Gesund beginnt im Mund - Mundmikrobiom im Gleichgewicht?

Migräne, Rückenprobleme, Herzrhythmusstörungen – was viele nicht ahnen: Der Ursprung kann im Mund liegen. Ganzheitliche Zahnärztin und Ayurveda-Medizinerin Dr. Annette Jasper erklärt, warum das orale Mikrobiom weit mehr ist als eine Frage der Zahnhygiene.

Gesund beginnt im Mund - Mundmikrobiom im Gleichgewicht?

Es klingt zunächst unglaublich: Ein Bandscheibenvorfall, der vom Zähneknirschen herrührt. Tinnitus, ausgelöst durch verspannte Kiefergelenke. Oder ein geschwächtes Immunsystem, dessen Wurzeln tief im Zahnfleisch verborgen liegen. Doch wer Dr. Annette Jasper zuhört, beginnt schnell zu verstehen, dass der Mund weit mehr ist als die Stelle, wo das Essen reinkommt. Er ist ein eigenes Ökosystem – vollgepackt mit Bakterien, die je nach Zustand entweder die beste Verteidigungslinie des Körpers sind oder ziemlich viel Ärger im ganzen Körper anrichten können.

Vom Löcherstopfen zur ganzheitlichen Medizin

Dr. Annette Jasper ist ganzheitliche Zahnärztin, Ayurveda-Medizinerin und Autorin gleich zweier Bücher zum Thema Mundgesundheit. Ihren Weg in die ganzheitliche Zahnmedizin beschreibt sie als eine Abfolge von Puzzlestücken, die sich über Jahrzehnte zusammengefügt haben. Schon im Studium in Göttingen fiel ihr auf, dass die klassische Zahnmedizin zwar handwerklich exzellent ausbildet – Fingergeschicklichkeit, Zahntechnik, medizinische Grundlagen –, aber die Zusammenhänge zwischen Mund und dem Rest des Körpers schlicht nicht auf dem Programm stehen.

Zwei Professorinnen, die damals bereits auf die Bedeutung von Kiefergelenken und Biss für die gesamte Körperstatik hinwiesen, hinterließen bei ihr einen bleibenden Eindruck. Während sich die meisten Kommilitonen nicht für das freiwillige Seminar interessierten, war Jasper fasziniert. Später absolvierte sie eine Fachausbildung in der Kieferorthopädie, ließ sich als Zahnärztin in München nieder und bildete sich kontinuierlich weiter – unter anderem durch eine Ausbildung in Akupunktur, für die sie auch eine Zeit lang in China war. „Mit der Akupunktur fing alles an", sagt sie. „Das war eigentlich so der Game Changer in meinem Leben."

"Es war mein Bestreben, wirklich immer meinen Patienten zu helfen, also wirklich, wirklich an die Ursache zu kommen und wirklich zu helfen und nicht nur so'n bisschen reparieren."

Den letzten entscheidenden Anstoß gab eine Krebsdiagnose vor knapp 14 Jahren. In dieser schweren Zeit vertiefte Jasper ihr Wissen über Ayurveda-Medizin und studierte sie systematisch. Seitdem verbindet sie in ihrer Münchner Praxis die klassische Zahnmedizin mit ganzheitlichen Ansätzen – und klärt Patientinnen und Patienten über Zusammenhänge auf, die in der konventionellen Ausbildung kaum eine Rolle spielen. Ayurvedische Therapiemaßnahmen bietet sie zusätzlich in Online-Trainings an, da das deutsche Gesundheitssystem eine gleichzeitige Zulassung als Zahnärztin und Ayurveda-Ärztin nicht vorsieht.

Bereits beim ersten Blick in den Mund eines Patienten nimmt Dr. Jasper eine Fülle von Informationen auf. Das Zahnfleisch verrät ihr den allgemeinen Gesundheitszustand: Ist es geschwollen, gerötet? Die Zunge gibt Auskunft über den Verschlackungszustand und die Verdauung. Schleifspuren an den Zähnen und Einbisse an der Zunge zeigen, wie viel Druck das Nervensystem des Menschen ausgesetzt ist. „Beißt er sich durch sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes durch sein Leben?", fragt Jasper – und meint das durchaus wörtlich.

Das orale Mikrobiom: Ein Ökosystem im Mund

Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die in uns und an uns leben – Bakterien, Viren, Pilze, Mikroben. Die meisten davon siedeln im Darm, gefolgt von den Schleimhäuten im Mundraum und der Haut. Das orale Mikrobiom, also die Mundflora, ist dabei kein isoliertes System. Es steht in direktem Austausch mit dem Darmmikrobiom – und damit mit dem Immunsystem. Denn im Darm werden 70 bis 80 Prozent der immunologischen Zellen gebildet.

Die Verbindung ist denkbar einfach: Alles, was in den Mund gelangt – Nahrung, Bakterien, Substanzen aus Zahnpflegeprodukten –, wird geschluckt und gelangt in den Darm. Wer also das Mundmikrobiom stört, stört über kurz oder lang auch das Darmmikrobiom und damit das Immunsystem. „Wenn wir ein gestörtes Mundmikrobiom haben, bekommen wir automatisch auch ein gestörtes Darmmikrobiom", erklärt Jasper. „Wir spüren's nur noch nicht."

"Wir töten die guten Bakterien ab und haben dann eigentlich einen Mundraum, ein Zahnfleisch und die gesamte Schleimhaut, die wirklich sehr empfindlich ist und gereizt ist."

Weniger ist mehr: Was gute Mundhygiene wirklich bedeutet

Hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis: Viele Menschen – besonders Frauen, wie Jasper beobachtet – glauben, sie müssten ihren Mund möglichst steril halten, fünfmal täglich putzen und mit desinfizierenden Mundspülungen arbeiten. Doch genau das schadet dem oralen Mikrobiom. Chemische Mundspüllösungen, Zahnpasten mit künstlichen Aromen, Tensiden, Konservierungsstoffen und Abrasivkörpern – all das stört die Mundflora und tötet auch die nützlichen Bakterien ab. „Mundspülungen braucht's überhaupt nicht", sagt Jasper klar.

Ihre Empfehlung für eine mikrobiomfreundliche Mundhygiene: Statt mehrfach täglichem „mal schnell drüber“, notfalls nur einmal täglich, dafür aber wirklich gründlich und konzentriert putzen – mit einer Zahnbürste und unbedingt auch mit Zwischenraumbürstchen oder Zahnseide. Die Zahnpasta sollte biologisch sein, frei von Chemie, dafür reich an pflegenden Substanzen wie Kokosnussöl, Kamille, Salbei, Thymian, Neem oder Weihrauch. Fluorid, so Jasper, brauche die Zahnpasta nicht. Zwar härte Fluorid nachweislich den Zahnschmelz, sammle sich aber auch im Körper an – etwa in der Zirbeldrüse, wo es Enzymaktivitäten verändere. Karies entstehe letztlich nicht durch fehlende Fluoridierung, sondern durch mangelnde Pflege und falsche Ernährung. Ergänzend empfiehlt sie das ayurvedische Ölziehen: Öl wird morgens im Mund hin und her bewegt, bindet dabei Giftstoffe und Keime, regeneriert gleichzeitig die Schleimhäute – und wird anschließend ausgespuckt. Ein Zungenschaber rundet die Pflegeroutine ab.

"Jeder Zahn ist wirklich ein Organ – über Blutgefäße, über Nervenbahnen und über Lymphgefäße mit dem Körper verbunden."

Auch die Frage, wie oft eine professionelle Zahnreinigung sinnvoll ist, beantwortet Jasper differenziert. Die pauschale Empfehlung von zweimal jährlich treffe für viele zu – aber nicht für alle. Wer seine Zähne sehr gründlich pflegt, brauche vielleicht nur einmal im Jahr oder seltener zur Reinigung. Wer hingegen Zahnseide und Zwischenraumbürstchen nie benutzt, viele Nischen und Implantate hat, profitiere von vier- oder sogar fünfmal jährlich. Entscheidend sei zudem, ob die Reinigung mit natürlichen oder chemischen Produkten durchgeführt wird – denn auch die professionelle Zahnreinigung kann das Mikrobiom stören, wenn sie mit aggressiven Substanzen arbeitet.

Ein wichtiges Warnsignal für Laien: Blutet das Zahnfleisch beim Verwenden von Zahnseide oder Zwischenraumbürstchen, stimmt etwas nicht. Hört die Blutung nach zwei bis vier Tagen konsequenter Pflege nicht auf, sollte ein Zahnarzt aufgesucht werden. Raucher hingegen haben dieses Frühwarnsystem oft nicht – weil die Durchblutung im Zahnfleischbereich durch das Rauchen ohnehin reduziert ist und es deshalb häufig gar nicht blutet, selbst wenn eine Entzündung vorliegt.

Wenn der Zahn zum Herd wird: Statik, Stress und tote Organe

Neben dem Mikrobiom gibt es einen zweiten Weg, über den die Zähne die Gesundheit des gesamten Körpers beeinflussen: die Statik. Wer über Jahre und Jahrzehnte mit den Zähnen presst und knirscht – oft unbewusst, oft nachts –, verändert den Muskeltonus im Kaubereich. Dieser Druck pflanzt sich fort: in die Nackenmuskulatur, die Kopfmuskulatur, die Rückenmuskulatur. Die Folgen können Bandscheibenvorfälle sein, Druckgefühl auf den Ohren oder Tinnitus. Das Knirschen selbst ist dabei meist Symptom eines tieferliegenden Stressmodus – der Körper befindet sich dauerhaft im Sympathikusmodus, im Fluchtmodus.

Besonders eindringlich warnt Jasper vor wurzelbehandelten Zähnen, die im Volksmund oft als harmlose Lösung gelten. Tatsächlich sind wurzelbehandelte Zähne tote Zähne – und tote Zähne sind tote Organe. Sie können von außen makellos aussehen, vielleicht sogar mit einer schönen Krone versehen sein. Doch in ihrem Inneren sammeln sich Keime und Bakterien an, die kontinuierlich in den Körper abgegeben werden und das Immunsystem dauerhaft beschäftigen. Nicht umsonst, so Jasper, schicken Kardiologen, Orthopäden und Onkologen ihre Patienten vor größeren Eingriffen oder Chemotherapien zum Zahnarzt – um Zahnherde und Entzündungen im Mundraum auszuschließen. Wer trotz guter Ernährung, Sport und Nahrungsergänzungsmitteln immer wieder krank wird oder sich chronisch erschöpft fühlt, sollte laut Jasper unbedingt auch seine Zähne ganzheitlich checken lassen – idealerweise mit einer dreidimensionalen Röntgenaufnahme oder einer Cavitaumessung per Ultraschall, die Entzündungsherde im Kieferknochen noch früher sichtbar macht als herkömmliche Röntgenbilder. Denn der Mund, das ist Jaspers zentrales Anliegen, ist kein isoliertes Körperteil. Er ist das Eingangstor – und wer ihn versteht, versteht ein Stück weit den ganzen Menschen.

Häufige Fragen

Wie kann ich mein Mikrobiom im Mund wiederherstellen?

Um Ihr Mikrobiom im Mund wiederherzustellen, sollten Sie auf desinfizierende Mundspülungen und Zahnpasten mit künstlichen Zusätzen verzichten, da diese die Mundflora stören und auch nützliche Bakterien abtöten können. Stattdessen empfiehlt sich eine gründliche, aber nicht übermäßige Zahnpflege mit einer biologischen Zahnpasta, die pflegende Substanzen wie Kokosnussöl, Kamille, Salbei, Thymian, Neem oder Weihrauch enthält. Ergänzend kann das ayurvedische Ölziehen sowie die Verwendung eines Zungenschabers helfen, die Schleimhäute zu regenerieren und das orale Mikrobiom zu unterstützen. "Chemische Mundspüllösungen, Zahnpasten mit künstlichen Aromen, Tensiden, Konservierungsstoffen und Abrasivkörpern – all das stört die Mundflora und tötet auch die nützlichen Bakterien ab."

Wie oft sollte man professionelle Zahnreinigung machen lassen?

Wie oft eine professionelle Zahnreinigung sinnvoll ist, lässt sich nicht pauschal beantworten, sagt Jasper. Die oft genannte Empfehlung von zweimal jährlich passt für viele Menschen, aber nicht für alle: Wer seine Zähne sehr gründlich pflegt, kommt eventuell mit einmal im Jahr oder seltener aus. Wer dagegen nie Zahnseide oder Zwischenraumbürstchen nutzt und viele Nischen oder Implantate hat, profitiert von vier- oder sogar fünfmal jährlich.

Was bedeutet es, wenn das Zahnfleisch beim Zähneputzen blutet?

Blutendes Zahnfleisch beim Zähneputzen ist ein wichtiges Warnsignal dafür, dass etwas nicht stimmt. Hört die Blutung nach zwei bis vier Tagen konsequenter Pflege nicht auf, sollten Sie einen Zahnarzt aufsuchen. Bei Raucherinnen und Rauchern funktioniert dieses Frühwarnsystem oft nicht, da die Durchblutung im Zahnfleischbereich durch das Rauchen reduziert ist – es blutet dann häufig trotz vorliegender Entzündung nicht.

Braucht Zahnpasta Fluorid?

Nach Einschätzung der Expertin Jasper braucht Zahnpasta kein Fluorid. Fluorid härtet zwar nachweislich den Zahnschmelz, sammelt sich aber auch im Körper an, etwa in der Zirbeldrüse, wo es Enzymaktivitäten verändert. Karies entsteht demnach nicht durch fehlende Fluoridierung, sondern durch mangelnde Pflege und falsche Ernährung. Stattdessen empfiehlt sie eine biologische Zahnpasta mit pflegenden Substanzen wie Kokosnussöl, Kamille, Salbei, Thymian, Neem oder Weihrauch.

Welcher Tee tötet Bakterien im Mund ab?

Grüner Matcha-Tee hält die Bakterien in Schach, die Parodontitis fördern. Diese Wirkung wurde von der Nihon University School of Dentistry untersucht. Wer also Zahnfleischproblemen vorbeugen möchte, kann mit einer Tasse Matcha-Tee gleich doppelt profitieren. Mehr dazu: Entspannung trinken: "Machen Sie mit beim Tea-Time-Trend"

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