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Wintersport Skilanglauf im Thüringer Wald

Im Winter ist hier Langlauf-Saison. Vordergründig. Tatsächlich geht es auf dem Rennsteig im Thüringer Wald um die idyllische Natur und das Träumen in der großen Stille (auch im Sommer).

Langlauf Thüringer Wald

Wie das blendet! Ich kneife die Augen zusammen, reiße sie wieder auf und sehe immer noch ein Traumgemälde in strahlendem Weiß: Schlanke Kiefern tragen wallende Schneekleider, als wollten sie gleich zu einem Ball. Auf den Dächern der Häuser sitzen mächtige weiße Hauben, wie sie nur Frau Holle erfunden haben kann. Und was verbirgt sich wohl unter diesen seltsam geformten Schneehügeln? Ein Mann stapft mit einer riesigen Schaufel entschlossen zu so einem Hügel und fängt an zu graben. „Schon wieder Neuschnee“, brummt er. „Das gleiche Theater wie vorgestern. Noch mal 1,50 Meter. Aber was soll man machen?“ Ich schaue ihm gespannt zu und sehe, wie ein rotes Dach zum Vorschein kommt. Der Mann gräbt sein Auto aus! Wo bin ich hier nur gelandet? In Grönland? Neufundland? Sibirien? Nein, in Thüringen, mitten in der Zivilisation. Na ja, nicht ganz. Das Dorf Masserberg, das ich ges tern Nacht auf verschlungenen Zufahrtswegen erreicht habe, liegt ziemlich eigenbrötlerisch abgeschieden, thront allein auf einer Höhe von etwa 800 Metern. Nicht viel, doch hoch genug gelegen für diesen Schneewahnsinn, der jedes Geräusch schluckt und es von der restlichen Welt abschneidet. Ich bin selbst schuld. Musste ja unbedingt wieder herkommen. An diesen Ort, von dem ich nur ein paar lose Erinnerungsbilder aus der Kindheit hatte: Wald, Wiesen, Täler, Bäche. Allerdings im Sommer, also in Grün, nicht in diesem unerhörten Weiß. Während ich noch verwirrt vor dem Hotel hin und her stapfe und überlege, unter welchem Hügel mein Auto verschüttet stehen könnte, kommt ein Mann auf mich zu. „Sind Sie diejenige, die heute unbedingt Skilaufen will?“, fragt er leicht vorwurfsvoll. Ja, die bin ich. Das hatte ich vor lauter Weiß fast vergessen. 15 Minuten später stehe ich mit Langlauf-Skiern, Schuhen und Stöcken aus der Verleihstation bereit.

Festes Ritual: Rennsteigtropfen 

Wanderführer Walter Lipfert deutet stumm in Richtung Wald, der wie eine weiße Wand gleich neben dem Hotel beginnt. Los geht’s. Zwischen den schwer beladenen Buchen und Fichten schlingert sich ein Pfad hindurch. Schmal und beharrlich führt er in den Wald hinein. Nur am schlichten Holzschild mit dem großen „R“ erkennt man diesen Weg als Rennsteig. Walter Lipfert zieht wie zum Beweis ein paar winzige Schnapsflaschen aus dem Rucksack: „Rennsteigtropfen“. Die gehören als festes Ritual dazu und sollen irgendwo auf dem 168,3 Kilometer langen Rennsteig getrunken werden. Aber noch ist nichts vollbracht, und so lehne ich höflich ab, vorerst. Der Rennsteig schlängelt sich gemächlich dahin, mal als besserer Trampelpfad, mal als breiter Weg. Zwischendurch ein paar Mini-Abhänge mit Warnschildern – für Abfahrts-Skifahrer ein Witz. Die Bewegung geht zum Glück von allein, man muss sie nicht lernen, ein schwereloses, müheloses Vorwärtsgleiten. Ich höre nur das leise Schnurren der Skier im Schnee. Ein angenehmer Klang, wie das gleichmäßige Surren eines Spinnrads. Ansonsten ist alles still, eine leicht unheimliche Ruhe – na klar, Vögel singen jetzt noch nicht. In der Ferne erkenne ich ein paar Spaziergänger als farbige Tupfer. Schon nistet sie in meinem Kopf, diese erste Zeile „Über allen Wipfeln ist Ruh“ des Gedichts „Wanderers Nachtlied“, das Johann Wolfgang Goethe 1780 mit Bleistift an die Wand einer Holzhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau schrieb. Nicht weit von hier. Solche simplen Hütten, die „Ausspannen“, bieten nur Schutz vor dem Wetter, sonst nichts. Die Profi-Langläufer überholen uns spielend, zischen vorbei mit ihren ausholenden Bewegungen.

In der Langsamkeit liegt die Kunst

Lipfert sieht den Rasern kopfschüttelnd nach: „Schnell kann ja jeder. In der Langsamkeit, da liegt die wahre Kunst.“ Skilanglauf ist für ihn nicht nur Sport, sondern Meditation und Inspiration: „Nach zehn Kilometern sind die Sorgen weg, der Geist ist ausgemistet und öffnet sich für neue Gedanken.“ Nach und nach erfahre ich, dass Walter nicht nur als Wanderführer arbeitet, sondern auch als Grafiker, Maler und Kunsttherapeut. Wenn ich mit irgendwem im Thüringer Wald verloren gehen sollte, dann mit so einem, der so schön über das Prinzip der Ganzheitlichkeit reden kann: über die Einheit aus Körper, Seele und Geist, die Einheit aus Mensch und Natur, das göttliche Wesen in der Natur. Meinen Geist lullt der gleichmäßige Rhythmus aus Abdrücken– Gleiten –Abdrücken allmählich ein. Mit jedem Kilometer kostet die Bewegung weniger Konzentration, dafür verschärft sich die Wahrnehmung, und ich sehe die Idylle rundherum. Eine Kulisse wie aus einem tschechischen Märchenfilm. Wo sind nur die Prinzen, die Zwerge, die Wichte? Jeden Moment könnten sie aus dem Dickicht hervorrascheln. Wundern würde mich das nicht. „Manche Menschen ertragen diese Stille nicht“, sagt Walter. Die verpassen was, denke ich.

Die Liebe zum Wald

Etwa die jahrhundertealten verwitterten Grenzsteine längst gewesener Herzogtümer am Wegesrand. Sie trennten das Herzogtum Sachsen-Meiningen vom Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Rudolstadt oder umgekehrt. Der Rennsteig selbst wurde zum ersten Mal 1330 als „Rynne stieg“ urkundlich erwähnt. Damals nutzten ihn vor allem Kuriere und Kaufleute. Heute wollen ihn jedes Jahr mehr als 100 000 Touristen besteigen, erwandern oder auf Skiern ablaufen. Am meisten lieben ihn die Thüringer selbst. Wer hier lebt, fährt Ski, sooft es geht. So wie die junge Frau, die zeitgleich mit uns an einer Gabelung hält. Kürzlich war sie für einige Zeit in Nepal: „Wochenlang habe ich keinen einzigen Baum gesehen. Da musste ich zurück.“ Sie starrt in den Wald: „Irgendwann kommen alle wieder.“ Mit diesen Worten stößt sie sich kräftig ab und surrt davon. Walter und ich entscheiden uns für eine Rast in der Gaststube „Zum Rennsteig“ in Friedrichshöhe. Die anderen Gäste gucken grimmig. So ist das in Thüringen: Erst tun sie aus Prinzip unfreundlich, und nach nur einem Bier stößt man schon auf die Freundschaft an. Walters Augen glänzen. Er redet über seine Liebe zum Wald, die Heimat und was ihn hält: „Es ist die Gesamtheit aus Geschichte, Natur und Kultur. Es sind die Menschen, es ist alles zusammen. Die Einheit im Ganzen, verstehen Sie?“ Natürlich verstehe ich. Die Rast dauert drei Stunden. Egal, wir haben Zeit. Darum geht es ja, um Langsamkeit und die Kunst, mal anhalten zu können. 17 Kilometer habe ich am Ende geschafft. Keine sportliche Glanzleistung, aber mein Kopf und mein Körper fühlen sich an wie frisch gewaschen, fast so rein und weiß wie der Schnee.

Der Vital-Reiseplaner

Der Rennsteig, berühmtester Höhenwanderweg Deutschlands, beginnt am Mittellauf der Werra in Hörschel bei Eisenach und endet nach 168,3 Kilometern am Oberlauf der Saale im bayerischen Blankenstein (Landkreis Kronach). Dabei führt er relativ ausgeglichen durch die Kammlagen des Thüringer Waldes, durch das Thüringer Schiefergebirge und den nördlichen Teil des Frankenwalds. Sechs Etappen bieten sich an, natürlich kann man auch mittendrin „einsteigen“. „Gut Runst!“ grüsst man klassisch auf dem Rennsteig, doch ein schlichtes „Ski Heil!“ tut es für Wintersportler auch.

Durchatmen: Masserberg (ca. 870 Einwohner) ist ein heilklimatischer Kurort. Seinen verschlafenen Charme mögen alle, die sich nach totaler Ruhe sehnen. www.masserberg.de

Relax-Bad: Das „Badehaus Masserberg“ bietet Schall-Liegen, Sole-Außenbecken, diverse Saunen und Wellness-Anwendungen wie Rasul, Moorbäder, Lymphdrainagen, Kreide-Peeling etc. Kurhausstr. 8, 98666 Masserberg, Tel. 03 68 70/ 8 13 80, www.badehaus-masserberg.com

Unterwegs im Schnee: Im Winter führen ca. 75 Kilometer gespurte Loipen und Wanderwege durch den Thüringer Wald und den Rennsteig. Neuschnee? Das weiß das Thüringer Schneetelefon: 01 80/5 53 39 99 (14 Cent pro Minute aus dem Festnetz).

Touren mit Walter Lipfert: Der Wanderführer und Kunsttherapeut bietet individuelle Touren durch den Thüringer Wald an, Kontakt über info@atelier-lipfert.de

Wohnen in Masserberg: Z. B. im „Hotel Residenz“ in einer Villa am Waldrand. Toll: die Suiten mit Privatsauna. Ab 59 Euro p. P. mit Frühstück. Kurhaus str. 9, Tel. 03 68 70/25 50, www.residenz-thueringen.de Nicht luxuriös, aber komfortabel mit Badehaus: das „Hotel Rennsteig Masserberg“. Ab 118 Euro pro DZ mit Frühstück. Am Badehaus 1, Tel. 03 68 70/80, www.hotel-rennsteig.com

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