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Kolumne Reisen als Tourist

Natürlich wollen wir alle total individuell in Urlaub fahren. Aber ist touristisches Rudel-Reisen wirklich so schlimm? VITAL-Kolumnistin Verena Carl macht sich Gedanken.

Touristen Reisen

Die Urlaubszeit ist eine Zeit der großen Verheißungen. Und großer Enttäuschungen. Den ersten Dämpfer erlitt ich 1979 in der antiken Palastruine Knossos auf Kreta. Gerade steuerte mein Tagtraum auf seinen Höhepunkt zu (Archäologe Heinrich Schliemann und ich erblicken im Schein der Öllämpchen ein Delphin-Mosaik), da tippte mir jemand auf die Schulter. „Was mach’sch’n du hier?“, strahlte mich Uta Lehmann aus der 3 b an. I was not amused.

Auf dem Schulhof eine Kakaotüte teilen, okay – aber dass Uta in meine Jahrhundert-Entdeckung hineinplatzte, Tausende von Kilometern von zu Hause entfernt, ging eindeutig zu weit. Hierhin gehörten nur die Griechen. Und ich. Na gut: und Mutti. Ich war schließlich erst neun.
 Neunzig Prozent Entspannung, zehn Prozent Ehrgeiz – das ist das Mischungsverhältnis unserer Urlaubsträume. Wir wollen auf schattigen 
Piazze Cappuccino trinken, das Mountainbike malerisch auf eine Almwiese fallen
lassen – aber nicht auf die Picknickdecke
 unserer Nachbarn aus Trochtelfingen.

 

Das
 schlimmste Urteil aus dem Mund eines 
Touristen? „Alles voller Touristen.“ Dem kann man auf verschiedene Art entkommen. Variante eins: Man bewegt sich „jenseits touristischer Trampelpfade“, wie es im Reiseführerdeutsch heißt. Dieser Tipp ignoriert ein winziges Detail: Die Massen trampeln nicht grundlos auf dem Pfad. Jenseits ist es niemals ganz so schön. Die Berge nicht so spektakulär, die Strände voller Algen oder Plastikmüll und die Einheimischen so einheimisch, dass sie sich schlapplachen über unser Traveller-Esperanto („Beach, playa, you know – where normal people go, like, votre famille?“).

Entdeckt man dann doch das Bergdorf ohne Busparkplatz und die versteckte Piazza, dann hat das einzige Ristorante dort Neonlicht wie der türkische Kulturverein Duisburg und macht abends um sieben zu. Obwohl es ein Kriterium erfüllt, das unter Geheimtippjägern hoch im Kurs steht: „Da gehen die Einheimischen hin!“ Zweite Variante: zu komischen Jahreszeiten populäre Reiseziele ansteuern. Etwa Anfang März nach Ibiza. Ist toll da, weiß ich aus eigener Erfahrung. Der Ginster blüht, die Strände sind menschenleer – und sie riechen penetrant nach Farbe und Lösungsmittel. Denn die Strandbars werden gerade für die Hauptsaison frisch gestrichen. Nix Pescado, nix Vino tinto. Die Altstadt von Eivissa ist ebenfalls menschenleer, Läden und Galerien mit dicken Sicherheitsschlössern versperrt. Dieser Ibiza-Trip hat mir die Augen geöffnet.

 

Heute reise ich immer noch da hin, wo alle hinreisen – aber ich halte mich nicht mehr für anders als die anderen. Ich stehe vor dem Spiegel auf der Flugzeugtoilette und sage zu mir: „I am a tourist. And I am proud.“ Wenn Amerikaner sich auf dem Canal Grande schreiend von Gondel zu Gondel verbrüdern („Oh my God, we’re from Wisconsin, too!“), dann bedenke ich sie nicht mehr mit dem blasierten „Altes Europa“-Blick, sondern nicke ihnen warmherzig zu. Käme ich jemals an den Grand Canyon, würde ich, ohne zu zögern, mit schwäbischen Hausfrauen das Preis-Leistungs-Verhältnis von Helikopterflügen diskutieren. Und wenn ich das nächste Mal Uta Lehmann in griechischen Ruinen treffe, werde ich nicht arrogant zur Seite gucken, sondern ihr einen Retsina ausgeben. Versprochen.

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