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Reisereportage Vielseitiges Marseille

Wer die Seele von Marseille sucht, muss die Bouillabaisse probieren: Sie steckt voller Überraschungen – genau wie die Stadt, die sich gerade neu erfindet. VITAL-Mitarbeiterin Katharina Miklis streifte umher

Kathedrale in Marseille

War ich nicht ein schöner Mann, Chéri?“ Michel Lubrano hält ein paar vergilbte Fotos aus den 50er-Jahren in die Sonne. Zusammen mit drei Seepferdchen bewahrt der Fischer seine Schätze der Vergangenheit in einer abgewetzten Schiebermütze auf. Früher, erzählt Monsieur Lubrano mit heiserer Stimme, sei er selbst jede Nacht aufs Meer hinausgefahren. Vor den Frioul-Inseln warf er die Netze aus. Harte Arbeit, schwielige Hände. Alles für die Bouillabaisse. Lubranos Blick schweift gedankenverloren über den Hafen und zur Notre-Dame de la Garde. „La Bonne Mère“ nennen die Marseiller die Kathedrale, die von einem Hügel aus über das Treiben am alten Hafen wacht.

Michel Lubrano gehört zu Marseille wie das Meer, die Luft, die Sonne – und die Bouillabaisse. Hier am alten Hafen, wo ich meine Suche nach der besten Fischsuppe der Stadt beginne, ist Lubrano mit 84 Jahren der älteste Fischer – und noch viel mehr: „Er ist die Seele des Hafens“, schwört die Fischverkäuferin vom Stand nebenan. Seit 60 Jahren klappt der Mann mit den hellblauen Augen jeden Morgen auf dem Quai des Belges seinen kleinen Verkaufstisch mit Seesternen und Muscheln auf.

„Früher waren es auch Drachenkopf, Petersfisch, Seeteufel, Knurrhahn, eben alle Fische, die in eine Bouillabaisse gehören“, erzählt Lubranos Frau Nana. „Mindestens vier Fischsorten müssen es sein“, beharrt die 81-Jährige. So habe sie es von ihrer Großmutter gelernt. Damals, im Fischerviertel Le Panier, drüben hinter der schicken Hafenpromenade Quai du Port. „Aber das ist lange her.“ Nanas Blick verliert sich im Nirgendwo. In das alte Viertel der Fischer soll ich gehen, um Marseille zu verstehen. Dort angekommen, in den schattigen Gassen des Le Panier, schließe ich erst mal die Augen und atme tief ein.

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