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Ein abendlicher Blick in die sozialen Netzwerke: Mit einem einzigen Daumenwisch erscheinen sie. Versprechungen, die Glück versprechen, Schönheit versprechen – und schnelle Lösungen für all unsere Sorgen. "Fatburner vorher-nachher!", ruft ein Beitrag. "Detox-Tee, der Krebs verhindert!", verkündet der nächste mit glänzenden Hochglanzfotos. Innerhalb von Sekunden kann man einen Kauf abschließen – und merkt meist erst spät, dass außer leeren Taschen wenig bleibt. Willkommen im Zeitalter der Gesundheits-Scams – und auf der Bühne eines neuen Podcasts, der sich genau dieser Illusion annimmt.
Die Evolution der Gesundheitsversprechen
Alexander Friedrich, besser bekannt als "Alexikon", weiß genau, wie diese Maschinerie funktioniert. Mit satirischem Witz und schonungsloser Offenheit seziert der über eine Million Mal gefolgte Social-Media-Experte täglich jene Versprechen, die nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch den gesunden Menschenverstand der Nutzer gefährden. Doch bevor er das Spiel der Scam-Jäger begann, war auch für ihn das Überangebot an Fake-Produkten ein schleichender Prozess:
Diese klassischen Scam-Sachen gehen schon sehr lang zurück. Im Fitnessbereich gab es schon vor 20, 30 Jahren Produkte wie den Muscle Max 4000, auf deren Packung stand, dass du in vier Wochen 20 Kilo zunimmst – kompletter Quatsch natürlich, erzählt Alexikon.
Doch während sich Marketing-Taktiken und Produkte weiterentwickelten, wurden auch die Methoden raffinierter – und gefährlicher. Aus "Fatburnern" wurden "metabolische Aktivatoren". Vitamin C rückte plötzlich als Krebskiller in den Fokus, Zitronenwasser als Allheilmittel für Autoimmunerkrankungen. Was früher als abwegig galt, sickert heute als reißerischer "Tipp" in die Feeds der Teens, wird zur neuen, digitalen Volksmedizin.
Es ist kein wirkliches Medium da, um Leute abzuholen. Schwurbler machen es cooler als die, die wirklich Wissen promoten wollen.
Die Grauzonen des Marketings verschieben die Grenzen immer weiter. Produkte versprechen Effekte, die selbst Pharmaunternehmen kopfschüttelnd zurücklassen.
"Ein Fatburner kann niemals 5, 6, 7, 800 Kalorien am Tag verbrennen. Das schaffen selbst die dubiosesten Dinge da draußen nicht“, macht Alexikon klar. Wer genau hinsieht, merkt: Weder Regulationen – viele Begriffe wie "Fatburner" sind längst verboten – noch gesunder Menschenverstand halten Influencer und Marketinggenies davon ab, neues Terrain zu betreten.
Doch wo liegt der Ursprung dieser Entwicklung – und warum wirkt sie immer stärker auf die Verletzlichsten, auf Kinder und Jugendliche?
Informationsflut trifft Unsicherheit: Wie Social Media zur Hauptquelle wurde
Die Antwort darauf ist so simpel wie erschreckend: Social Media ist für viele zur primären, meist einzigen Informationsquelle über Gesundheit geworden. Besonders für junge Menschen, die nach Orientierung suchen – und sich häufig an der Oberfläche der schnellen Posts verlieren. Der Podcast-Host, selbst aktiv in der Medien- und Jugendbildung, spürt diesen Trend deutlich. Auch Alexikon sieht darin ein zentrales Problem:
Man hat eine Informationsflut und gerade junge Menschen können die Dinge noch nicht gut einordnen. Plattformen sind zu Hauptinformationsquellen geworden, das ist eine große Gefahr, weil Leute verkaufen wollen.
Doch warum erreichen die falschen Stimmen mehr Menschen? Die Antwort ist so alt wie das Spiel mit der Angst selbst. Negative, polarisierende Nachrichten verbreiten sich schneller als sachliche Aufklärung. Geschichten vom "bösen Pharmaunternehmen" haben größere Reichweite, als nüchtern präsentierte Fakten.
Mit genug Wortgewandtheit kann man selbst den größten Quatsch verkaufen.
Die neue Influencer-Generation hat ihre Rhetorik perfektioniert. Was früher plump war, kommt heute scheinbar wissenschaftlich daher. Es wird mit Studien argumentiert, die beim genauen Hinsehen aus dem Kontext gerissen oder auf Tierversuchen basieren. "Früher haben sie einfach behauptet, heute kommt irgendein Winkelargument: Ich habe hier eine Studie. Dann schauen wir, es ist eine Zellstudie, eine Beobachtungsstudie, irgendwas an den Haaren herbeigezogen", berichtet Alexikon.
Die Folge: Fake News werden zu gefühlten Wahrheiten – auch, weil etablierte Medien nicht frei von Fehlern sind. „Auch eine große Publikation kann eklatante wissenschaftliche Fehler machen.“ So entsteht das Klima der Verunsicherung, das der Branche in die Hände spielt.
Mit Fakten und Checklisten gegen den Scam – und den eigenen Zweifel
Was also tun? Der wichtigste Schritt, so Alexikon, ist die Entwicklung von Medien- und Informationskompetenz: "Wenn es verrückt klingt, ist es wahrscheinlich falsch – in alle Richtungen." Er empfiehlt: Auf Superlative achten, lernen, was Zell- oder Tierstudien bedeuten, Kausalität von Korrelation unterscheiden. Und: Immer die Quelle überprüfen.
Dabei könne auch künstliche Intelligenz hilfreich sein – etwa im Fakten-Check oder beim schnellen Überfliegen neuer wissenschaftlicher Studien. Doch selbst hier gilt: Ergebnisse kritisch hinterfragen, Modelle vergleichen, nicht alles für bare Münze nehmen, was der Algorithmus ausspuckt.
Beobachtungsstudien sind leider nicht wirklich aussagekräftig. Korrelation ist nicht gleich Kausalität.
Wer es lernt, zwischen Zellstudien, Humanstudien und Meta-Analysen zu unterscheiden, bekommt nicht nur ein Werkzeug gegen Fakes an die Hand, sondern auch mehr Gelassenheit. Denn vieles, was medial aufgebauscht wird, ist bei genauem Hinsehen längst von europäischen Regularien abgefedert: "Es gibt eigentlich nichts, was wir in Europa zu uns nehmen, was wirklich gravierend ist. Kein verrücktes Pestizid, kein Mikroplastik, keine Lebensmittel, die wirklich gefährlich wären. Wir sind sehr, sehr weit."
Doch das Hauptproblem bleibt die Stimmung: Alles wird als Bedrohung inszeniert, die Grauzonen verschwinden, Schwarz und Weiß dominieren. Gerade da müsse Aufklärung ansetzen – mit mehr Bildung, mehr Humor und weniger Angst.
Hier in die neue Podcast-Folge reinhören
Feindbilder, Shit-Sandwiches und der Ausweg
Ein zentrales Motiv im Narrativ der Social-Media-Gesundheitsszene: Feindbilder. "Das Einfachste, um Meinung zu generieren, ist Feindbilder aufbauen. Die Pharmaindustrie, das Gesundheitssystem: Der ist böse, der will dich vergiften. Aber Pharmakologie ist nicht das Gesundheitswesen", erklärt Alexikon die Mechanismen, die auch von eigenen Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem geprägt sind. Das System ist das Problem, nicht der Arzt – doch genau das wird systematisch ausgeblendet.
An einen weiteren Trick erinnert der Experte mit trockenem Humor: das Shit Sandwich. "Das gute alte Shit Sandwich: Man erzählt etwas Wahres, dann kommt kompletter Quatsch, dann wieder etwas Wahres – und auf einmal klingt auch der größte Unsinn plausibel." Mit rhetorischer Geschicklichkeit und einer ordentlichen Prise Eloquenz gelingt es, selbst die absurdesten Versprechen in eine scheinbare Logik einzubetten.
Die dunkle Seite: Je raffinierter die Rhetorik, desto schwerer lassen sich Betrug und Manipulation erkennen. Und es wird gefährlich, wenn gesundheitsgefährdende Substanzen, "Research Chemicals" oder unregulierte Peptide als vermeintlicher Longevity-Trend gehypt werden. Während "Naturschwurbler" oft vor allem mit Verzicht arbeiten, promoten andere tatsächlich den riskanten Medikamentenmissbrauch. "Das ist wirklich die Spitze des Eisbergs."
Die Lösung? Genau hinschauen, Wissen prüfen, diskutieren – und notfalls mit Humor entlarven. "Den einfachsten Räuber Hotzenplotz, der sagt, Zitronenwasser heilt Krebs, den einfach mal auslachen – so böse das klingt. Ein bisschen Scham und Schande, humoristisch verpackt, ist gar nicht so schlecht."
Selbstermächtigung statt Sozialer Watte
Alexikon bleibt dennoch optimistisch. Verbote hält er für das letzte Mittel, setzt auf Aufklärung und Empowerment: "Es gibt so viele Accounts, auch kleine Creator, die ganz tollen Content machen. Und am Ende zählt, wenn man es schafft, im eigenen Umfeld Wissen weiterzugeben. Humor hilft dabei, die Schärfe rauszunehmen und inspirierend zu wirken."
Wer sich also nicht mehr manipulieren lassen will, sollte mehrere Quellen prüfen, Zweifel zulassen – und bereit sein, eigene Irrtümer einzugestehen. "Wenn ihr merkt: Ich wurde über den Tisch gezogen, ist das okay. Dann war’s eine Erfahrung. Weitermachen!"
Fortschritt heißt, ständig zu lernen. Selbstkritik, Neugier und die Bereitschaft, Wissen zu hinterfragen, sind die nachhaltigste Waffe gegen Falschinformationen. So kann Wissenschaft als Prozess gedacht werden – und Social Media doch noch ein Ort für echte Aufklärung werden.


