7. Februar 2010
Klettertipps für Anfänger

Klettertipps für Anfänger

Klettern ist das perfekte Training für den Rücken, denn es bringt Kraft und Körpergefühl. VITAL-Autorin Michaela Rose ging für uns die Wände hoch

© jalag-syndication.de

In der Vertikalen die eigenen Grenzen verschieben – das lockte mich und meine journalistische Neugier zur Kletterrückenschule in die Berliner Kletterhalle „Magic Mountain“. „In der klassischen Rückenschule hat man früher das rückenfreundliche Heben gelernt“, erklärt Grischa Neubert.

Interview: "Die Sinne anschalten"

Diplomsportwissenschaftler und Klettertherapeut Grischa Neubert über die Vorzüge des Aufsteigens

  1. Warum Klettern als Rückenschule? Klettern ist Körpererfahrung: Ich schalte meine Sinne an, um Kraft zu sparen. Das kann ich auf den Alltag übertragen und ein rückengesundes Verhalten fördern. Viele Menschen spüren ihre Sinne kaum noch, verlassen sich einzig auf den Schmerz als Feedback.
  2. Ist Klettern besser als Krafttraining? Es ist einfach anders. Zusätzlich zur Kräftigung wird der ganze Körper in Anspruch genommen, und ich muss mich permanent an wechselnde Belastungen anpassen. Das verbessert Wahrnehmung, Bewusstsein und Körperkontrolle.
  3. Für wen ist Klettern geeignet? Als präventives Angebot für Leute ohne akute Beschwerden. Die Rotationsbewegungen beim Klettern mag eine beschädigte Bandscheibe nicht unbedingt. Das sollte ein Arztbesuch vorher auf jeden Fall ausschließen.

Kletterschulen finden Sie unter: www.climbing.de, www.alpenverein.de

„Heute bringen wir den Teilnehmern viel komplexere Situationen über den einfachen Weg des Kletterns bei, die sie dann auf ihren Alltag übertragen können.“ An der Wand geht es eben um mehr als nur das schnöde Bücken aus den Knien. Arme und Beine sind permanent in Bewegung, die Körperhaltung verändert sich dauernd, die Belastung muss ständig neu austariert werden. Man spürt den Körper in anderen Dimensionen.

Das Déjà-vu erwischt mich an der Kletterwand in fünf Meter Höhe: Als Kind war kein Baum vor mir sicher, überall musste ich partout raufklettern. Nur runter mochte ich nie – ich wollte einfach nicht loslassen. Nur sitze ich jetzt in keiner bequemen Astgabel, sondern hänge an der senkrechten Wand, gesichert nur durch ein Seil. Umgeben von bunten Knubbeln in unterschiedlichsten Formen. An zweien klammern sich meine Finger fest, auf zwei weiteren balancieren meine Fußspitzen. Ich will hier runter – aber wie? „Lass einfach los“, fordert Kletter-Experte Grischa Neubert fünf Meter unter mir. Macht der Mann Witze? Wie bin ich hier oben nur gelandet?

Hangel-Partie

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À la Strandkrabbe geht es vor dem Aufstieg erst mal seitlich an der Wand entlang.

Hangel Partie

Für mich reicht zunächst die Komplexität der Horizontalen. Knapp über dem Boden und geschützt von Matten, darf ich mich im waagerechten Entlanghangeln wie eine Krabbe an der Wand üben – dem sogenannten „Bouldern“. Ich befühle die unterschiedlichen Griffe, setze meine Füße auf die Tritte. Schnell machen die Hände schlapp. Neuberts Tipp: „Du beugst die Arme zu stark – mach sie lang und bring die Hüfte an die Wand, um Kraft zu sparen.“ Prima! Mit dosiertem Krafteinsatz wird’s deutlich leichter. Im übertragenen Sinne: So etwas schätzt wohl auch jede Bandscheibe. Zu viel Kraft an der falschen Stelle hebelt sie dagegen schnell aus.

Vertikales Krabbeln

Vertikales Krabbeln

Meine zweite Aufgabe: Aus einer Position an der Wand soll ich vorhersagen, welchen Griff ich mit einer einzigen Kletteraktion erreichen möchte. Den anvisierten Ziel-Knubbel schaffe ich mit einem mutigen Hechtsprung in die Höhe. Die Kritik: zu gefährlich und zu uneffektiv. Elegant turnt Grischa Neubert mir seinen Trick vor und erläutert: „Klettern ist wie Krabbeln – man bewegt abwechselnd z. B. das rechte Bein und den linken Arm.“ Tatsächlich komme ich viel höher, wenn ich meine vier Gliedmaßen gezielter einsetze und die Beinkraft nutze. Der Aha-Effekt: „Körperbewusstsein“ und „Koordination“ lauten die Zauberworte, die dem Rücken das (Alltags-)Leben erleichtern. Mit diesem Know-how nimmt unser Rücken auch andere Belastungen nicht mehr so krumm. Deshalb werden in der Kletterrückenschule, die übrigens einige Krankenkassen bezuschussen, auch anatomische Grundkenntnisse über die Wirbelsäule und ihre Funktion vermittelt.

Stolpersteine

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Die Sinne werden geschärft, um Kraft zu sparen.

Nun wird’s knifflig: Der Kletter-Coach dirigiert mich durch die Wand und gibt mir Griffe und Tritte vor. Stolpersteine inklusive. Ich verknote mir dabei fast die Beine oder baumele plötzlich nur noch an einer Hand und auf einem Fuß an der Wand, weil die Balance in Schieflage ist. Die Lösung liefern zwei spezielle Klettertechniken: das Überkreuzen und Eindrehen. Die Hüfte zur Wand drehen, den Körperschwerpunkt geschickt verlagern, den Rumpf stabilisieren – und schon stimmt das Gleichgewicht wieder. Die Konsequenz für den Rücken: Manchmal bringt’s ein ungewohnter Lösungsweg – nicht immer sind eingefahrene Verhaltensmuster die besten. Das Erspüren von Dysbalancen und die richtige Muskelspannung zum richtigen Zeitpunkt können helfen.

Orientierung

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Das tut dem Rücken gut

Und dann darf ich endlich Höhenluft schnuppern. Abenteuerlustig erklimme ich die Wand. Verflixt, an manchen Stellen ist der nächste Griff außerhalb meiner Reichweite! Wie hangele ich mich da bloß hin? Mit ein bisschen Grübeln und Ausprobieren helfen dann aber die erlernten Klettertechniken weiter. Doch nach einer Weile des erfolgreichen Aufstiegs meldet sich dieser Gedanke aus Kindertagen: Verflixt, ich muss hier irgendwie wieder runter! Unten steht Grischa Neubert, hält ein Seilende in der Hand, das andere ist über eine Umlenkung an der Hallendecke mit meinem Gurt fest verknotet. Irgendwie schaffe ich es, überwinde mich und lasse die Griffe auf sein Kommando einfach los. Sanft gleite ich am Seil zurück zum Boden. „Hast du daran gedacht, dass du mit dieser Kletteraktion gerade enorm deine Rückenmuskulatur gestärkt hast?“, fragt mein Retter anschließend. Nö, das habe ich bei dieser faszinierenden Steilwand-Erklimmung schlicht vergessen. Aber meine Rückseite fühlt sich gut an – der Muskelkater kommt garantiert morgen.

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