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Reise Winter in Estland

Schneebedeckte Einsamkeit – das ist der Winter in Estland. Doch auch in klirrender Kälte kommt man oft ins Schwitzen. Und am Ende werden geheime Wünsche wahr. VITAL-Mitarbeiterin Harriet Wolff hat’s erlebt.

Estland

Gerade als es losgeht, fällt mir das Wort wieder ein: „Terveseks!“ – „Prost!“ Tatsächlich würde ich mir jetzt am liebsten selbst zuprosten. Mit einem Flachmann. Denn ich habe Muffensausen. Um mich herum bellt, kläfft und jault es infernalisch. Maja, Trömsö und Dikzak, Schlittenhunde der Rasse Alaskan Malamut, sollen mich gleich in die verschneiten Nadel- und Birkenwälder nahe dem Karula-Nationalpark ziehen.

Estland

Eine Art Flosse mit Widerhaken drunter – so beschreibt Autorin Harriet Wolff die Schneeschuhe.

Als ich an diesem klirrend kalten Wintermorgen bei Steven Litaer und seinem winzigen selbst gebauten Holzhaus ankam, sah ich mich in einem Schlitten sitzen, träumend in dicke Decken gehüllt. Und jetzt das! Steven zurrt noch mal die drei Hunde fest, die er vor mein Gefährt gespannt hat – auf dem ich aufrecht auf den Kufen stehe. „Halt dich am Griff fest!“, ruft seine Freundin Esther, „sonst fliegst du weg, wenn er sie losbindet!“ Dann fliege nicht ich davon, sondern nur meine Angst, nachdem ich auf den ersten Metern das mulmige Gefühl hatte, samt Maja, Trömsö und Dikzak in den verhangenen Winterhimmel abzuzischen. Die drei Kraftpakete ziehen mich durch den Schnee; ich fühle mich wie ein Gladiator, stehe allerdings noch ein bisschen verkrampft auf meinem Schlitten. Trömsö, das Leittier, sorgt energisch dafür, dass Maja, Dikzak und ich in der Spur bleiben und dass wir nicht den Anschluss an Steven verlieren, der vier Hunde vorgespannt hat.

Schlittenhunde lenken ist das reinste Fitnesstraining und bringt Anfänger wie mich bald aus der Puste. Wir verschnaufen auf einer Kiefernlichtung. Steven zeigt mir winzige Abdrücke: die Spur eines Schneehasen. In den Wäldern, die ein Drittel Estlands bedecken, verstecken sich auch Rentiere, Braunbären, Luchse und Wölfe. Kommt da hinter der großen Tanne nicht gerade ein Elchgeweih hervor? Als ich einen Schritt mache, trabt der Elch schnaubend auf Nimmerwiedersehen davon.

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