4. Mai 2010
Ein Bio-Siegel rettet den Regenwald

Ein Bio-Siegel rettet den Regenwald

Ein grüner Frosch ziert das Siegel der „Rainforest Alliance“. VITAL-Redakteurin Imme Bohn hat die Umweltschutzorganisation bei der Kaffeeernte in Kolumbien begleitet

Orangen, Bio-Siegel
© Jens Hilberger - Fotolia
Orangen, Bio-Siegel

Ein Glas Orangensaft auf dem Mahagonitisch. Daneben eine Tasse Kaffee, gesüßt mit Zucker, und ein Salat aus frischen exotischen Früchten. „Schon beim Frühstück können wir weltweit Berührung mit dem Regenwald haben“, sagt Chris Wille, 61, Chef der Landwirtschafts-Sparte der Umweltschutzorganisation „Rainforest Alliance“ in Costa Rica. Denn: Orangen, Holz, Kaffee, Tropenfrüchte und Zuckerrohr sind Produkte, die im Regenwald wachsen und bei falschen Anbaumethoden zu dessen Existenzbedrohung beitragen.

Die fortschreitende Vernichtung des Regenwalds hat extreme Folgen fürs ökologische Gleichgewicht und das Klima. Insofern hat die Arbeit der unabhängigen Nichtregierungsorganisation „Rainforest Alliance“ in Latein- und Südamerika mehr mit unserem Alltag zu tun, als wir vielleicht annehmen. Seit mehr als 20 Jahren setzt sie sich für den Erhalt des Regenwalds ein und zertifiziert Farmen und Anbaubetriebe mit einem Siegel, auf dem ein grüner Regenwaldfrosch zu sehen ist. Viele Produkte mit dem Frosch-Label – wie Kaffee oder Tropenfrüchte – sind bei uns in Supermärkten zu finden. Über 34 000 landwirtschaftliche Betriebe in weltweit 60 Ländern bauen heute nach den Agrarmethoden der „Rainforest Alliance“ an.

Bildung bringt Wohlstand

Bildung bringt Wohlstand

Zu ihnen gehört auch die Farm des 59 Jahre alten Geraldo Rodriguez. Seit drei Jahren trägt sie in der Region Huila im Süden von Kolumbien das Label mit dem Frosch. Bei unserem Besuch fällt sofort auf, wie gepflegt und aufgeräumt alles aussieht. Vieles, was bei uns selbstverständlich ist, wird hier erst durch die Zertifizierung zum Standard. Abfälle werden nach Glas, Plastik und organischem Müll getrennt. Biologische Düngemittel stehen separat von Werkzeugen und Arbeitskleidung. Ein gut durchlüfteter Raum mit Fenstern bietet vernünftige Schlafplätze in Etagenbetten für die Saisonarbeiter.

Bananen, Bio-Siegel
© Sabrina Voss - Fotolia
Bananen, Bio-Siegel

Auf nicht zertifizierten Farmen sieht es da oft ganz anders aus: „Die Erntehelfer schlafen, zusammengepfercht in engen Räumen, auf dem Fußboden“, erzählt mir ein junger Kaffeepflücker. Für Farmer Rodriguez hat sich durch die Zertifizierung viel verändert. Die Arbeit in der Plantage ist effektiver und sicherer geworden. Er hat besseren Zugang zu den Facheinkäufern – und die bewerten seinen Kaffee als besonders hochwertig. Da sich die „Rainforest Alliance“ auch für eine bessere, kostenlose Schulbildung einsetzt, sieht er große Chancen für eine gute Ausbildung seines Enkels Andres. Er weiß, wie nah Wissen und Wohlstand beieinander liegen. Auch sein Sohn Carlos Alberto Rodriguez ist auf der Farm tätig. Dessen nächstes Projekt: den Anbau von Farnen und Schnittblumen von der „Rainforest Alliance“ zertifizieren zu lassen.

Nachhaltigkeit und Standards

Nachhaltigkeit und Standards

Die ist an der Vermarktung sämtlicher Produkte nicht beteiligt und arbeitet als Non-Profit-Organisation ohne eigene Gewinne. Für die Zertifizierung der Farmen hat sie gemeinsam mit dem „Sustainable Agriculture Network“, einem Zusammenschluss unabhängiger Umweltschutzorganisationen, ihre Standards entwickelt. Bis zu 200 verschiedene Umwelt-, Sozialund Arbeitsschutzkriterien sind hier festgeschrieben. Farmen zahlen für die Zertifizierung und die regelmäßigen jährlichen Kontrollen eine Gebühr, die je nach Größe und Möglichkeiten unterschiedlich hoch ausfällt. Heute werden 380000 Hektar Landfläche nachhaltig bewirtschaftet – ein Plus von 58 Prozent in den vergangenen zwei Jahren. Größter Anteil hierbei: Kaffee. Seit 2003 hat sich der Verkauf von „Rainforest Alliance“-zertifiziertem Kaffee im Schnitt jährlich verdoppelt.

Südfrüchte, Bio-Siegel
© Steve - Fotolia
Südfrüchte, Bio-Siegel

Zuletzt betrug die Verkaufsmenge über 90 Millionen Pfund. Das sind zwar nur 0,8 Prozent der weltweiten Verkaufsmenge – aber mit steigender Tendenz. Firmen wie Jacobs Kaffee und Tchibo haben ihn in ihrem Programm. Die Fluggesellschaft KLM und die Fast-Food-Kette „McDonald’s“ schenken den Kaffee an ihre Kunden aus. „Ich arbeite mein ganzes Leben mit Kaffee“, erzählt mir die 45 Jahre alte Marisol Celi. Gemeinsam mit ihrem Mann will die engagierte Mutter von vier Kindern ihre Farm zertifizieren lassen. Für die Zukunft bedeutet das, auf prophylaktische Schädlingsbekämpfungsmittel komplett zu verzichten. „Unsere Anforderungen sind in diesem Bereich noch strenger geworden“, erklärt Oliver Bach, weltweit verantwortlicher Standard- Manager bei „Rainforest Alliance“. Sollte tatsächlich ein Insektizid notwendig sein, darf nur ein wenig belastendes Mittel eingesetzt werden.

Handarbeit statt Gift

Handarbeit statt Gift

Für Marisol bedeutet das, diejenigen Kaffeekirschen, die vom winzigen Broca-Käfer durchbohrt wurden, regelmäßig mit ihren Arbeitern per Hand abzupflücken und sofort aus der Plantage zu entfernen. Nur so kann sie die Verbreitung des lästigen Schädlings verhindern. Schon jetzt pflanzt sie neue junge Kaffeesetzlinge zusammen mit Bananen- und Avocadopflanzen an.

Kaffee, Bio-Siegel
© Stefan Thiermayer - Fotolia
Kaffee, Bio-Siegel

Der Kaffee wächst so in einer Schatten spendenden Mischkultur heran, die vielen Tierarten – von Vögeln bis Affen – Lebensraum bietet. Doch nicht nur Tropenfrüchte oder Kaffee tragen das Frosch-Label. Gemeinsam mit anderen Organisationen entwickelte die „Rainforest Alliance“ das „Forest Stewardship Council“ (FSC)-Siegel für die Forstwirtschaft. Es steht auf Möbeln, Bauholz oder Papier aus nachhaltigen Wäldern. Im Bereich Tourismus hat „Rainforest Alliance“ die Gründung einer weltweit agierenden Akkreditierungsbehörde auf den Weg gebracht, die nachhaltigen Tourismus standardisiert und transparenter macht. Umweltschützer Wille sieht nicht nur beim Frühstück die Nähe zum Regenwald: „Mit dem Kauf zertifizierter Produkte hat jeder Verbraucher in Deutschland Einfluss auf die Arbeit der Farmer, das Klima – mit anderen Worten: auf das globale Leben.“

Schutz für den Regenwald - umweltverträgliche Produkte tragen das Frosch-Siegel

Die „Rainforest Alliance“ mit Sitz in New York wurde 1987 gegründet. Sie hat heute ca. 40 000 Mitglieder und ein Budget von ca. 16 Millionen Euro im Jahr, das sich aus Spenden, Zertifizierungsgebühren und zu 50 Prozent aus öffentlichen Fördermitteln zusammensetzt.





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