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Maremma entdecken Maremma - das Herz der Toskana

Magische Berge und die ältesten Cowboys der Welt: In der Maremma erlag unser Mitarbeiter Ulf Lüdeke dem wildromantischen Charme eines vergessenen Naturidylls

Toskana

Ohne Zweifel ein ungewöhnlicher Ort, dieser Monte Labbro, vor allem im Dunkeln. Gebete dringen dann gelegentlich von seiner flachen Kuppe, spirituelle Musik streicht um den Saum seiner Flanken. Esoteriker besteigen ihn meist allein, schweigend, oder zu zweit, seufzend. Sogar Astronomen vergöttern ihn, weil der toskanische Nachthimmel nirgendwo klarer glimmt. Und wenn der Mond den Kalkstein gespenstisch schimmern lässt und die Wölfe heulen, scheint mancher Schatten Beine zu bekommen.

An einem 28 Grad warmen Mittag nähere ich mich dem Gipfel des 1193 Meter hohen Monte Labbro. Wirkt banal von unten, denke ich, mache Tempo und genieße den energischen Westwind auf der Haut, der jede Schweißperle im Nu trocknet. Doch als ich über die Ostseite auf die Spitze gelange, stockt mir der Atem: Wie ein endloses Becken öffnet sich vor mir die mit Auen, Wäldern und Hügeln gefleckte Tiefebene der Provinz Grosseto, durch das Tyrrhenische Meer silbern glitzernd vom Himmel getrennt. Zu meinen Füßen liegt die Maremma, das wilde Herz der Toskana!

Das vergessene Naturidyll der meistbesuchten aller italienischen Regionen reicht vom Süden Livornos bis ins nördliche Latium. Sein Zentrum bildet Grosseto, eine der am dünnsten besiedelten Provinzen Italiens. Ein Lieblingsziel für Reiter, Trekker und Biker, auch gestresste Kulturreisende erholen sich hier. Doch wer dem Monte Labbro zu nahe kommt, sollte aufpassen: So schnell lässt er einen nicht mehr los.

Mich erwischt es auf dem Weg nach Arcidosso, ein mittelalterliches Städtchen, das sich mit seinen Gässchen in den Schoß von Monte Labbro und Monte Amiata schmiegt. „I Rondinelli“ heißt der alte Gutshof, der zartrosa wie ein aufgeblasenes Marshmallow durch grünes Kastaniendickicht schimmert und mich von der Straße lockt. Als mir zwei Minuten später im Schatten der Terrasse selbst gemachter Ricotta mit Brot, Wasser und Wein aufgetischt wird, habe ich das Projekt Arcidosso bereits vertagt. Hier will ich abends nach einem Sprung ins Jacuzzi-Becken die Sonne untergehen sehen, „Besoffenes Wildschwein zu Kastanienpolenta“ essen und mit Luca und Michele Ragnini plaudern. Ihre beiden Söhne, erzählt Mamma Nicolina, haben den alten Kastanienhof der Großeltern vor 15 Jahren in einen Agriturismo verwandelt. Zudem züchten sie auf 130 Hektar Land Maremma-Pferde, Amiata-Esel, Schafe, auf Trüffel oder Wildschweinjagd spezialisierte Spürhunde, brauen Kastanien-Bier, bauen Obst und Gemüse an. Die Brüder in diesem Garten Eden könnten kaum unterschiedlicher sein: Luca, 44, klein und kompakt, besorgt den Hof, während sich Michele, 39, groß und schlank, um die Küche kümmert. „Im Reden mit Gästen ist Michele besser“, versichert Luca.

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