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Urlaub to go

Die meisten Mitbringsel verlieren nach der Rückreise abrupt ihren Glanz. VITAL-Kolumnistin Verena Carl kennt allerdings ein paar, die sich auch zu Hause noch sehen lassen können. 

Seit 1996 besitze ich eine CD mit dem Titel „Sevillanas Uno“. Sie erinnert mich an eine Woche in Andalusien, an nächtliche Rotweingespräche auf einer Dachterrasse, tanzende Menschen in bunt gekachelten Bars, den Geruch von Orangenblüten und lecker frittierten Meeresfrüchten.

Die CD ist grauenhaft. Entsetzlich. Unhörbar. Damals dachte ich, ich könnte damit eine Erinnerung konservieren, spanisches Lebensgefühl in meinen Alltag tragen. Als ließe sich mein Ein-Zimmer-Appartement mit der trocken knackenden Nachtspeicherheizung per „Play“-Knopf in eine andalusische Disco verwandeln. Natürlich Fehlanzeige. Aus meinen Boxen kam zwar die gleiche Musik wie aus den Schuppen im Santa-Cruz-Viertel von Sevilla. Aber trotzdem klang das Gitarren-und-Altmänner-Ensemble überhaupt nicht mehr nach dem Soundtrack zu einer lauschigen Sommernacht. Eher nach etwas, womit man den friedfertigsten Hippie-Stier so richtig in Rage bringen könnte. Ein Geschrammel wie die schlimmste Karnevalsmusik. Die erträgt man ja auch nur nach fünf bis sieben Kölsch. Aus irgendeinem Grund hat die CD seitdem etwa vier Umzüge überlebt. Aber hören? Freiwillig? Nie wieder.

Leider haben die meisten Reise-Mitbringsel einen ähnlichen Effekt. Schon mal einen hübschen Stein mitgenommen und auf die Fensterbank gelegt? Plötzlich wird aus dem schimmernden, geheimnisvollen Handschmeichler ein ordinärer Kiesel. Das original kretische Häkelkopftuch, das am Strand noch so lässig aussah, wirkt zu Hause einfach spießig. Ganz im Gegensatz zum Vintage-Kleid im großflächigen Sixties-Muster, das mitten in Manhattan nach dem Kauf sofort ausgeführt werden wollte. Und in Mainz dann ein trauriges Kleiderschrankleben fristet, weil’s einfach zu overdressed ist für die Grillparty bei den Nachbarn. Und dann gibt es noch die ganz mutigen Frauen, die sogar ihre Urlaubsliebe importieren. Aber auch die merken leider meistens sehr schnell: Am Fahrkartenschalter des Mettmanner Hauptbahnhofs macht Mario längst nicht die gleiche „bella figura“ wie hinter dem Tresen der Mailänder Hotelbar.

Die gute Nachricht: Es gibt durchaus Reisemitbringsel, die ihren Charme auch zu Hause nicht verlieren – und sie kosten nicht mal was. Entdeckungen, Rituale, die wir nicht zusammen mit dem Hotelzimmerschlüssel wieder abgeben sollten. Mein Mann und ich haben über die Jahre so einige davon angesammelt. Zum Beispiel die Sonntage ohne Armbanduhr, die sich im heimischen Beachclub genauso zeitlos anfühlen wie am Strand von La Palma. Das Rezept für Penne allo Stretto, Nudeln mit Schwertfisch, Oliven und Radicchio: sizilianisches Flitterwochen- Feeling zum Sattessen, mitgebracht aus einem Lieblingslokal in Taormina. Den Sundowner auf dem Balkon, bei dem Dierk und ich uns über alles austauschen dürfen, nur nicht über Themen wie Fensterputzen, Steuererklärung oder die Frage, warum unsere Tochter alles Gemüse verschmäht außer Spinat.

Was auf Rügen funktioniert, funktioniert auch in Hamburg-Altona und ist besser als jedes Fernsehprogramm. Vorausgesetzt, man hat einen Westbalkon. Und dann wäre da noch meine Nummer eins auf der Endlosliste perfekter Reisemitbringsel: Henri. Ganz zufällig wurde mein Sohn nämlich genau neun Monate nach einem romantischen Winterwochenende in München geboren. Liebesgewohnheiten sind wahrscheinlich das Allerschönste, das man aus dem Urlaub importieren kann. Sie müssen ja nicht immer so schwerwiegende Folgen haben.    

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Autor:
Verena Carl