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Liebesrezept Das richtige Rezept für die Liebe

Weihnachtsmenü, Schulkantine, Veggie-Day: Neben dem Wetter ist Essen das Small-Talk-Thema Nummer eins. Doch eigentlich geht es um etwas anderes, stellt VITAL-Kolumnistin Verena Carl fest.
Frau mit einer Schüssel in der Hand rührt mit einem Schneebesen

Kennengelernt hatten sie sich kurz nach dem Erntedankfest. Ihre erste Krise kam pünktlich zum ersten Advent. Empört berichtete unsere Freundin von einem gemeinsamen Wochenende mit ihrem neuen Liebsten: schnödes Parkplatz-Picknick statt Candle-Light-Dinner. Zwei Tage vor Weihnachten stand für den Freundeskreis fest: Dieses junge Glück würde die Silvesterböller nicht überstehen. Weniger weil sie sich nicht auf ein Weihnachtsmenü einigen konnten. Schließlich prallen in vielen Familien die Heringssalatund die Gefüllte-Gans-Fraktion unversöhnlich aufeinander. Sondern weil das Paar über nichts anderes mehr sprach als über seine inkompatiblen Ein kaufslisten. Es läuft immer gleich: Das Thema kommt stets dann verstärkt auf den Tisch, wenn es eigentlich um ganz andere Fragen geht. Um das richtige Rezept für die Liebe, um die Frage, wer das größte Stück vom Kuchen bekommt und wer am ausgestreckten Arm verhungert. Das gilt fast für jeden. Egal, ob Imbissbuden Gänger oder Bioladenkunde, ob Veganer oder Fleisch-Fan. Ausgenommen sind höchstens Köche, Ökotrophologen und Diätbuch-Autoren. Die beschäftigen sich schließlich von Berufswegen mit Ernährung. Aber selbst bei denen könnte es ein Alarm zeichen sein, wenn das Thema ihre Beziehungsgespräche vergiftet.

Nicht nur beim Weihnachts- und Silvestereinkauf kann Essen wie ein Brandbeschleuniger auf uralte Konflikte wirken. Das Gleiche gilt für Elternabende, auf denen länger über die Schulkantine diskutiert wird als über die nächste Schulreform. Und wenn etwas in Erinnerung bleibt vom letzten Wahlkampf, dann ist es die Empörung über einen staatlich verordneten Veggie-Day. Da ging es auch nicht um Grünkernbratlinge. Sondern um die große Frage: Freiheit oder Zwang?

Aber warum ist Essen so ein sensibles Thema? Ich glaube, der Grund liegt weit zurück – in unserer eigenen Kindheit. Schon für ein Baby sind Nahrung und Liebe aufs Engste miteinander verknüpft. Gestillt wird nicht nur der Hunger, sondern auch das Bedürfnis nach Nähe. Später zählen Geschwister argwöhnisch ihre Weihnachtsplätzchen: einen bunten Schokokringel mehr als ich – heißt das, Mama hat dich lieber? Und der 22-jährige Maschinenbaustudent, der enttäuscht ist, weil’s zu Heiligabend nicht wie immer Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat gibt – der möchte einfach noch einmal Kind sein. Und darf nicht. Um den Kartoffelsalat geht es dabei am allerwenigsten. Ein zutiefst menschlicher Impuls also. Einer, aus dem sich etwas machen lässt. Denn solange Paare, Familien und Freunde noch erbittert übers Essen streiten, meinen sie gleichzeitig: Du bist mir nicht egal. Ich möchte, dass wir uns miteinander wohlfühlen. Unserer beziehungsgestressten Freundin haben wir deshalb geraten, das Thema zu wechseln und das eigentliche Problem anzuschneiden. Sich nicht mehr über den Heringssalat zu beschweren, sondern ihrem Liebsten zu erklären, warum ihr das erste gemeinsame Weihnachten so wichtig ist. Dass sie nicht nur Gans essen möchte, sondern auch feiern, dass sie sich mit über 40 wieder verliebt hat. Danach sah es so aus, als würden wir doch alle gemeinsam Silvester feiern. Und ich muss mir ein Tisch-Raclette mit integriertem Grill besorgen. Käse und Kartoffeln, Tofu und Filet, Rhabarberschorle und Rot wein. Damit bloß niemand zu kurz kommt.

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Autor:
Verena Carl