimmung des anderen zu stabilisieren.
Ein wichtiges Warnsignal kann dabei die eigene innere Reaktion sein: Fühle ich mich nach Begegnungen überwiegend ruhig, respektiert und ich selbst? Oder bin ich häufig angespannt, erschöpft, verunsichert oder habe das Gefühl, ständig etwas falsch zu machen?
Warum Loslassen so schwer sein kann
Von außen klingt es oft einfach: „Dann trenn dich doch.“ Für Menschen in emotional belastenden Beziehungen ist dieser Schritt jedoch selten so unkompliziert. Anne Johne erklärt im Podcast, dass sich die wiederkehrenden Wechsel zwischen Zuwendung und Ablehnung stark auf das Erleben auswirken können.
Wenn auf Distanz oder Kränkung wieder eine Phase von Nähe, Entschuldigung oder Hoffnung folgt, kann das die Bindung sogar verstärken. Betroffene halten dann an der Vorstellung fest, dass es „wieder werden könnte wie am Anfang“. Gleichzeitig können Scham, Angst vor dem Alleinsein, finanzielle Abhängigkeit, gemeinsame Kinder oder das Umfeld den Ausstieg zusätzlich erschweren.
Wichtig: Dass jemand eine Beziehung nicht sofort verlassen kann, ist kein Zeichen von Schwäche. Häufig braucht es Zeit, Unterstützung und einen sicheren Rahmen, um die eigene Situation klarer zu sehen und wieder handlungsfähig zu werden.
Gaslighting: Wenn die eigene Wahrnehmung wankt
Ein Begriff, der in diesem Zusammenhang häufig fällt, ist Gaslighting. Gemeint ist damit ein manipulativer Umgang, bei dem eine Person die Wahrnehmung, Erinnerungen oder Gefühle des anderen wiederholt infrage stellt – etwa durch Sätze wie: „Das bildest du dir ein“, „Du übertreibst“ oder „Das habe ich nie gesagt.“
Wer solche Erfahrungen über längere Zeit macht, kann anfangen, sich selbst immer weniger zu vertrauen. Die Folge: Eigene Grenzen werden unsicherer, Entscheidungen fallen schwerer und das Gefühl für die eigene Realität gerät ins Wanken.
Nicht jeder Streit und nicht jede unterschiedliche Erinnerung ist Gaslighting. Entscheidend ist, ob sich ein wiederkehrendes Muster aus Abwertung, Verdrehung und Verunsicherung zeigt – und ob die betroffene Person dauerhaft darunter leidet.
Was Betroffenen helfen kann
Es gibt keinen einzelnen Schritt, der für alle passt. Doch Anne Johne macht im Gespräch deutlich, wie wichtig es ist, die eigene Wahrnehmung wieder ernst zu nehmen. Diese Impulse können dabei helfen:
Gefühle nicht kleinreden: Anhaltende Anspannung, Angst oder das Gefühl, sich selbst zu verlieren, sind wichtige Signale.
Erlebnisse festhalten: Notizen über Gespräche und Situationen können helfen, wiederkehrende Muster klarer zu erkennen.
Mit vertrauten Menschen sprechen: Eine außenstehende Perspektive kann entlasten – besonders, wenn sie nicht bewertet, sondern zuhört.
Grenzen konkret formulieren: Kurz, sachlich und ohne lange Rechtfertigungen. Nicht jede Diskussion muss gewonnen werden.
Unterstützung suchen: Psychotherapeutische Beratung, Frauenberatungsstellen oder spezialisierte Hilfsangebote können Sicherheit und Orientierung geben.
Bei akuter Gefahr handeln: Wer Gewalt, Bedrohung oder Stalking erlebt, sollte nicht allein bleiben und sich an Polizei, Hilfseinrichtungen oder das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ wenden.
Gerade wenn gemeinsame Kinder, rechtliche Fragen oder ein hohes Konfliktpotenzial eine Rolle spielen, kann professionelle Begleitung besonders wertvoll sein.
Selbstschutz beginnt mit dem Benennen
Eine belastende Beziehungssituation zu benennen, bedeutet nicht automatisch, den anderen Menschen zu verurteilen oder eine Diagnose zu stellen. Es kann zunächst schlicht heißen: Dieses Verhalten tut mir nicht gut. Meine Grenzen werden nicht respektiert. Ich brauche Unterstützung.
Anne Johnes zentrale Botschaft im VITAL-Podcast: Betroffene dürfen ihrer eigenen Wahrnehmung wieder mehr vertrauen. Wer sich über längere Zeit klein, verwirrt oder dauerhaft angespannt fühlt, muss damit nicht allein bleiben. Der erste Schritt kann sein, das Erlebte ernst zu nehmen – und Hilfe anzunehmen.
Anne Johne ist Autorin von „Der unsichtbare Käfig – gefangen in narzisstischen Beziehungen: Warum wir Narzissten verfallen und wie wir uns von ihnen lösen können“.
Mehr von Anne Johne:
Anne Johne ist psychologische Psychotherapeutin und Autorin. Sie beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit narzisstischem Missbrauch, emotionaler Abhängigkeit, Trauma-Bindungen und Wegen aus toxischen Beziehungen. Auf ihren Kanälen informiert sie über Narzissmus, toxische Beziehungsmuster, emotionalen Missbrauch, Grenzen und Wege aus emotionaler Abhängigkeit.
Website: annejohne.com
Instagram: @anne_johne_official
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