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Ferien Wanderurlaub im Sauerland

Urlauben Sie doch vor der Haustür, mitten in der Natur: Im Sauerland, nur einen Steinwurf vom Ruhrgebiet entfernt, traf unsere Autorin interessante Menschen. Szenen einer Wanderung.

Wandern Sauerland

Angenommen, Luft gäbe es in Flaschen, dann stünde auf der Abfüllung dieses Morgens: klar wie eine Bergquelle, mit Noten von Nadelhölzern und Äpfeln, im Abgang mit dezentem Aroma von – Schwein.  

Schnupper-Test: Autorin Christiane Bongertz auf der Kräuterwanderung

Gerade saust das Borstenvieh-Duo Rudi und Rudi grunzend heran und stürzt sich auf die Äpfel, die Michael Pfannes mitgebracht hat. Gut, dass die Jungs nicht wissen, dass es vor ihnen schon viele Rudis gab und ihr nettes Herrchen Chef des Landhotels „Schinkenwirt“ ist. Bei ihm in Olsberg, südwestlich von Brilon, beginnt unsere Tour.
Ein Zitronenfalter tänzelt durchs Berg- und-Tal-Panorama, Scottish-Highland-Rinder beäugen uns. Der Liebe wegen landete der Franke Michael Pfannes 1998 hier und übernahm mit seiner Frau Gabi den Waldgasthof ihrer Familie. „In den kamen nur Männer mit Kniebundhosen“, sagt der 42-Jährige und grinst. Gabi, 36, ergänzt: „Und die wollten ihr Schnitzel.“
Pech für die Schnitzelfreunde, dass das Paar sich Rhodesian-Ridgeback-Dame Ronja zulegte. „Auf Spaziergängen mit ihr hab ich meine neue Heimat entdeckt“, schwärmt Michael. Ab sofort kochte er mit allem, was die Natur hergab: Pilze und Wildsalate, Kräuter, Blüten, Tannenspitzen. Dazu Wild, Honig vom Imker neben an, Käse und Fleisch von glücklichem Vieh aus der Region (die Rudis!). Nichts Paniertes. Das alarmierte die Dörfler. Doch wer auf den Eisenberg kam und probierte, war bekehrt. 
Marmelade

Rosen zum Essen – selbst gekocht

Heute wird z. B. Bergkäse-Birnen-Carpaccio und Angus-Filet mit Kapuzinerkresse und Borretschblüte serviert, das Haus ist Dauergast in den Top 10 des Westfälischen Gastronomiepreises und ganz Olsberg stolz drauf. Nur Tochter Marlene, 10, hätte gern mal was Paniertes: Fischstäbchen.

Der Rothaarsteig 

Bei Brilon erhebt sich vor uns ein steiler Pfad über knorrige Wurzeln. Da rauf? Das Schild mit dem „R“ lässt keine Zweifel. Na denn! Wären wir nicht schon außer Atem, als wir die Kuppe des Ginsterkopf erreichen, hielten wir ihn jetzt an: ein grünes Meer bis zum Horizont, sanft gewellte Berge, darüber Wanderfalken im Gleitflug. Nur der Wind pfeift, verpasst Gräsern eine Sturmfrisur und bläst den Kopf frei. Und das alles 50 Kilometer Luftlinie vom Ruhrgebiet entfernt.
Jetzt schmeckt unser Lunch-Westpaket, mitgenommen aus der „Hiebammenhütte“ in Brilon, doppelt gut. Kurz darauf begegnet uns eine duftende Unbekannte, ganz in Pink. Zunächst nur wenige Pflanzen, dann immer mehr. Als sich linker Hand die Bruchhauser Steine auftürmen, vier vulkanische Felsriesen, 400 Millionen Jahre alt und eisenzeitliche Kultstätte, ist der Duft benebelnd wie das Parfüm einer exzentrischen Diva.

Rose Cottage

Das „Rose-Cottage“ im Gutshof Schloss Bruchhausen

„Das ist Indisches Springkraut, die reinste Plage“, schimpft Mechtild Heidrich. Sie steht in Olsberg-Bruchhausen in einer märchenhaften Kulisse: ein Fachwerkhaus neben einem Schlösschen, ein hecken umkränzter Park. Daraus linst ein Kerl neugierig zu uns rüber, fährt mit dem Rasenmäher über einen Apfel – und bekommt eine Saftdusche verpasst. Mechtild folgt unserem Blick und lacht: „Mein Mann. Ohne seine Hilfe wäre das hier nie was geworden.“ Das hier, das sind Rosen, Rosen, Rosen. „Lady Emma Hamilton“ oder „Alba Maxima“ – blühende Beweise von Sauerländer Beharrlichkeit. „Als ich vor 15 Jahren anfing, hieß es: Rosen, in diesem Klima? Vergiss es!“, erzählt die 53-Jährige. Doch die Landfrau, damals noch im drei Kilometer entfernten Dorf Assing hausen ansässig, experimentierte, beschnitt, düngte. Bald zierten dichte Rosenbüsche den Garten der Lehrerin, Ratsuchende pilgerten zu ihr. Rosen, hier?

Doch bald eiferte ihr der ganze Ort nach 

Als die vormals Belächelte dann aus dem „Rosendorf“ wegzog ins Fachwerkhaus mit Park, wo sie seither auch ein Bed & Breakfast betreibt, war der Jammer groß. „So ist das hier“, schmunzelt Mechtild. Etwas dickköpfig sind im Sauerland wohl alle, denke ich später, als wir im „Rose-Cottage“ in die Kissen sinken. Bö-ö-öh! Eine Schafherde begrüsst uns auf der Hochebene des Kahlen Asten, entgegen gängiger Annahme nicht der höchste Berg Nordrhein-Westfalens – das ist der zwei Meter stattlichere Langenberg, mit 843,2 Metern Höhepunkt unseres dritten Wandertages. Gerade fließt der Abenddunst pastellfarben über die Heide. Für Weitblicke müssen wir allerdings nicht mehr ganz rauf: Seit 2007 Orkan Kyrill übers Land fegte und viele flachwurzelnde Fichten fällte, klaffen überall im Wald Schneisen, in denen nun ein Dickicht aus Birken, Disteln und Beeren wächst – das eigene Fans hat. „Da kann sich das Wild rundfressen“, sagt Christel Mewes, 52. Die Sprecherin der hiesigen Jägerinnen hat sich mit Tracht herausgeputzt, ihre Stellvertreterin Katarina Brück, 42, kommt in Jeans und Shirt. Eigentlich wollten wir gemeinsam raus, Rehe beobachten oder Mufflons, die Wildschafe mit den schneckenförmigen Hörnern. Aber das Wetter ist zu gut, das bedeutet zu viele Wanderer. „Das Wild ist sehr heimlich geworden“, seufzt Christel. 

Christel Mewes

Jägerin Christel Mewes kennt hier alle Tiere im Wald 

So sitzen wir eben im Restaurant des Astenturms und bestellen Hirsch. Katarina nicht, die isst nur noch selbst Erlegtes. Ihr Mann war erst dagegen, wegen der Tiere. „Da hab ich gefragt: Schatz, wo kommt denn dein Schnitzel her?“ Die Jägerinnen schießen aber nicht nur. Katarina argumentiert mit der Sehnsucht nach Tradition und Natur: „Oft sitze ich bloß auf dem Hochsitz und schaue mir Rehe mit ihren Kitzen an.“

Wilde Kräuter erkennen

Astrid Völlmeckes Leidenschaft ist dagegen rein pflanzlich. Wir treffen die Wildkräuter-Pädagogin morgens, und kaum sind wir losgewandert, entdeckt Astrid etwas. „Löwenzahn! Die Knospen in Butter gebraten – ein Gedicht!“, ruft sie. Oder: „Vogelmiere – perfekt als Salat mit Äpfeln!“
Wir kosten, pressen Blätter in den Wanderführer und knibbeln Bucheckern auf. Als Astrid sich verabschiedet, sehen wir das Grün um uns herum mit anderen Augen. Die Bäume und Büsche rund ums Feriendorf „Liebesgrün“ sind noch nicht eingewachsen.

Astrid Völlmecke

Kräuterpädagogin Astrid Völlmecke

Beim Stockbrotbacken am Lagerfeuer erzählt Inhaberin Jessica Gerritsen, wie sie erst die „Handweiserhütte“ über nahm. Das Fachwerk-Schmuckstück hatte sie zu Hause in den Niederlanden im Fenster eines Maklers entdeckt. Was der verschwieg: Die „Skihütte“ war keine. „Hier standen früher die ganz teuren Wagen, wenn ihr versteht ...“, sagt die 32-Jährige.
Der halbseidene Ruf klebte am Haus wie der Stockbrotteig an den Zweigen, die wir in die Flammen halten. Doch dann verliebte sich Jessica in Ralf Blümer. Als echter Sauerländer fand der: Aufgeben gilt nicht! Kochkurse und Catering des 44-jährigen Slow-Food-Fans machten die „Handweiserhütte“ zum Magneten. Weil viele Gäste bleiben wollten, ließ das Paar das angrenzende Öko-Luxusdorf bauen. Sobald das Brot gar ist, löst es sich ganz leicht vom Zweig. Kräuterdip, Pils dazu – etwas Köstlicheres kann ich mir gerade nicht vorstellen. Die Sonne senkt sich über dem Tal, das Feuer prasselt. Gäbe es Luft in Flaschen, dann könnte auf der Abfüllung dieses Abends stehen: Reines Glück – sonst nichts.