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REISE Urlaub im echten Italien

Vergessen Sie die Toskana, Ligurien oder Venetien. Wer das echte Italien sucht und dabei allein sein möchte, muss nach Apulien! Monika Dittombée entdeckte ursprüngliches Landleben, schlafende Dörfer und aufgeweckte Menschen.

Die Suche nach dem größten Esel der Welt hatte ich mir einfacher vorgestellt. Irgendwie zufälliger, so im Vorbeifahren. Vielleicht würde er im Licht der untergehenden Sonne durch schattige Olivenhaine streifen. Oder auf einer dramatischen Klippe stehen und sinnierend auf das wogende Adriatische Meer schauen. Meinetwegen hätte er auch locker angeleint vor der besten Gelateria der Stadt warten können, aber das wäre natürlich viel zu einfach gewesen. Der größte Esel der Welt lebt im Absatz des Stiefels. Weit unten in Italien, in einer Region mit 800 Kilometer Küste und 300 Sonnentagen im Jahr: Apulien. Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, dieses Wort. Klingt das nicht ähnlich idyllisch- entrückt wie Arkadien? Und ebenso rätselhaft, denn weiter wusste ich nichts über Apulien. Doch das reichte, um mich sofort auf den Weg zu machen.

„Selbstverständlich haben wir Esel, komm ruhig vorbei“, hatte Ursula am Telefon gesagt, die mich damit nach Corigliano d’Otranto lockte, ein Dorf, 15 Kilometer vom Meer entfernt. Mit ihrem Mann Rocco, 2 Söhnen, 6 Pferden, 3 Hunden, 12 Katzen, 2 Dutzend Ziegen wohnt sie auf der „Masseria Sant’Angelo“. Schon wieder so ein schönes Wort, das mich anspringt: Masseria – diese typisch apulischen Landgüter aus grobem Stein, oft mit trutzigen Wachtürmen, die im Mittelalter den Großbauern und ihren Leuten Schutz vor feindlichen Angriffen boten. Heute werden Fremde freundlich empfangen – und üppig verwöhnt. Ursula lädt den Esstisch mit selbst gemachtem Ziegenricotta und selbst angebautem Gemüse voll. Seit zehn Jahren lebt sie hier, tauschte damals ihr geregeltes Stadtleben in Düsseldorf gegen die Landidylle in Süditalien ein. Rocco ist schuld. Der fröhliche Mann mit Stoppelbart schenkt pausenlos Grappa nach, um auf die Schönheiten Apuliens anzustoßen. Auch Musik gehört dazu, findet er, schnappt sein Tambourin und schlägt es in schwindelerregendem Tempo: „La pizzica“ heißt diese Tanzmusik, eine Form der Tarantella, die eigens dafür erfunden wurde, dass von der Tarantel Gebissene sich das Gift aus dem Körper tanzen konnten, so ist es überliefert. Zum wilden Tanz kommt es heute nicht, dafür aber singt der neunjährige Sohn Lenny ein Lied – und zwar auf Altgriechisch! Corigliano d’Otranto gehört zu den neun Dörfern der sogenannten Grecìa Salentina, wo immer noch Griko, ein altgriechischer Dialekt, gesprochen wird. Manche datieren die Entstehungszeit auf 800 v. Chr., als die ersten Griechen übersetzten, andere auf 900 n. Chr. Rocco sind die Zeitangaben herzlich egal, er ist stolz auf das Erbe: „Die Griechen haben die Demokratie und die schönen Künste erfunden …“ Er streicht sich zufrieden den Bart. Da sucht man nun das echte und unverfälschte Italien – und landet in einer altgriechischen Enklave! Rocco grinst. Am liebsten will er auf der Masseria ein Amphitheater bauen, doch da schüttelt Ursula energisch den Kopf. So eines steht ja auch schon in Lecce, das ich am nächsten Tag besuche. Die berühmte Barockstadt wirkt wie eine Bühnenkulisse, hübsch gemacht und aufpoliert, überall verzierte Engel und Dämonen. Zu viel für mich. „Lass uns hier verschwinden“, dränge ich den Fotografen. Habe nicht mal Lust, in den Läden zu stöbern. Ich müsste mich auch zu sehr anstrengen, um mich für eines von 1000 flatternden Sommertüchern zu entscheiden. 

Von schimmernden Olivenhainen und schaurigen Zeugnissen der Geschichte

So flüchten wir aus der Stadt, raus auf das flache Land, das mal karg und felsig, mal lieblich und sanft erscheint, wandern durch grünsilbern schimmernde Olivenhaine, die das „Gold Apuliens“ tragen. 60 Millionen Bäume stellen 40 Prozent der italienischen Olivenöl-Jahresproduktion. Dazwischen stoßen wir immer wieder auf rätselhafte Überreste: hier ein runder Wachturm, dort zerfallene Steinmauern – schwer zu sagen, ob 200 oder 2000 Jahre alt, und vor allem, von wem diese Überbleibsel stammen. Neben den Griechen haben etliche andere Völker auf dem umkämpften Landstrich Spuren hinterlassen: u. a. Normannen, Langobarden, Staufer, Osmanen, Sarazenen. Viel Blut ist geflossen, davon kündet eine schaurige Hinterlassenschaft in der Kapelle der Kathedrale Santa Maria Annunziata in der Stadt Otranto, wo hinter Glas die Gebeine jener 800 Bürger zu sehen sind, die 1480 von den Türken niedergemetzelt wurden, Ahnenverehrung auf Apulisch. Heute bewegen wir uns hier völlig friedlich – und das Beste: in der Vorsaison auch fast allein. Rätselhafterweise machen die großen Touristenströme einen konsequenten Bogen um Apulien, nur etwa 470 000 deutsche Gäste finden pro Jahr den Weg in den Absatz. Zum Vergleich: Venetien hat mit knapp 12 Millionen etwa das 25-fache an deutschen Touristen. Soll mir recht sein. Umso ungestörter kann ich mich in Tagträumereien verlieren. 

Von uralten Dörfern und dem Klang der Gassen Besonders gut geht das in Locorotondo, Cisternino und Martina Franca, drei Dörfer, die nah beieinander weiter nördlich liegen, und ich mag kaum entscheiden, welches das schönste ist. Die Schritte in den einsamen Gassen hallen hier so dramatisch wider, als wäre man eine tragischstolze Filmfigur auf dem Weg zu einem letzten Treffen mit Giovanni oder Ottavio oder Vittorio, um mitzuteilen, dass man sich nun doch für ein Leben mit Rocco oder Giulio oder Paolo entschieden hätte, keine weiteren leidenschaftlichen Nächte mehr im Olivenhain – e basta! Im verwinkelten Cisternino mit den vielen Treppen freue ich mich sogar, dass ich eine schwarze Katze dahinhuschen sehe, ein Anzeichen von Leben, sonst nur ein paar Wäscheleinen und satte Stille. Gegen Abend stehen oder sitzen dann diese alten Männer in Gruppen vor schrammeligen Cafés, wichtig die Hände in den schwarzen Jackentaschen versenkt, mit Hut und Zigarre, sehen aus, als befänden sie sich schon seit 50 Jahren an der gleichen Stelle. Was tun sie nur? Geschäfte aushecken? Lästern? Oder warten auf die eine, besondere Frau? Solche Figuren kannte ich bisher nur aus dem Kino, doch hier läuft jeden Abend der gleiche Film – und zwar im Original. Auch die „Masseria Torre Coccaro“ bei Fasano mit den strahlend weißen Mauern zwischen knorrigen Olivenbäumen und dem tintenblauen Meer in Sichtweite wirkt wie eine Kulisse für große Liebesgeschichten. Oder für ausgedehntes Dolce Vita: Olivenöl kommt hier nicht nur auf den Tisch, sondern wird, mit getrockneten Olivenblättern vermengt, im Spa als Peeling verwendet, während die Haare mit Kapernöl seidenweich gespült werden. Ein Schönheitsrezept der Kapernpflückerinnen, die früher für ihre glänzenden Haare berühmt waren. So ist es überliefert. Im Biogarten wachsen wahre Schätze, an denen sich Chefkoch Luigi bedient. Ein Bissen seiner Pasta reicht – und ich melde mich umgehend zum Kochkurs an. „Wir brauchen frischen Fisch“, sagt Ottavio Marolla, der den Kochkurs begleitet und mich in die Hafenstadt Monopoli schleppt. Dass er hier aufgewachsen ist, merkt man sofort. An jeder bröckeligen Ecke schallt uns ein fröhliches „Ciao“, „Prego“, „Grazie“ entgegen. Hier ein Plausch, dort ein Handschlag, auch im Marktgetümmel auf der Piazza voller glitzernder Sardinen und Seeteufel, die aussehen, als könnten sie noch zubeißen. Zurück in der Masseria wartet Luigi in der blitzenden Küche, die nicht mehr lange blitzen wird, denn die nächsten Stunden hacken wir Zucchini und Zwiebeln, rollen Pastateig, dass es nur so staubt. Neben Luigi versage ich kläglich, er schnippelt fünfmal so schnell wie ich. Lange übe ich auch mit den Orecchiette, dem Nationalgericht der Apulier, Öhrchennudeln, die nur mit dem gewissen Schwung im Daumen hinzukriegen sind. Doch Luigi muntert mich auf: „Monika, ab morgen fängst du in der Küche an.“ Gerne doch. Aber da war noch was ... Mein Esel! Tatsächlich hätte ich ihn fast vergessen. Nirgendwo habe ich ihn getroffen, weder im Olivenhain, noch in der Gelateria. Ich frage Hotelchef Vittorio Muolo um Rat, er lächelt milde, zückt das Handy, murmelt was von „Àsino! Pronto!“ (Esel! Sofort!) hinein und regelt das.

Von einstürzenden Zipfelmützenhäusern und einem Esel mit Geheimnissen

Am nächsten Morgen holt uns Tina ab, eine resolute Niederländerin, die seit 15 Jahren hier lebt. „Genau genommen ist Apulien eigentlich gar nicht Italien, weil dieser Landstrich so viele Eigenheiten hat“, erzählt sie, während wir durch das Valle d’Itria, das Tal der Trulli, rund um Alberobello fahren. Tina hat sich nicht nur in den Mann verliebt (irgendwas muss an diesen Männern dran sein!), sondern auch in diese eigenartigen Zipfelmützenhäuser. 20 000 Trulli stehen in Apulien verstreut, manche 100, andere 500 Jahre alt. Angeblich konnte man mit ihnen Steuern sparen: „Wenn der Steuereintreiber kam, zog man den Bogenstein raus, der das Dach trägt. Der Trullo stürzte ein, und man tat so, als habe man gar kein Haus. Ist aber nur eine Legende“, sagt Tina und lacht. Inzwischen gelten Trulli als begehrte Wohnhäuser: Sie selbst renoviert gerade ihr eigenes Zipfelmützenhaus. Wann es fertig wird? „Wenn es fertig ist.“ Eile kennt man hier nicht. Dennoch werde ich unruhig, steht doch das Eseltreffen noch aus. Tina löst das Rätsel, warum wir den „Martina Franca Esel“ nirgends gefunden haben: Es gibt in Apulien nur noch etwa 1500 Exemplare, die nirgendwo frei herumlaufen, sondern verborgen gezüchtet werden. Tina lächelt geheimnisvoll und biegt auf einen Schotterweg ab, zum Gehöft „La Badessa“. Dort im Gehege die erste Überraschung: Es ist nicht nur ein Esel, sondern ein ganzes Rudel! Zweite Überraschung: Der größte Esel der Welt ist ein Mädchen! Susanna! Und wie groß ist Susanna nun? „Vielleicht 1,45 Meter“, sagt Tina. Vielleicht? Da muss doch mal einer nachmessen! Vielleicht ist Susanna gar nicht der größte Esel der Welt? Doch andererseits: Genaue Angaben spielen hier sowieso keine Rolle. In diesem Land, das seine Legenden so liebevoll am Leben hält.     

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Monika Dittombée