19. April 2011
Mit Sport aus der Krise

Mit Sport aus der Krise

Kann Bewegung bei einer Lebenskrise helfen? Eindeutig ja, sagen diese fünf Frauen. Sie haben den Sport (wieder) entdeckt, dadurch neue Kraft geschöpft und sich ihr Leben zurückerobert. Plus: Eine Diplom-Psychologin erklärt das Phänomen.

Tanja Kordys
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Tanja Kordys

„KEIN TRAINING – DA WAR ICH NICHT MEHR ICH SELBST“
TANJA KORDYS, 36, aus Frankfurt half ihr gewohntes Triathlontraining, eine schwere Wochenbett-Depression zu überwinden

Vor der Geburt meines Sohnes Konstantin hatte ich ab der 25. Woche Wehen und dann eine Schwangerschaftsvergiftung, danach zwei Operationen. Mir ging es immer schlechter. Mein Leben hatte sich komplett geändert, mir fehlte vor allem mein Training. Ich habe immer viel Sport getrieben und mit meinem Mann, er ist Leistungssportler, einige Triathlons absolviert. Nach der Entbindung war Sport unmöglich, und mein Baby-Blues wuchs sich zu einer schweren Wochenbett-Depression aus. Ich wollte nichts essen, habe stundenlang geweint und den Haushalt liegen lassen. Hilfe fand ich endlich bei einem Osteopathen. Sein Befund: Ein Beckenschiefstand und die schwere Geburt hatten Wirbelsäule und Hirnanhangsdrüse beeinträchtigt, die Hormonproduktion war gestört. Und durch den Trainingsabbruch wegen der vorzeitigen Wehen fehlten die gewohnten Endorphine. Er rückte meinen Körper wieder gerade und „verordnete“ Ausdauertraining. Schon bald trainierte ich fast täglich bis zu zwei Stunden. Konstantin kam oft im Babyjogger mit, am Wochenende kümmerte sich mein Mann um ihn, und ich absolvierte lange Radeinheiten. Langsam bekam ich das Gefühl, wieder ich selbst zu sein. Die Depression wurde schwächer. Ganz verschwunden ist sie erst, als Konstantin zehn Monate alt war – und ich wieder schwanger. Mein Sportpensum habe ich in der zweiten Schwangerschaft langsam reduziert und acht Wochen nach Helenes Geburt wieder mit langsamen Läufen begonnen.

Sport ist natürlichste Behandlung
Das sagt die Diplom-Psychologin Gabi Ingrassia (www.ingrassia.de)

Tanja Kordys
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Tanja Kordys

Sport ist der natürlichste Weg, viele psychische Krankheiten zu bewältigen. Tanja Kordys hat vor der ersten Geburt viel trainiert und musste von 100 auf Null runter schalten - das kommt einer Vollbremsung gleich. Während einer Schwangerschaft gilt es, moderater und anders zu trainieren - so wie in der zweiten Schwangerschaft. Zudem hatte sie mit ihrem ersten Kind einen sehr schwierigen Start ins gemeinsame Leben. Dann ist es für eine Mutter sehr wichtig, sich einen Ausgleich schaffen, um die neue Herausforderung gut bewältigen zu können. Das bedeutet: Neben dem „Ausgeben von Energieeinheiten für andere“ (auch für Kinder) sollte man auch für die eigene Erholung sorgen. Für die allermeisten Menschen wirkt Sport regenerativ und heilsam.

„SONST WÄRE ICH ZERBROCHEN“

Alexandra Glas
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Alexandra Glas: "Meine Personaltrainierin redete mir meine 'Problemzonen' aus."

UTA ABT, 49, aus Berlin fand Kraft und Trost bei Yoga und Pilates, als ihr Mann krank wurde und starb

Mein Leben änderte sich von jetzt auf gleich. Unsere Kinder waren 10 und 13 Jahre alt, als 2004 bei meinem Mann eine Herzkrankheit diagnostiziert wurde. Die OP überstand er gut, aber er blieb krank, antriebslos und leicht depressiv. Der ständige Fokus auf ihn kostete viel Energie. Nach einem Jahr konnte ich meine Akkus nicht mehr aufladen. Das sah man mir an: eine schlechtere Körperhaltung, ich lachte kaum noch. Über zehn Jahre hatte ich keinen Sport getrieben, aber jetzt brauchte ich die körperliche Anstrengung, um abschalten zu können. Ich begann mit Yoga und Pilates, erst einmal, dann zwei- bis dreimal pro Woche. In diesen Auszeiten holte ich mir die Energie, die ich daheim an meine Familie weitergab. 2008 starb mein Mann überraschend. Eine Psychotherapie, um die Trauer zu verarbeiten? Ohne mich. Mein Training war meine Therapie, die hat mich im wahrsten Sinne aufgerichtet. Man sagt, dass links im Körper die Emotionen wohnen – Übungen mit der linken Seite fielen mir plötzlich viel schwerer oder Tränen flossen. Ich spürte, wie Körper und Seele zusammengehören und wie sehr ich mein eigenes Ich aufgegeben hatte, um für Familie und Job zu funktionieren. Heute sehe ich manchmal in der Entspannungsphase zwei Regentropfen, die im Sonnenschein tanzen, als ob sich zwei Seelen begegnen. Es klingt spooky, aber das ist wie eine tröstende Begegnung mit meinem Mann, nur leicht und schmerzfrei.

Per Sport bei sich selber landen
Das sagt die Pilates-Trainerin Sarka Hildebrandt von den Berliner „wohlfühlern“ (www.diewohlfuehler.de)

Sowohl Pilates als auch Yoga lenken den Fokus auf das körperliche und mentale Zentrum des Menschen - im Pilates aufs Powerhouse, im Yoga aufs Bauchnabel-Chakra. Dieses „Bauchgefühl“ spürt man plötzlich, wenn man sich mit dem Körper auseinandersetzt. Man lernt, bei sich selber zu landen und entwickelt ein neues Körperbewusstsein, das die Gefühle mit einschließt. Für Uta Abt war es sicherlich hilfreich, dass sie seit Jahren bei mir trainiert und somit eine Vertrauensperson hat, die individuell auf sie eingehen kann und auch nach der Stunde noch für ein Gespräch da ist.

Tina Müller
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Tina Müller: "Früher missbrauchte ich den Sport zum Abhehmen. Heute trainiere ich fürs Wohlbefinden - und wiege gesunde 54 Kilogramm."

ALEXANDRA GLAS, 36, aus München macht Sport, um ihr Leben nach einer Scheidung umzukrempeln

Die Entscheidung traf ich vor drei Jahren über Nacht: Trennung. Obwohl ich von meinem Mann als Angestellte in seiner Firma abhängig war. Ewig stritten wir danach um Haus, Geld und das Sorgerecht für unsere damals dreijährige Tochter. Der Scheidungskrieg lähmte mich und bescherte mir Depressionen. Vor einem Jahr wurden wir endgültig geschieden. Was jetzt? Karriere wollte ich machen, reisen, nicht mehr rauchen, ein neues Leben beginnen. Aber wie sollte ich mich aufrappeln? Ein Gedanke half mir: Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper. Und ich hatte mich und meinen Körper lange vernachlässigt. Sport muss te her! Aber Studios mag ich genauso wenig wie Gruppentraining. Ich versuchte es mit Joggen. Zu wenig Kondition. Mit Schwimmen. Zu langweilig. Dann elektrisierte mich eine Idee: Ich brauche jemanden, der mich individuell unterstützt. Eine Personal Trainerin! Seit einigen Monaten trainiere ich alle zwei bis drei Wochen mit ihr, und sie gibt mir einen Plan für die Zeit dazwischen. Sie schafft es immer wieder, mich zu motivieren. Bei Übungen wie der Beckenschaukel spüre ich deutlich, wie ich Energie bekomme. Für den gesunden Geist hat die Trainerin meine Glaubenssätze umprogrammiert. Einer lautet: Ich erlaube mir, Selbstvertrauen zu sein. Nicht haben, sondern sein! Dieser Satz wirkt bei Stress wie eine Meditation, schenkt mir Zuversicht und verhindert, dass ich wieder rauche.

Sport als Drehknopf fürs Leben

Das sagt die PREMIUM Personal Trainerin Katja Sterzenbach (www.katjasterzenbach.com)

Sport ist ein Drehknopf für unser Leben. Vollkommene Ruhe bedeutet Stillstand - Bewegung bringt Veränderungen mit sich. Oder anders ausgedrückt: Wenn wir immer die gleichen Dinge tun, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn sich nichts ändert. Love it, leave it or change! Das spürt Alexandra Glas gerade sehr deutlich. Dabei beginnt sie erst, ihre Selbstzweifel ad acta zu legen und ihr wirkliches Potenzial zu erkennen. Als Sport-Wiedereinsteigerin hat sie nun eine erste „Gebrauchsanweisung“ für Körper und Wohlbefinden. Jetzt geht es darum, Bewegung langfristig als Stellschraube ins Leben zu integrieren. Dabei helfen positive Glaubenssätze, die in Unterbewusstsein und Körperzellen verankert werden und unser Denken und Handeln bestimmen. Per kinesiologischem Muskeltest programmiere ich ihren Autopiloten quasi neu, so dass er automatisch Kraft und Energie gibt. So wird aus einem „Ich kann nicht“ ein „Ich schaffe alles, was ich will“. Dieses neue Selbstvertrauen wirkt nicht nur im Sport, sondern auf allen Ebenen - in der Eigenwahrnehmung, im Job, in der Beziehung oder beim Rauch-Stop. Nach dem Motto: Das Leben darf leicht sein und Spaß machen.

„MEIN KÖRPERGEFÜHL WAR GESTÖRT“

Maud Sicking-Richter
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Maud Sicking-Richter: "Am Ende wusste ich: Wenn ich diese Strapaze schaffe, kann ich nicht mehr krank sein!"

TINA MÜLLER, 28, aus München stemmte Gewichte, um ihre Magersucht zu überwinden

Mit 16 wog ich 32 Kilo. Meine Ärztin sagte, ich hätte noch eine Woche zu leben. Mit dem Essen hatte ich vier Jahre zuvor aufgehört. Damals war ich moppelig, der Sportlehrer lästerte. Da starb mein Opa, aus Trauer aß ich über die Sommerferien kaum was. Plötzlich bekam ich Komplimente! So rutschte ich in die Magersucht. Mit 13 kam ich in eine Klinik und zwang mich aus Heimweh zum Essen. Mit 15 der Rückfall, Klinikaufenthalte mit Sportverbot und Abhöranlagen folgten. Die Magersucht blieb. Meine Mutter saß daneben, als die Ärztin mir ihre Prognose hinknallte – und bekam einen Nervenzusammenbruch. Der rüttelte mich wach, ich nahm zehn Kilo zu. Aber im Gegenzug trainierte ich übermäßig. Alle Gedanken kreisten um die Kalorien, die ich mit Ausdauertraining verbrennen wollte. Erst dank meines Freundes besserte sich mein Verhältnis zu Ernährung und Sport. Nach unserer Trennung ging’s mir mies, aber ich wusste, noch ein Rückfall ist tödlich. Der Rat meiner neuen Fitness-Trainerin: Kraft statt Ausdauer und Ernährungsumstellung statt Diät. Erst war ich skeptisch, dann stimmte ich zu. Heute brauche ich keinen Zuspruch von außen mehr, um mich und meinen Körper zu lieben.

Sport als soziales Auffangnetz
Das sagt die Trainerin und Kurs-Koordinatorin Steffi Schadow von Fitness First

Für Magersüchtige wie Tina Müller ist es unheimlich schwer, „normal“ zu essen und sich gleichzeitig NICHT zu bewegen. Die Angst vor der Gewichtszunahme ist zu groß. Es kann helfen, eine gesunde Nahrungsaufnahme mit maßvollem Training zu kombinieren und dabei vor allem auf Muskelkräftigung und Eiweißzufuhr zu setzen, um den Körper zu formen. Dabei zählt vor allem der soziale Faktor - mittels kontinuierlicher Trainings-Betreuung haben die Betroffenen das Gefühl, mit ihrem Problem nicht mehr alleine da zu stehen. Für ihren unermüdlichen Kampfgeist ist Tina Müller von Fitness First jüngst sogar mit dem „New You Achievement Award“ ausgezeichnet worden.

„ICH MUSSTE ETWAS FÜR MICH ALLEIN TUN“
MAUD SICKING-RICHTER, 71, aus Düsseldorf wanderte 800 Kilometer, um den Krebs hinter sich zu lassen

Die Erkenntnis überkam mich kurz nach der Brustkrebs-Therapie bei einem Tandemgleitschirmflug: Zum ersten Mal hatte ich etwas nur für mich getan. Bis dato hatte ich mich um acht Kinder und zwei Ehemänner gekümmert. War das der Grund für meine Krankheit? Klar war: Ich musste was für mich tun. Das „Wie“ ergab sich beim Vortrag eines Sportwissenschaftlers: Für eine Studie wollte er zwölf Brustkrebspatientinnen auf den Jakobsweg schicken. Da musste ich mit! Im April 2008 marschierten wir los. Doch nach drei Tagen merkte ich: Ich muss diesen Weg für mich gehen. Also zog ich das Tempo an und ließ die Gruppe zurück. Allein lernte ich wundersame und wundervolle Menschen kennen. Besonders beeindruckte mich ein zerzauster Typ. Sein Credo: Willst du Kraft tanken, musst du den ganzen Weg gehen. Daran dachte ich bei anstrengenden Etappen, die ich am liebsten per Anhalter abgekürzt hätte. Unterwegs habe ich geredet, gelacht, geweint und geschrien. Nach 42 Tagen erreichte ich Santiago. Dort lief mir ausgerechnet der Zausel wieder über den Weg, und wir fielen uns weinend in die Arme. Ich fühlte mich befreit vom Druck und der Frage, warum ich Krebs hatte.

Dank Sport zum positiven Selbstbild
Das sagt der Sportwissenschaftler Dr. Freerk Baumann von der Deutschen Sporthochschule Köln

Nach einer schweren Erkrankung haben Patienten oft das Gefühl, der eigene Körper habe sie im Stich gelassen. Viele landen in einem Teufelskreis aus körperlicher Passivität, daraus folgenden Bewegungsmangelerkrankungen und weiterem Selbstvertrauensverlust. Sport kann das Vertrauen wieder aufbauen. Das Ziel: die Krankheit akzeptieren, Mut und Lebenskraft schöpfen. Genau das hat Maud Sicking- Richter auf ihrem Weg gefunden - dank der intensiven Erfahrung der Jakobsweg-Wanderung hat sie ihre eigenen Grenzen verschoben und ihr negatives Selbstbild auf den Kopf gestellt. Eine lange Wanderung ist nur EINE Lösung, denn DEN „gesunden“ Sport gibt’s nicht. Gefragt sind Eigeninitiative, ein guter Bewegungstherapeut und eine Sportart, die vor allem Spaß macht und herausfordernd ist, so dass man sich nach und nach steigern kann, um das Vertrauen wiederzufinden.

Interview: Sport „verstoffwechselt“ fast jedes Problem
Die Münchner Diplom-Psychologin Gabi Ingrassia verlegt Therapiestunden oft für eine Laufrunde in den Park

VITAL: Joggen statt Couch – wie funktioniert das? Gabi Ingrassia: Manche Menschen sitzen buchstäblich auf ihren Problemen. Beim Sport kommen die Dinge in Bewegung, und meiner Erfahrung nach erreichen Patienten deutlich schneller deutlich mehr Veränderungen. Dabei mache ich als Therapeutin nicht mehr als im Sitzen, das Gespräch findet eben nur im Laufen statt. Ganz im Sinne von „double your time“ können Patienten das eine mit dem anderen verquicken und zudem Zeit sparen.

Was bringt das für die Betroffenen? Ähnlich wie bei der EMDR-Methode (zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen), bei der die Augen bewegungen physiologisch beruhigend wirken sollen, hat auch Sport etwas Meditatives. Er stoppt ständiges Wieder käuen der Gedanken und problemorientiertes Denken. Stress oder Angst werden psychisch verstoffwechselt – das ist für die Seele extrem heilsam. Und nicht nur das: Das Gehirn wird besser durchblutet, wir werden kreativer und kommen schneller auf neue Ideen. Obendrein bescheren einem die körpereigenen Endorphine ein besseres Gefühl nach dem Training.

Das ist in Krisenzeiten dringend nötig. Welcher Sport hilft am besten? Das hängt vom Typ ab und von der individuellen Situation. Grundsätzlich sollte das Training vor allem Spaß bringen. Manche brauchen beim Sport die Konzentration, wie z.B. beim Yoga, Tai-Chi oder Golf, andere die Anstrengung wie beim Ausdauertraining. Laufen ist bei Stress eine wahnsinnig vorteilhafte Sportart: Während einer Krise kann es helfen, mindestens zweimal in der Woche oder vielleicht sogar jeden Tag 30 bis 60 Minuten zu laufen. Bei autoaggressiven Erkrankungen wie Schmerzen und Krebs kann das Auspowern bei einem Kampfsport oder bei schnelligkeitsorientierten Sportarten hilfreich sein. Burnout-Betroffene und Magersüchtige sollte man dagegen eher zum Innehalten motivieren.

Und die viel beschworene Entspannung? Entspannung ist ad hoc oft schwer herzustellen und macht den Kopf nicht frei – man bleibt auf seinen negativen Gefühlen sitzen. Bei Psychotikern kann Entspannung sogar die Symptome verschlimmern.

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