Glück entsteht im Kopf – Wie Beneficial Thinking unser Denken (und Leben) verändert

Bestsellerautorin Dr. Karella Easwaran erklärt im Gespräch, warum unser modernes Leben uns erschöpft – und wie wir unser Gehirn trainieren können, um wieder Glück, Freude und Gelassenheit zu spüren. Ihr Ansatz: Beneficial Thinking statt Dauerstress.

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Eine positiv gestimmte, zuversichtliche Frau.© Tom Merton / iStock
Beneficial Thinking löst Blockaden im Kopf und sorgt für ein unbeschwerteres Leben.

Kennt Sie das Gefühl, eigentlich alles zu haben – und trotzdem nicht wirklich glücklich zu sein? Während Sie funktionieren, rennen und immer weiter Ihre Listen abarbeiten, herrscht dennoch ein leises Rauschen im Kopf. Etwas Unruhiges, Unfertiges, das trotz eines objektiv sicheren und erfüllten Lebens immer wieder an Ihnen nagt. Wie kann das sein? Sind Menschen gebaut, um in Fülle trotzdem zu leiden? Oder fehlt einfach das richtige Werkzeug, um mit diesem modernen Überangebot umzugehen?

Genau um diese Fragen und Lösungen dreht sich das Gespräch zwischen Clarissa Corrêa da Silva und Dr. Karella Easwaran – Ärztin, Bestsellerautorin und Entwicklerin der Methode „Beneficial Thinking“. Sie zeigt, warum alle von Natur aus zum Unglücklichsein neigen – und wie Erkenntnisse aus Hirnforschung und Reflexion das Leben nachhaltiger, leichter und glücklicher machen können.

Warum sind wir trotz Komfort so gestresst?

Es ist eine beunruhigende Diagnose, die viele Menschen teilen – gerade in wohlhabenden, modernen Gesellschaften: Ständiger Stress, Erschöpfung, Unzufriedenheit. „Wir haben zu viele Informationen, wir haben zu viele Wertgegenstände, wir haben zu viele Ideen, wir haben zu viele Möglichkeiten. Es ist einfach zu viel für unser uraltes Gehirn,“ bringt Dr. Karella Easwaran das Problem auf den Punkt. Das Paradoxe: Je mehr wir besitzen und erleben, desto überforderter fühlen wir uns.

Wie kommt das?

„Unser Gehirn ist Hunderttausend Jahre alt und darauf ausgelegt, uns vor dem Tod zu beschützen – nicht, uns rundum glücklich zu machen,“ erklärt die Medizinerin. Gefahren erkennen, Stresshormone ausschütten, in hektischen Situationen kämpfen oder fliehen – dieses evolutionäre Mindset ist ständig aktiv. Doch die Gefahren unserer Zeit sind selten wirklich lebensbedrohlich: Der strenge Blick des Nachbarn, die rote Ampel, die defekte Kaffeemaschine, der kritische Chef. Kleine Nadelstiche im Alltag, die unser Nervensystem unentwegt auf Trab halten.

Unser Gehirn achtet auf alles, was “Gefahr” ist, was uns überfordert und reagiert mit einer Stressreaktion darauf.

— Dr. Karella Easwaran

 Die Folge: Unser Gehirn verkennt das Verhältnis von echter Gefahr zu harmlosen Störungen. Jeder Ärger-Moment wird zur vermeintlichen Lebensbedrohung, die sofort die Stressreaktion – das „Krokodil“ im Stammhirn – auf den Plan ruft. Easwaran nennt ein Beispiel aus dem Alltag: Eine Bekannte zählte sage und schreibe 37 Stressmomente an einem Tag, von missmutigen Blicken anderer bis zur defekten Kaffeemaschine. „Wenn man genau hinschaut, keiner von diesen Punkten ist lebensgefährlich. Aber diese Message erhält Gehirn. Und jedes Mal reagiert das Stresssystem, indem es Stresshormone ausschüttet.“ 

Diese unaufhörliche Ausschüttung von Stresshormonen schädigt langfristig den Körper: Das Immunsystem wird geschwächt, der Stoffwechsel leidet, das Gedächtnis arbeitet schlechter, Gereiztheit und Antriebslosigkeit machen sich breit. „Wir drehen uns im Kreis und irgendwann mal wird es so viel, dass wir einen Burnout haben. Wir haben keine Kraft mehr und das, was wir tun, gefällt uns nicht,“ warnt Easwaran. 

Das Haus im Kopf: Wie Beneficial Thinking unser Gehirn erklärt 

Doch Schulterzucken hilft wenig. Easwaran will aufklären – und das Werkzeug „Beneficial Thinking“ an die Hand geben. Grundlage ist dabei ein leicht verständliches, metaphorisches Modell: Das Gehirn als mehrstöckiges Haus. „Es gibt ein Schlafzimmer, es gibt eine Küche, es gibt ein Büro – und so ist das Gehirn auch aufgebaut,“ beschreibt sie. Unten im Keller wohnt das „Krokodil“: Das primitive, kämpfende Stammhirn, zuständig für Alarm, Flucht und heftige Gefühle. Daneben gibt es die „Eule“, Amy, die alles beobachtet und gespeichert hat, aber auch manchmal auf übertriebene Warnsignale springt.. 

Jede dieser Abteilungen hat einen Sinn – doch in der heutigen Welt übernimmt bei vielen Menschen das „Krokodil“ längst die Regie. Viele unserer Stressoren kommen aus erlernten Mustern, Erinnerungen aus der Kindheit, alten Glaubenssätzen („Du bist nicht gut genug“, „Mach das nicht“), vorgefertigten Annahmen aus Schule und Familie. Die Folge: Viele Automatismen laufen ab, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Erst wenn wir innehalten und – wie Easwaran ausdrückt – unser „Krokodil“ kennenlernen, können wir uns selbst wahrhaftig reflektieren. 

Jeder Gedanke hat einen Wert und das ist die neue Währung.

— Dr. Karella Easwaran

Selbstreflexion als Schlüssel: Der erste Schritt zum Glück 

Reflektieren, sortieren, Bewusstsein schaffen – so lauten die ersten, praktischen Ansätze der Beneficial Thinking Methode. Der Aha-Moment beginnt mit der Selbstbeobachtung: „Lern dein Krokodil kennen, weil wenn es nicht wach ist, ist alles okay.“ Dafür empfiehlt Easwaran kleine, aber nachhaltige Übungen: „Geh durch deinen Tag und überlege, an welcher Stelle hast du dich aufgeregt? Was war das für ein Moment? Wie kann ich das verbessern?“ Ziel ist es, inneren Automatismen auf die Spur zu kommen – und die Kategorien „lebensbedrohlich“ oder „nicht lebensbedrohlich“ ganz bewusst auseinanderzuhalten. 

Ohne Selbstreflexion, so Easwaran, bleiben wir im automatischen Stressmodus gefangen. Das große Versprechen ihrer Methode: Glück lässt sich wie ein Muskel trainieren. „Es ist wie Fahrradfahren lernen: Am Anfang fällst du runter. Aber du musst dran bleiben, mit jedem Versuch kommst du weiter.“ Besonders in einer Gesellschaft, in der Glück oft an Konsum, Freizeit oder Luxus gekoppelt wird, setzt Beneficial Thinking woanders an – an der bewussten Umdeutung der Gedankenmuster. 

 

Du bist wunderbar, Glück entsteht in dir. Glaub das erstmal und jetzt fang an dein Krokodil zu suchen.

— Dr. Karella Easwaran

Easwaran ermutigt ihre Leser und Patientinnen, die eigenen „Glückswege“ aktiv zu erforschen. Das ist Arbeit – aber sie lohnt sich. Denn: Selbst alltägliche Tätigkeiten, Bewegung, Musik, Licht oder das bewusste Empfinden einer schönen Kleinigkeit wirken wie ein Turbo für die Glückshormone. Ihre wichtigste Botschaft: „Arbeit ist der erste Weg, wie deine Gehirnzellen Dopamin produzieren, etwas tun. Arbeit ist der Ort, wo du Menschen triffst, wo du dich austauschst. Das ist auch gut.“ 

Dieser Fokus auf die eigene Gestaltungskraft bedeutet nicht, die Mühen oder Schmerzen des Lebens zu leugnen. Easwaran unterscheidet klar: Schicksalsschläge sind real und sollen nicht schöngefärbt werden. Doch der Großteil der Belastungen im Alltag ist durch Denkmuster, Reflexe und mangelhafte Selbstwahrnehmung verschärft. „Das Leben per se ist schwer. Es ist ein Wunder, dass wir alle leben, weil wir sind immer gefährdet. Aber es ist nur so lange schwer, bis du lernst, wie das geht.“ 

Vom Denken zur Praxis: Kleine Schritte – große Wirkung 

Doch wie sieht dieses neue Denken im Alltag konkret aus? Easwaran setzt auf sieben Schritte, die konsequent eingeübt werden sollen – wie beim Training eines Muskels. „Wenn ich gesund denke, mache ich mich schon damit sehr gesund. Ich tue damit sehr viel für mein Leben, weil der Gedanke eine chemische Reaktion auslöst.“ Stressig zu denken – etwa in Gereiztheit, Abwertung, Neid – schadet nachweislich Körper und Psyche. Der Schlüssel liegt für Easwaran in der gezielten Selbstwahrnehmung und im bewussten „Umpolen“ der Gedanken: Nicht das Außen, sondern das eigene Gehirn produziert langfristige Zufriedenheit. 

Einfache Gewohnheiten helfen, ins Tun zu kommen: Morgens am Fenster stehen und das Licht bewusst aufnehmen, Musik hören, soziale Kontakte pflegen, aber auch sich selbst für Erfolge bestätigen. Arbeit – so provokant das für manche klingt – wird bei Easwaran zur Glücksquelle: „Wenn du nicht arbeiten gehst, eine Tätigkeit ausübst, dann schrumpft dein Glücksweg, selbst wenn deine Familie reich ist und du alles hast, was du brauchst, du willst nicht erfüllt.“ Auch Routinen wie Notieren der eigenen Stressoren („warum hat mein Krokodil heute getobt?“) helfen zu differenzieren: Was aktiviert eigentlich meinen Stress? Wie kann ich diese Reiz-Reaktions-Kette durchbrechen? 

Am Ende steht ein Plädoyer – nicht für „positives Denken“ als rosarote Wunschwelt, sondern für „vorteilhaftes Denken“: Jeder Gedanke bekommt Gewicht: Ist er hilfreich, fördert er mein Wohlbefinden oder blockiert er mich? Diese Haltung wandelt auch die kollektive Stimmung: Wer weniger schimpft, weniger jammert, findet mehr Lösungen und erlebt häufiger echte Freude. „Die Gedanken sind eine Währung. Damit wirst du reich mit den richtigen Gefühlen.“ 

Easwaran lädt ein, ab heute mit der Selbstwahrnehmung zu starten – und den eigenen Selbstwert als Basis zu sehen: „Du bist toll, fang an dich in kleinen Schritten selbst wahrzunehmen. Das Tolle daran ist, dass du dir dadurch, dass du dich mit dir selbst und deinem Verhalten beschäftigst, dir selbst näherkommst und nicht abgelenkt von all dem, was es da draußen gibt, bist.“ Glück entsteht, wenn aus Wahrnehmung echte Veränderung wächst – im Kopf, im Alltag, im Leben.