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Reise Italienisches Trentino

Das verzauberte Tal - so nannte der Schriftsteller Robert Musil das Fersental im italienischen Trentino. Klingt verlockend, fand VITAL-Mitarbeiterin Christiane Bloch und machte sich auf zu einem Ort, den niemand kennt.

Palai

Du fährst ins Fersental? Nie gehört, wo ist das denn? Und da sprechen sie Deutsch?“, fragt die Freundin. „Ja, so was Ähnliches jedenfalls. Und es liegt zwischen Bozen und dem Gardasee. Auf über 1000 Metern. Und an den Balkonen hängen Geranien. Außerdem soll’s dort aussehen wie früher. Etwas aus der Zeit gefallen.“

Sich inspirieren lassen

Zugegeben, bruchstückhafte Informationen aus dem Mund einer Hamburger Reise-Autorin, die noch nicht viel mehr darüber weiß. Der aber ein Satz des Schriftstellers Robert Musil im Ohr hängt.

Rosina Pompermaier

Großmutter Rosina Pompermaier erinnert sich noch gut an die harte Arbeit früher.

Der Österreicher kam 1915 ins Tal und fand es verzaubert. „Verzaubert – das Wort gibt es im Fersentalerischen nicht“, sagt Leo Toller und schaut mich über das Wörterbuch auf seinem Schreibtisch hinweg an. Ein paar Tage später und 1400 Meter höher.
Der Schreibtisch hat seinen Platz im Kulturinstitut in Palai, und auf dem Vokabelwerk steht: „Das kleine Fersentaler Wörterbuch“. „Was Musil meinte, ist unsere wilde, schöne Natur“, erklärt der schlanke Mittvierziger. „Auch die Menschen und ihre Tradition. Es ist hier schon sehr besonders.“ Und schon ist der Kulturreferent und Tal-Experte in seinem Element. Erzählt von der deutschsprachigen Minderheit, die im 13. Jahrhundert hauptsächlich aus Bayern kam und sich auf der linken Talseite ansiedelte. Auf sie gehen die winzigen Orte Palai, Florutz, Eichleit und Gereut zurück. Und die eigene Sprache, eine Mischung aus Bayerisch, Tirolerisch und Italienisch. Bersntolerisch nennen es die Einheimischen.

Die deutschen Anfänge

Drei Jahrhunderte später seien dann deutsche Bergleute gekommen, um Kupfer zu schürfen. „Heute leben etwa 2000 Leute im Tal, 1000 davon sprechen noch immer den Dialekt.“ Die sind mittlerweile von Rom als Sprachminderheit anerkannt, und alle 35 Schüler der Grundschule haben Bersntolerisch als Unterrichtsfach.
„Als ich Kind war, haben wir es nur in der Familie gesprochen und uns auf der Straße dafür geschämt. Ansonsten hat sich aber nicht viel geändert“, sagt Leo Toller. Die Höfe liegen noch immer verstreut am Berghang, einige haben erst vor Kurzem Straßen bekommen. Wo denn das Vieh sei, will ich von Leo Toller wissen. Noch habe ich auf den blumenbetupften steilen Wiesen keine Kuh entdeckt. „Tiere rentieren sich kaum noch“, antwortet er.

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